Sergej B. in der Spielothek kurz vor der Schießerei
Sergej B. in der Spielothek kurz vor der Schießerei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Organisierte Kriminalität Blutige Fehde zwischen Mafia-Gruppen in Thüringen und Sachsen

Die Erfurter Mafia-Schießerei 2014 war offenbar Ausdruck einer schon andauernden Fehde zwischen armenischen und tschetschenischen Gruppen in Thüringen und Sachsen. Schon ein Jahr vor dem brutalen Zwischenfall hatte es eine bewaffnete Auseinandersetzung in Weimar gegeben. Diese Information findet sich in zehntausenden Seiten vertraulichen Ermittlungsakten, die MDR THÜRINGEN ausgewertet hat.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Sergej B. in der Spielothek kurz vor der Schießerei
Sergej B. in der Spielothek kurz vor der Schießerei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Abend im April 2013 in Weimar: Der Leipziger Autohändler Timo H. (*Name geändert) sitzt in einer Mercedes S-Klasse vor einem griechischen Restaurant. Seit knapp einer Stunde wartet er darauf, dass in einem Nebenraum des Restaurants ein Problem geklärt wird, das für ihn überlebenswichtig sein könnte. Plötzlich wird die Tür der Luxuslimousine aufgerissen. Ramzan L. packt Timo H. und zerrt ihn aus dem Auto. Er schlägt gegen seinen Brustkorb und schleift ihn in den Nebenraum des Restaurants. Dort sitzen mehrere Männer.

Es kommt zu einem großen Geschrei. Einige der Männer rennen aus dem Restaurant zu ihren Autos und holen Waffen. Andere haben diese bereits bei sich und bedrohen sich gegenseitig. Erst nach einigen Minuten beruhigt sich die Lage wieder etwas.

58.000 Seiten interner Ermittlungsakten

Das alles erzählt Timo H. Beamten des Thüringer Landeskriminalamtes im Herbst 2014, wenige Wochen nach der blutigen Mafia-Schießerei vor einer Spielothek in Erfurt. Seine Zeugenaussage findet sich in internen Ermittlungsakten, die MDR THÜRINGEN im Laufe der letzten Jahre zusammengetragen und ausgewertet hat. Dabei handelt es sich um Akten verschiedener Sicherheitsbehörden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die insgesamt 58.000 Seiten geben einen Einblick in eine komplexe und komplizierte Welt der Organisierten Kriminalität (OK) in den drei Ländern und ihrer bundesweiten Vernetzungen. Dazu gehört auch die Vorgeschichte zur blutigen Mafia-Schießerei 2014 in Erfurt, die unter anderem ein Jahr vorher in Weimar mit ihren Anfang nahm.

Diese Grafik zeigt einen Überblick der organisierten Kriminalität und die bundesweite Vernetzung der "Diebe im Gesetz".
Die Grafik zeigt die Auswertung von Ermittlungsakten zu den regionalen, nationalen und internationalen Verbindungen der armenischen und tschetschenischen Mafia.     Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Geschäft mit den Mafia-Bossen

Was die Thüringer LKA-Fahnder an der Zeugenaussage von H. damals elektrisierte waren zwei Dinge. Erstens erzählte er von der umfangreichen Bewaffnung der Beteiligten an dem Vorfall in Weimar. So sollen im Wagen eines Verdächtigen ein Sturmgewehr und automatische Waffen gelegen haben. Zweitens waren an dem Treffen drei Armenier aus Leipzig und drei Armenier aus Erfurt beteiligt, die von Fahndern alle der armenischen Mafia zugerechnet werden. Ihnen gegenüber saßen drei Tschetschenen, die im Verdacht stehen zu tschetschenischen Mafia-Gruppen in Thüringen und Sachsen zu gehören. Laut H's. Zeugenaussage ging es darum, dass ihm von einem der Tschetschenen zwei Autos gestohlen worden sein sollen. Da H. offenbar seit einiger Zeit mit den Armeniern Geschäfte macht, hatte er sich an sie gewandt mit der Bitte, ihm bei der Rückholung seiner Autos zu helfen.

Kampf um Macht und Geld

Die Auswertung der internen Unterlagen legt den Verdacht nahe, dass es tatsächlich aber um weitaus umfangreichere Konflikte ging, als der Diebstahl von zwei Autos. So heißt es in einer internen Analyse des Landeskriminalamtes Sachsen vom Juni 2015: "Die Tschetschenen wurden im Laufe der Zeit durch die Armenier verdrängt." Das LKA Sachsen ermittelte da bereits gegen eine Gruppe von Tschetschenen, die in Dresden seit Jahren eine komplexe OK-Struktur aufgebaut haben soll. Ein Prozess gegen sie läuft am Landgericht Dresden.

Die Ermittler kommen in ihren Berichten zu dem Schluss, dass seit 2012 zwischen den armenischen und tschetschenischen OK-Gruppen um Gebietsansprüche und Geschäftsanteile gekämpft wird. Es soll um einen millionenschweren Autohandel gehen, bei dem gestohlene Fahrzeuge nach Polen gebracht und dort ausgeschlachtet werden. Die ausgebauten Teile sollen demnach auf dem deutschen Ersatzteilmarkt weiterverkauft werden. Zudem sollen sowohl Tschetschenen, als auch Armenier Autohandel zwischen Belgien und Deutschland betreiben. Hier liegt der Verdacht nahe, dass auf diesem Weg auch Drogen in den überführten Fahrzeugen nach Mitteldeutschland gebracht werden. Sowohl armenische, als auch tschetschenische Gruppen kontrollieren weite Teile des Crystal Meth-Handels in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Es geht um viel Geld und jeder will etwas von diesem Kuchen abhaben.

Streit innerhalb der armenischen Mafia-Gruppen

Doch die Konfliktlinie verläuft, wie in vielen Fällen der Organisierten Kriminalität, nicht trennscharf zwischen Armeniern und Tschetschenen. Aus den internen Dokumenten wird deutlich, dass es auch innerhalb der armenischen Mafia Auseinandersetzungen und Geschäftsstreitigkeiten gibt. So sollen die Erfurter Armenier einer Gruppe aus Berlin und Leipzig mehrere Hundertausend Euro Geld geschuldet haben. Um was für Geld es sich dabei handelt, darüber können auch die Fahnder nur mutmaßen.

Dass dieser Kampf um die Geschäfte aber für alle beteiligten Gruppen wichtig ist, zeigt der Umstand, dass sowohl bei dem Treffen 2013 in Weimar als auch bei der Mafia-Schießerei 2014 in Erfurt mehr Mafia-Bosse dabei waren, als bisher öffentlich bekannt wurde. In dem Datenmaterial finden sich Auswertungsberichte zu den einzelnen Personen.

Mamuka T. (rechts) begrüßt Robert M. (links) den späteren Hauptschützen der Schießerei
Mamuka T. (rechts) begrüßt Robert M. (links), den späteren Hauptschützen der Schießerei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So war bei den bewaffneten Vorfällen in Weimar und Erfurt der Armenier Sergej B.. In einem internen Vermerk des Bundeskriminalamtes findet sich zu ihm eine brisante Spur. Denn sein Onkel ist Organes B., ein von BKA und Interpol identifizierter "Dieb im Gesetz“, eine der höchsten Autoritäten der russisch-eurasischen Mafia.

Bereits seit Jahren gehen OK-Ermittler davon aus, dass armenische Mafia-Gruppen in Berlin und Ostdeutschland von "Dieben im Gesetz"in Belgien und Frankreich gesteuert werden. Sein Neffe Sergej B. lebte bisher in Leipzig und war ein Verdächtiger in einem großen Verfahren um die Herstellung und den Handel von Crystal Meth. 

Als Mafia-Autorität konnte auch Karen K. identifiziert werden, der unscheinbar in Gotha lebt und von dort aus seine Geschäfte betreiben soll. Offiziell ist er Hausmeister in einem armenisch geführten Restaurant in Erfurt. Auch er war laut Polizei bei der Mafia-Schießerei 2014 vor der Spielothek dabei.

Spur zum georgischen Clan

Wer den OK-Fahndern bei ihren Ermittlungen zudem Kopfzerbrechen bereitete, war Mamuka T. Ein Georgier, der in Halle und Merseburg lebte, aber inzwischen untergetaucht sein soll. Bis heute ist ungeklärt, welche Rolle er bei der Mafia-Schießerei gespielt hat.

Klar ist aber, T. war vor Ort. Er wird von BKA und mehreren Landeskriminalämtern der georgischen Mafia zugerechnet. Bei ihm führt eine Spur zum Kutaissi-Clan mit seinem 2013 verhafteten Boss Merab D., der als einer der mächtigsten "Diebe im Gesetz" der russisch-eurasischen Mafia gilt. In einem internen Dokument heißt es, dass Mamuka T., Karen K. und Sergej B. "Anweisungen der Diebe im Gesetz aus Russland, Belgien und Frankreich erhalten und in ihren Zuständigkeitsgebieten umsetzen."

In abgehörten Gesprächen im Zusammenhang mit der Mafia-Schießerei in Erfurt wurde auch bekannt, dass der Georgier T. sogenannte Brigaden in Griechenland, Bulgarien und Tschechien unter sich hat. "Brigaden" sind operierende Verbrecher-Gruppen, die von einem Statthalter oder einer Autorität befehligt werden. Mehrere "Brigaden" gehören zur gesamten Mafia-Struktur, der jeweils ein "Dieb im Gesetz" vorsteht.

"Friedensverhandlung"in Belgien und Moskau

Das gilt auch für die tschetschenischen Gruppen in Thüringen und Sachsen. Sie haben unter anderem ihre Stützpunkte in Dresden, Leipzig, Erfurt und Weimar. Das Hierarchie-Prinzip der "Diebe im Gesetz" ist deckungsgleich mit dem der Armenier. Allein dieser Umstand, so wird es in den Unterlagen deutlich, hat nach der Schießerei im Sommer 2014 Racheaktionen und einen drohenden Mafia-Krieg in Mitteldeutschland verhindert. Denn in abgehörten Telefonaten konnten die Fahnder nachvollziehen, dass es umfangreiche Bemühungen dieser Autoritäten gab, neue bewaffnete Aktionen zu verhindern.

So reiste ein Politiker aus der Kaukasus-Republik Dagestan nach Berlin und Erfurt. Dagestan grenzt an Georgien und Tschetschenien, Armenien liegt in unmittelbarer Nachbarschaft. Der Mann soll gute Kontakte zu Mafia-Bossen in der Region haben. Gemeinsam mit einem russisch-ukrainischem Geschäftsmann betrieben sie Vermittlungsversuche, die offenbar auch Erfolg hatten.

So soll es wenige Monate nach der Schießerei ein Treffen von Vertretern der rivalisierenden Gruppen innerhalb der armenischen Mafia in Belgien und Moskau gegeben haben. Hier sollen mit Geldzahlungen Differenzen zwischen den Gruppen in Erfurt, Leipzig und Berlin beigelegt worden sein. Zudem gab es scheinbar auch Verhandlungen in Russland mit den konkurrierenden tschetschenischen Gruppen. Ein vorläufiger "Friede" konnte hergestellt werden, von dem keiner weiß wie lange er hält.

Gemeinsame Recherchen

All diese Informationen und Ermittlungen führten bereits 2015 dazu, dass sich die Ermittlungsbehörden intensiver mit dem Problem beschäftigten. Bereits im Herbst 2018 machten der SPIEGEL und MDR THÜRINGEN ein umfangreiches Ermittlungsverfahren mit dem Namen FATIL (Fight against Thieves in Law/Kampf gegen Diebe im Gesetz) öffentlich.

Das Bundeskriminalamt und sechs Landeskriminalämter hatten knapp vier Jahre versucht, die Strukturen der armenischen Mafia aufzudecken. Grundlage dafür waren auch tausende Dokumente, die Teil der Datensätze sind, die MDR THÜRINGEN vorliegen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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MDR FERNSEHEN Mi, 27.11.2019 20:45 21:15

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Armenische Mafia und die Diebe im Gesetz

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt Die Story | 27. November 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2019, 05:00 Uhr

38 Kommentare

martin vor 7 Tagen

@pjotr: Ich bemerke einen Unterschied in der Beurteilung.

Sie behaupten, dass die Regierung importierte Kriminalität durch - wie Sie es nennen - bereitwillige Grenzöffnungen (be-)fördere.

Ich weise darauf hin, dass sich die OK hier schon lange vor der sog. "Grenzöffnung" breit gemacht hat und dass die Herrschaften auch bei Wiedereinführung der "alten" Grenzkontrollen weiter fröhlich durch die Weltgeschichte reisen würden - halt wie früher.

Pjotr vor 7 Tagen

Er freut mich sehr, dass mein Beitrag so viel Zuspruch bei Ihnen beiden findet.

Ein Phänomen kann zum Beispiel auch ein Asteroideneinschlag sein. Nicht vorhersehbar und doch eingetreten. Worüber wir hier sprechen ist allerdings schon vorhersehbar gewesen, dass wusste bereits Helmut Schmidt. Das Zitat kennen Sie?

Und zum Thema Russland und organisierte Kriminalität, ja die gibt es dort natürlich. Allerdings handelt es sich dabei zumeist um die eigenen Bewohner des Landes.

In unserem Land, in dem wir gut und gerne leben, öffnet die Regierung jedoch bereitwillig Tür und Tor der importierten Kriminalität. Sie bemerken den Unterschied?

Und da wären wir wieder beim Zitat von Helmut Schmidt. Ich denke das ist sicher auch für Sie verständlich formuliert, oder?

martin vor 7 Tagen

@winfried. Selbstverständlich kann man Recht ändern, wenn man genug Macht hat. Da haben wir Deutschen reichlich Erfahrung ... Nur - ob es danach noch ein Rechtsstaat ist, das ist dann manchmal (k)eine Frage.

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