Kolonialismus Historiker für Umbenennung des Nettelbeckufers in Erfurt

Der Seefahrer Joachim Nettelbeck (1738-1824) hat mit Sklaven gehandelt. Deshalb fordert eine Initiative einen neuen Namen fürs Erfurter Nettelbeckufer. Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, spricht sich nun ebenfalls dafür aus.

Jens-Christian Wagner
Jens-Christian Wagner ist Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. (Archivfoto) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Namensgeber von Straßen sollten in ihrem historischen Kontext betrachtet, aber mit heutigen Wertmaßstäben gemessen werden - das sagte der Historiker Jens-Christian Wagner MDR KULTUR. Hintergrund seiner Äußerungen ist der aktuelle Streit um die Umbenennung des Nettelbeckufers. Die Initiative "Decolonize Erfurt" spricht sich gegen Nettelbeck aus, weil er als Seefahrer auch in den Sklavenhandel verstrickt war. Verteidiger des Namens argumentieren, man müsse historische Persönlichkeiten nach den Maßstäben der damaligen Zeit beurteilen.

Nettelbeckufer in Erfurt: Wagner kritisiert Namen

Für dieses Argument hat Wagner, der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ist, kein Verständnis. "Das ist ein absurdes Argument, wenn wir dahin kommen würden, zum Beispiel NS-Funktionäre nach Maßstäben von 1933 zu bewerten." Wichtig bei der Benennung von Straßennamen sei, dass es dabei um die Würdigung von Menschen geht, die entweder einen besonderen Verdienst oder ein besonderes Schicksal aufweisen können. "Verdienste sollen damit durch die Gesellschaft geehrt werden. Die stehen als positive Beispiele da. Und ich wüsste nicht, was am Sklavenhandel und an dem Erwerb von Kolonien in Afrika ein positives Beispiel sein sollte."

Wagner: Vor Straßenumbenennung nicht zurückschrecken

Die Benennung von Straßen sei ein politischer Akt, so Wagner weiter. Sie zeigten den demokratischen Bewusstseinsstand der Gesellschaft. Entsprechend sollte man auch vor Umbenennungen nicht zurückschrecken: "Wenn eine Benennung einer Straße unserem demokratischen Selbstverständnis nicht mehr entspricht, dann muss man darüber diskutieren."

Zahlreiche Anwohner haben sich gegen eine Umbenennung ausgesprochen und auch im Stadtrat gibt es keine einheitliche Meinung.

Redaktioneller Hinweis: Am Ende wurde noch ein Satz zu weiteren Stimmen ergänzt als Hinweis auf die im hier verlinkten Artikel ausführlich wiedergegebene Diskussion.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Februar 2021 | 08:40 Uhr

47 Kommentare

Freies Moria vor 1 Wochen

@Sonnenseite: Jeans gibt es erst seit etwas über 100 Jahren, der Name kam zustande weil die vom deutschen Auswanderer Levi Strauss importierten Stoffe für Goldgräber-Hosen aus Genua kamen und der Name auf den Kisten in San Francisco verballhornt wurde.
Zu der Zeit gab es keine Sklaven mehr in USA, und der Stoff kam auch nicht aus deren Baumwollproduktion. Und vorher gab es eben keine Jeans...

Freies Moria vor 1 Wochen

@MDR-Team: Warum ist "Agenda" unzutreffend? Es gibt mit "Cancel Culture" eine ganze Reihe an Organisationen, deren Agenda genau diese Umbenennungs/Statuensturz-Orgien sind.
Im Gegenteil: Agenda trifft es ganz genau, denn die "Meinungen" sind erst aufgetreten, nachdem diese Organisationen ihre Mission angetreten haben.

Ernst678 vor 1 Wochen

Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist! Vielleicht könnte die eine Seite die Schlacht im Teutoburger Wald rückgängig machen, und die andere Seite die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, wenigstens auf dem Papier. Alles nur eine Frage der ideologischen Sichtweise. Ich frage mich nur wie lange es noch dauert bis die Hinz-und-Kunz-Gasse in Genderallee umbenannt wird. Muß der MDR diesen Schwachsinn wirklich so hochpuschen? Welches Ziel wird damit verfolgt?

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