In einem Geschäft für Kindermode stehen Schuhe in Regalen und hängen Kindersachen auf Kleiderbügeln.
Das Geschäft mit Second-Hand Kinder- und Umstandskleidung brummt. Deshalb hat Sophie Juraske den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Neugründungen in Erfurt Der Traum vom eigenen Laden

Drei junge Erfurter haben sich ihren Traum vom eigenen Laden erfüllt. Sie feiern am Samstag in Erfurt Eröffnung. Seit Jahren sind die Neugründungen in Thüringen rückläufig. Daran sei auch der sehr gute Arbeitsmarkt "schuld".

von Juliane Maier-Lorenz

In einem Geschäft für Kindermode stehen Schuhe in Regalen und hängen Kindersachen auf Kleiderbügeln.
Das Geschäft mit Second-Hand Kinder- und Umstandskleidung brummt. Deshalb hat Sophie Juraske den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Sophie Juraske, sortiert auf dem Fußboden Spielzeug.
Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Entgegen dem Trend haben in Erfurt drei junge Menschen mit innovativen Ideen ihren Traum vom eigenen Laden wahrgemacht. Seit Samstag haben sie ihre Türen in der Landeshauptstadt geöffnet.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 12.10.2018 17:40Uhr 02:48 min

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Der Traum vom eigenen Laden - in Thüringen gibt es nicht mehr viele, die sich diesen Wunsch erfüllen. Wie das Thüringer Zentrum für Existenzgründungen und Unternehmertum (ThEx) MDR THÜRINGEN mitteilte, ist das Gründungsgeschehen seit Jahren in Erfurt, Thüringen und Deutschland rückläufig. 2018 scheint sich jedoch eine Wende abzuzeichnen. Laut Statistischen Landesamt haben in den ersten sieben Monaten diesen Jahres mehr Menschen den Weg in die Selbstständigkeit gewagt.

Sogenannte Notgründungen, das heißt Gründungen aus der Arbeitslosigkeit, gingen zurück und der Arbeitsmarkt ist sehr gut, sagte Dirk Wegler, Leiter des ThEx. Ihren Traum vom eigenen Laden - Mone Luhn, Sebastian Risse und Sophie Juraske haben ihn wahr gemacht und feiern am Samstag Eröffnung. MDR THÜRINGEN hat im Vorfeld mit ihnen gesprochen.

Anmeldungen 2018 Die Zahl der Gewerbeanmeldungen stieg bis Ende Juli im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,6 Prozent auf rund 6.800. Dabei dominierten Kleinfirmen und Nebenerwerbsbetriebe. Bei nur gut einem Viertel der Neugründungen handelte es sich um Firmen mit größerer wirtschaftlicher Substanz wie Personen- oder Kapitalgesellschaften. Die Zahl der Gewerbeabmeldungen verringerte sich im gleichen Zeitraum um 3,6 Prozent auf rund 7.300, wobei auch dies vor allem Klein- und Nebenerwerbsbetriebe betraf.

Sophie Juraske und ihre "Zweite Chance"

Sophie Juraske, holt in einem Bekleidungsgeschäft einen Kinderladen von der Stange.
Sophie Juraske in ihrem Second-Hand-Laden für Kinder- und Umstandsmode. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Sophie Juraske ist 30 Jahre alt und Mutter einer kleinen Tochter. Schnell hat die Pharmareferentin gemerkt, dass der Kleiderschrank ihrer Tochter mit zu kleinen Jacken, Hosen und Shirts überquoll, der aussortierte Berg an Anziehsachen zu Hause immer größer wurde. "Ich war viel auf Flohmärkten unterwegs, habe dort einen Teil der Sachen verkauft, aber auch schnell gemerkt, dass die Flohmärkte restlos überfüllt sind. In Erfurt fehlt einfach etwas, wo man immer hingehen kann und seine zu klein gewordenen Kindersachen los wird." In ihr reift die Idee nach einem Laden, einem Second-Hand-Laden für Baby- und Kinderbekleidung und Umstandsmode. Die Geschäftsidee ist in Erfurt nicht neu, "aber hat bei über 200.000 Einwohnern und knapp 60.000 Familien, die einkaufen" Potenzial. Hinzu kommt die Unzufriedenheit im Job, der sich für die junge Mutter nur schlecht mit der Familie vereinbaren lässt. Ein eigener Laden? Davor hat Sophie Juraske Respekt: "Ich hatte als alleinerziehende Mutter Zweifel. Wie schaffe ich das zeitlich? Bekomme ich Unterstützung von meiner Familie? Doch ich habe schnell gemerkt, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Seitdem ich die Idee habe, denke ich Tag und Nacht daran, habe neue Ideen und will loslegen und jetzt ist es endlich so weit." Offiziell los geht es am Samstag, dann feiert ihr Laden "Zweite Chance" Eröffnung. "Ich freue mich, der Laden ist voll mit Anziehsachen, Spielzeug und Zubehör. Es brummt."

Sebastian Risse wird "RADgeber"

Sebastian Risse, sitzt auf einem Fahrrad, mit dem man Menschen vermessen kann.
Sebastian Risse konzipiert Fahrräder passend für den Fahrer. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Sebastian Risse ist 36 Jahre alt und hat sein eigenes Leiden zur Geschäftsidee gemacht. Der junge Mann fährt gern Fahrrad, hatte aber immer das Gefühl sein eigenes Fahrrad sei zu lang. Und tatsächlich: In einem Seminar stellt er fest, sein Sattel ist sieben Zentimeter zu weit hinten. "Ich habe eine Innenbeinlänge von einem Meter, dafür aber einen relativ kurzen Oberkörper und gemerkt, mit meinem Rad passte es einfach nicht. Aber ich erkannte weder das Problem, noch die Lösung, geschweige denn den Weg dorthin." Durch einen Fahrradlieferanten erfährt er vom "bikefitting", einer Technik mit der Radfahrer individuell vermessen werden, die Sitzposition auf dem Sattel genau analysiert wird und das Fahrrad den eigenen körperlichen Bedürfnissen angepasst wird. Risse absolviert als studierter Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler eine Weiterbildung und will nun in seinem Geschäft "RADgeber" Menschen wieder zu mehr Fahrspaß verhelfen. Eine Frage, die Risse in den vergangenen Wochen immer wieder gehört hat: Gibt es nicht schon genügend Fahrradläden in Erfurt? "Natürlich gehört eine ganze Menge Mut, aber auch Verbissen- und Versessenheit dazu, ein Geschäft zu gründen. Aber ich bin noch so jung und ungebunden, ich kann das noch austesten. Und wenn es nicht funktioniert, muss ich mir in zehn Jahren nicht sagen lassen, ich hätte es nicht getan."

Mone Luhn wächst mit "Maboni" mit

Geschäftsinhaberin Mone Luhn und Modedesignerin Stefanie König in ihrem neuen Geschäft in Erfurt auf der Krämerbrücke.
Geschäftsinhaberin Mone Luhn (links) mit Modedesignerin Stefanie König in ihrem Laden auf der Krämerbrücke. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Mone Luhn ist 37 Jahre alt und hat bereits 2017 das Bio-Kindermode-Label in Erfurt gegründet. Online bietet sie von zuhause aus Kindermode an, die mitwächst. Bereits ein Jahr später eröffnet sie mit "Maboni" ihren eigenen Laden auf der Krämerbrücke. Dort verkauft sie in Erfurt hergestellte Kindersachen, die bis zu drei Konfektionsgrößen mitwachsen. Ihre Idee ist wie bei den anderen Firmengründern auch, aus der eigenen Erfahrung entstanden. Mit der Geburt ihrer Tochter merkte sie, dass der Kleiderschrank des Kindes immer voller wurde, die Sachen aber nur "kurz" getragen werden. "Die Anziehsachen werden weit weg im Ausland gefertigt, bei der Herstellung des Stoffes wird Wasser verschmutzt und nach zwei Monaten sind sie wieder zu klein. Da habe ich festgestellt, dass da was schief läuft", sagt Mone Luhn und hat deshalb Kindersachen entworfen, die durch Träger, den Schnitt oder Einsätzen in den Jacken mitwachsen. Ihre Kleidungsstücke lässt sie in Erfurt und Umgebung fertigen, zum Teil von Müttern selbst. Die Konkurrenz im Bereich Mode ist groß, dennoch ist sie vor dem Schritt "Eigener Laden" nicht zurückgeschreckt. "Ein bisschen Blauäugigkeit gehört dazu, ein Quäntchen Glück und Kreativität. Und dann einfach machen und gucken, ob es klappt."

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 12. Oktober 2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2018, 11:06 Uhr

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6 Kommentare

14.10.2018 11:24 Katze12 6

Spätestens, wenn die Blutsauger vom Finanzamt, Krankenkasse, etc. vor der Tür stehen, wird sich zeigen, ob das tragfähig ist. Ca. 3.000-4000 EUR im Monat in etwa, inkl. der Miete muß man erstmal erwirtschaften, um halbwegs über die Runden zu kommen. Als freiberuflicher Architekt weiß ich, wovon ich rede.

12.10.2018 21:46 Martina 5

Tolle, nachhaltige Ideen! Ich hoffe, dass dadurch auch das Bewusstsein der (zukünfigen) Käufer geweckt wird- lieber "made in Germany als "sweatshops" Herstellungen!

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