Kultur Vor der Kunst das Formular: So lief die Domstufen-Premiere

Die Domstufenfestspiele, Erfurts Sommer-Open-air-Veranstaltungsreihe vor der Kulisse von Dom und Severikirche, haben wegen Corona abspecken müssen. Das scheint der Begeisterung der Besucher aber keinen Abbruch zu tun.

Vor der Kunst kommt das Formular. Jeder Konzertbesucher muss am Einlass Name und Adresse hinterlassen. Geduldig erledigen die Premierengäste die Corona-Hygiene-Bürokratie. Maske auf, und auf direktem Weg geht es zum Sitzplatz. Denn es gibt weder eine Sektbar noch ein VIP-Zelt in diesem besonderen Domstufen-Sommer 2020. Bei der Suche nach dem Platz auf der Tribüne muss diesmal auch niemand Bauch oder Po einziehen. Die Stühle stehen so weit auseinander, dass jeder locker durchkommt.

Das Philharmonische Orchester, der Opernchor und Solisten proben vor der Kulisse von Mariendom und Severikirche das Premierenprogramm «Opera Gloriosa» vom 10. Juli für das Domstufen-Open Air.
Das Premierenprogramm "Opera Gloriosa" bei der Probe am 8. Juli 2020. Bildrechte: dpa

Das Philharmonische Orchester und der Chor werden schon beim Einstimmen mit kräftigem Applaus gefeiert. Der Slogan des Theaters Erfurt "Wir sind da" trifft offenbar genau den Nerv. Das Premierenpublikum des italienischen Opernabends "Opera Gloriosa" ist froh, dass Musik wieder live und handgemacht wird nach den Monaten des Corona-Schweigens oder der Video-Drehs für soziale Medien.

Feuerwerk in abgespeckter Form

"Ich habe hier hochmotivierte Leute, die wollen muszieren, sie waren ja seit Mitte März gezwungen stillzuhalten", sagt der Technische Direktor Christian Stark. Nur sein Feuerwerk kann er nicht in voller Breite und Länge über die gesamte Spielzeit hinweg zünden. Anwohner hatten sich schon nach der Hauptprobe beschwert. So bleibt das Feuerwerksmaterial, das zum Domstufen-Open-Air beschafft wurde, in der Kiste und soll, so verrät Christian Stark schon mal, im September gezündet werden. "Vielleicht klappt es, und wir können mit dem Start der neuen Spielzeit am 20. September einen Theatertag feiern mit allen Theatern, die es in Erfurt gibt".

Dass es mit der Kultur wieder aufwärts geht, soll dann mit einem Feuerwerk gefeiert werden. Von 18 Domstufen-Open-Air-Abenden gibt es drei mit Feuerwerk - der erste war der Premierenabend am Freitag. Der zweite ist der am Samstag, da hat das zweite Konzertprogramm mit Musical- und Operettenmelodien Premiere und das dritte zum Abschluss des Open-Air.

Doch vor dem zündenden Finale gab es am Freitag die Overtüre und 80 Minuten "Best of" italienischer Arien unter anderem aus Verdis Opern "Nabucco", "Don Carlo", "La Traviata", "Macbeth" und aus Puccinis "Madame Butterlfy. Ein sichtlich heiterer Theaterintendant Guy Montavon trat vors Publikum und sprach:

Ich fühle mich heute Abend wie der alte Noah auf seiner Arche, der nach einer ganz langen Zeit der Sintflut wieder Hoffnung hat, dass wieder Land in Sicht ist, dass ein normales Leben wieder möglich ist.

Guy Montavon, Intendant Theater Erfurt

Montavon sagte, er verstehe diesen Abend als Signal, dass man sich eines Tages wieder normal begegnen werden könne. Musik, Kultur verbinde, so Montavon. Dann rief er den Slogan der Open-Air-Konzerte ins Rund "Wir sind da", klopfte dreimal auf den Bühnenboden und dann gab Dirigent Myron Michailidis den Takt vor.

Zuschauer feiern jede Arie und jeden Auftritt

Die Zuschauer feierten jede Arie, jeden Auftritt mit Begeisterung. Die Solisten Wieland Satter, Yulianna Barwarska, Siyabulela Ntale und Brett Sprague wirkten - anders als bei der Hauptprobe - routiniert in ihrem Corona-Auftritt, müssen sie doch weit von einander entfernt stehen. Bei Liebesduetten sind vier, fünf Meter und mehr eine unendliche Entfernung.

Mit Einbruch der Dunkelheit zauberten die extra angeschafften Effektscheinwerfer Lichterwelten auf den Dom und das sogenannte gelbe Haus am Domberg. Als zum Schluss beim Trinklied "Libiamo" aus La Traviata Sektgläser und Bierkrüge projeziert wurden und auch noch ein illuminierter Waschbär Applaus spendete, gab es den aus all den Domstufen-Festspieljahren bekannten Jubel mit den Füssen.

Ersatzprogramm kaum noch als Ersatz wahrgenommen

Obwohl es keine Riesenkulisse in diesem Jahr gibt, nur eine übergroße Konzertmuschel, kam das Ersatzprogramm bestens an. Eine Zuschauerin sagte etwa, es sei ein etwas anderer Abend gewesen - zwar etwas minimalistisch, aber trotzdem wunderbar. Sie sei froh, sich am Freitag noch die drei letzten Karten besorgt zu haben. Das Feuerwerk zum Abschluss sei ein Highlight gewesen. Ein Zuschauer meinte, er sei beeindruckt, wie viel doch noch gestemmt wurde in diesen Krisenzeiten. Das Ersatzprogramm für die abgesagte Verdi Oper "Nabucco" wurde kaum noch als Ersatz wahrgenommen. So meinte eine andere Zuschauerin, sie habe sich immer schon ein Konzert auf den Domstufen gewünscht und einen wunderbaren Abend erlebt.

Insgesamt sind 18 Vorstellungen geplant. Am Sonnabendabend folgt die Premiere mit Melodien aus Operetten und Muscials. Die beiden Konzertprogramme gibt es jeweils im Wechsel. Gespielt wird bis 2. August. Und wer keine Karten mehr bekommen kann: der Domplatz ist groß und ermöglicht auch Zaungästen zumindest zuzuhören - in gebührendem Abstand. Das hatten auch am Premierenabend der "Opera Gloriosa" einige Jugendliche getan und den Arien mit einem Glas Wein und einem Bier gelauscht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Juli 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 3 Wochen

Es entbehrt jeder Logik, was mit den "ominösen Infektionskettenverfolgungszetteln" passiert. Bis eine Infektion aufgetreten ist (Inkubationszeit beachten!) haben die Zuschauer Tausende andere Menschen getroffen, selbstverständlich ohne sie anzustecken.
Und ehe das Gesundheitsamt munter wird, ist die Aufbewahrungsfrist abgelaufen. Doch wer hat die "Infektionsverfolgungszettel" dann? Es gibt viele Möglichkeiten.
Ich will nichts den Veranstaltern unterstellen! Diese werden vor lauter Angst liebend gern diese Zettel ausfüllen lassen. Was bleibt ihnen auch andes übrig, wenn sie nicht wieder schließen wollen.
Doch ein Sinn für diesen "Verfolgungswahn" weiß wohl nur ....

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