Polizeieinsatz in der Michaelisstraße Erfurt
Polizisten sichern Tatabend die Erfurter Michaelisstraße. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Die Machtdemonstration Überfall auf Erfurter Restaurant vor Gericht

Unter starken Sicherheitsvorkehrungen hat am Dienstag der Prozess um den Überfall auf ein Erfurter Innenstadt-Restaurant begonnen. Sieben deutsche Männer müssen sich vor der Strafkammer verantworten.

Polizeieinsatz in der Michaelisstraße Erfurt
Polizisten sichern Tatabend die Erfurter Michaelisstraße. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Die Vorsitzende Richterin Mechtild von Schmettau hatte den Prozess gerade begonnen, als sich die Tür öffnete und Howo B. (*Name geändert) den Saal betrat. Der kleine drahtige Mann huschte schnell auf einen der Besucherplätze. Zuvor umarmte er noch drei schlanke junge Frauen in sehr kurzen Kleidern, die ebenfalls im Publikum saßen und offenbar die Freundinnen einiger der Angeklagten sind. Das brisante an Howo B. ist die Tatsache, dass er Angeklagter in dem spektakulären Verfahren um eine Mafia-Schießerei vor einem Erfurter Spielcasino im Sommer 2014 war. Das Thüringer Landeskriminalamt hält ihn für den mutmaßlichen Kopf eines armenischen Mafia-Clans in Erfurt. Interessiert verfolgte er den Start dieses Prozesses um den Restaurantüberfall.

Sieben Männer auf der Anklagebank

Die sieben deutschen Angeklagten sollen am 11. Oktober 2017 ein Restaurant in der Erfurter Michaelisstraße überfallen haben. Das jedenfalls legt Staatsanwältin Heike Schneider bei der Verlesung der Anklageschrift den Männern zur Last.

Die saßen ihr mit ihren jeweils zwei Anwälten gegenüber. Regungs- und auch etwas teilnahmslos hörten sie sich an, was sie alles an diesem Oktoberabend getan haben sollen. Allen vorneweg der Hauptangeklagte Martin U. Er soll am Tattag die sechs weiteren Angeklagten und noch mindestens 15 andere Männer zusammengetrommelt haben. Laut der Anklage haben sie sich vor einem griechischen Restaurant ganz in der Nähe vom späteren Tatort getroffen.

An diesem angekommen sollen U. und drei der Angeklagten den armenisch-stämmigen Wirt vor sein Lokal geholt habe. Dort, so Staatsanwältin Schneider, sind sie auf diesen losgegangen. Er und weitere Angestellte seien dabei zum Teil erheblich verletzt worden. Die Täter sollen Elektroschockwaffen und Pfefferspray eingesetzt haben. Zum Schluss sollen sie Steine, Stühle und Metallrohre auf den Eingang des Restaurants geworfen haben. "Die verängstigten Gäste haben sich dabei unter den Tischen versteckt", so Staatsanwältin Schneider.

Frage nach den Motiven

Doch was war das Motiv für diese brutale Attacke mitten in der Erfurter Innenstadt am frühen Abend dieses 11. Oktobers? Laut Staatsanwältin Schneider ging es darum, "Stellung und Macht zu demonstrieren". Aber welche "Macht" musste hier gezeigt werden? Dass die Täter scheinbar völlig enthemmt vorgegangen sind, macht die Tatsache deutlich, dass an dem Gebäude eine Überwachungskamera den gesamten Überfall gefilmt hatte. Es war für das Landeskriminalamt bei den Ermittlungen also nicht schwierig, die sieben Haupttäter zu identifizieren. Das Video wird sicher ein Hauptbeweiseimittel im Verfahren.

Offenbar ein Rivalitätskampf

Doch beim Thema "Macht und Stellung" könnte Howo B. ins Spiel kommen. Denn aus Ermittlerkreisen heißt es immer wieder, dass hinter dem Überfall mehr steht.

Polizeieinsatz in der Michaelisstraße Erfurt
Polizisten sichern nach dem Überfall den Tatort. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Es gibt den Verdacht, dass er mit einem Rivalitätskampf zwischen mindestens zwei verfeindeten armenischen Clans in Erfurt zu tun haben könnte. Neben Howo B. erschienen zum Prozessauftakt noch zwei weitere mutmaßliche armenische Clan-Mitglieder. Die Fahnder vermuten, dass der Überfall auf das Restaurant als Abschreckung gegenüber einem Konkurrenz-Clan dienen sollte. Die sieben Angeklagten könnten dafür angeheuert worden sein.

Dass es um Abschreckung gehen könnte, zeigt auch der Umstand, dass der armenisch-stämmige Wirt, der Hauptopfer der Attacke war, nicht als Nebenkläger auftritt und lieber schweigt. Dass es eine Verbindung zu den Armeniern gibt, wurde zum Ende des Prozesstages klar. Der Hauptangeklagte Martin U. umarmte über eine Barriere hinweg in den Zuschauerraum Howo B. und seine beiden Freunde.

Verhandlungstag bereits abgesagt

Der Überfall vom Oktober 2017 selber hatte über die Thüringer Landesgrenze hinweg für Aufsehen gesorgt. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) versuchte den Imageverlust für seine Stadt zu mindern, in dem er in einem Interview mit negativen Vorbildern aus Italien dekretierte: "Erfurt ist kein Palermo!" SPD-Innenminister Georg Maier sagte in einem Interview mit MDR THÜRINGEN der armenischen Mafia in Thüringen den Kampf an. Vier neue Stellen im Bereich "Organisierte Kriminalität" gibt es jetzt im LKA.

Das Verfahren selber läuft zäh an. Zwar wurde die Anklage verlesen, doch der Verhandlungstag am Mittwoch fällt schon wieder aus. Die Besetzung des Gerichtes wurde von den Verteidigern des Hauptangeklagten als fehlerhaft gerügt. Darüber muss nun erstmal entschieden werden, bevor es weiter geht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 03. Juli 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2018, 19:48 Uhr

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4 Kommentare

05.07.2018 19:40 Christoph Hildebrand 4

"Menschen, die schon laenger hier leben"“, kennen Umlaute.
MDR Thüringenjournal berichtete vor zwei Tagen zum Thema. Unter den Tätern ein früherer NeoNazi.
Aggnosdigger hat`s auch gesehen, deshalb „seine“ „Parallelgesellschaft“.

[kein provisorisches Smiley, sondern ein anhaltendes, Echtes]

04.07.2018 19:59 Agnostiker 3

@ 2: 4000 km von Berlin/Europa nach Eriwan/Asien.
Aber klar doch! Wenn man sich die Welt als "global village" vorstellt, passiert sowieso alles "mitten in unserer Gesellschaft". [prov. Smiley]

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