Landgericht Erfurt Eigene Nichten missbraucht: Prozess beginnt fast 20 Jahre nach der letzten Tat

Gerichtsreporterin Cornelia (Conny) Hartmann vom MDR THÜRINGEN JOURNAL
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Vor dem Erfurter Landgericht muss sich seit Dienstag ein 48-Jähriger verantworten, der seine Nichten missbraucht haben soll. Der letzte Übergriff ereignete sich laut Anklage im Januar 2001.

Schatten eines Kindes auf einer Schaukel.
34 einzelne Taten werden in der Anklageschrift beschrieben. Der 48-Jährige ist geständig. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Der Zuschauerraum im Saal 1.09 des Erfurter Landgerichts ist fast leer. Zwei Angehörige des Angeklagten haben dort Platz genommen. An den Tischen der Prozessbeteiligten ist es jedoch voll. Auf der einen Seite sitzen der Angeklagte und sein Verteidiger, auf der anderen Staatsanwältin, eine Gutachterin und drei Rechtsanwälte. Sie vertreten die Opfer, heute alle über 30 Jahre alt. Zu Beginn der Taten waren sie gerade mal vier. Es sind Schwestern, die zwischen 1992 und 2001 in verschiedenen Wohnungen missbraucht wurden. In Erfurt, in Herzberg, in Osterode.

Missbrauch der eigenen Nichten - Angeklagter ist geständig

Erst 2018 offenbarte sich eine der Frauen. Sie war in psychiatrischer Behandlung als sie erstmals erzählte, was ihr geschah. Da brachen auch die Schwestern ihr Schweigen. 34 einzelne Taten werden in der Anklageschrift beschrieben. Eines der Mädchen traf es besonders oft. Ihre Aussage ist von besonderer Bedeutung. Weil zwischen Tat und Offenbarung so viel Zeit lag, hat sich eine psychologische Gutachterin mit der heute 30-Jährigen und ihren Aussagen beschäftigt.

Prozess in Erfurt: Psychologin hält Zeugin für glaubwürdig

Nichts in den Aussagen deute daraufhin, dass die Frau ihren Onkel grundlos belaste, sagt die Psychologin. Ihrzufolge habe die heute 30-Jährige glaubwürdig beschrieben, was mit ihr geschah. Weil die Familie so oft umzog, konnte sich die Frau manchmal nicht an die Straßennamen erinnern. Dafür konnte sie die Wohnungen gut beschreiben, was in der Nähe war, wer in der Nachbarschaft wohnte, wer zu Besuch kam. Die Frau sei alleinerziehend mit vier Kindern und habe ihr Leben gut im Griff.

Richterin: Geständnis strafmildernd

Gleich zu Prozessbeginn erklärt die Vorsitzende Richterin dem Angeklagten, dass sich ein Geständnis strafmildernd auswirke. Als erfahrene Richterin wisse sie, dass es offenbar leichter sei, einen Mord zuzugeben, als einen Missbrauch innerhalb der Familie. Dennoch solle der Angeklagte noch mal mit seinem Anwalt darüber sprechen. Es dauert etwa eine halbe Stunde, in der auch die Prozessbeteiligten häufig miteinander sprechen.

Dann geht die Verhandlung weiter, und eine so genannte Verfahrensabsprache, ein Deal, wird protokolliert.

Geständnis erspart Opfern die Aussage vor Gericht

Für ein volles Geständnis wird die Staatsanwältin nicht mehr als vier Jahre beantragen. Über seinen Anwalt räumt der Angeklagte dann alle Taten ein. An Details erinnere er sich nicht mehr, lässt er seinen Verteidiger sagen. Das erspart den Opfern eine Aussage vor Gericht - und dem Angeklagten ein paar Jahre Gefängnis.

Gesetzeslage zur Tatzeit gilt

Zudem gilt für ihn das zur Tatzeit gültige Gesetz, und das sieht als Mindeststrafe für schweren sexuellen Missbrauch ein Jahr vor. Heute sind es zwei - pro Fall. Die Strafen für Missbrauch sind in den letzten Jahren immer wieder verschärft worden - die Fälle dennoch nicht weniger geworden.

Ein Holzhammer auf Paragrafenzeichen.
Das sogenannte "Rückwirkungsverbot" besagt, dass die zum Tatzeitpunkt geltende Rechtslage angewendet wird. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Steinach

Missbrauchsprozess: Urteil in der kommenden Woche erwartet

Zu Ende geht der Prozess trotz des Geständnisses nicht. Das Erfurter Landgericht muss noch klären, unter welchen Umständen sich die Frauen offenbart haben. Dazu sollen am nächsten Verhandlungstag noch Familienmitglieder gehört werden. Das Urteil fällt voraussichtlich nächste Woche.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ls, jn

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 07. Juli 2020 | 18:30 Uhr

Mehr aus der Region Erfurt - Arnstadt

Mehr aus Thüringen