Jemand hält einen Telefonhörer.
Die falschen Polizisten meldeten sich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Falsche Polizisten Prozess in Erfurt: Telefonbetrüger setzten Senioren unter riesigen Druck

Mehrere Thüringer Senioren sind von Kriminellen um zehntausende Euro gebracht worden. Drei Männer standen nun in Erfurt vor Gericht. Die Hintermänner, die sich den Senioren gegenüber als Polizisten ausgaben, kennen sie angeblich nicht.

Gerichtsreporterin Cornelia (Conny) Hartmann vom MDR THÜRINGEN JOURNAL
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

von Cornelia Hartmann

Jemand hält einen Telefonhörer.
Die falschen Polizisten meldeten sich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ohne mein Tochter würde ich heute nicht mehr leben", sagt der 79-Jährige mit versiegender Stimme. Seine gesamte Altersvorsorge ist weg, gut 70.000 Euro hat der Mann verloren. Auf eine unglaublich perfide Art und Weise.

Fünf betroffene Senioren erzählen am Mittwoch im Erfurter Landgericht, warum und wie sie Anfang des Jahres durch die Anrufe falscher Polizisten ihr Vermögen verloren. Eine 82-Jährige zehntausend Euro, die meisten deutlich mehr. Fast alle sind über 80 Jahre alt.

Wenn man die Akten liest, könne man sich kaum vorstellen, dass jemand auf den Anruf eines vermeintlichen Polizisten seine Ersparnisse, Schmuck, Münzen und Goldbarren einfach so vor die Tür stellt oder gar in eine Mülltonne legt, sagt der Vorsitzende Richter Holger Pröbstel zu einem Zeugen. Wenn aber höre, unter welchem Druck die Betroffenen standen, dass sie in dieser Situation Angst um ihr Leben hatten, dann ergebe sich ein anderes Bild.

Anrufer machten den Senioren am Telefon Angst

Bei allen kam der erste Anruf spätabends, manche schliefen schon. Fast immer meldete sich der vermeintliche Polizist mit folgender Geschichte: Man beobachte gerade zwei Männer, die im Begriff seien, den oder die Angerufene zu überfallen. Dabei sei am Telefon Büroatmosphäre zu hören gewesen, hektische Betriebsamkeit bei der angeblichen Überwachung der angeblichen Gewalttäter, sagen die Senioren. Sie sollten ihre Wertsachen schon mal bereit legen, hieß es.

Die Gespräche zogen sich lange hin. In manchen Fällen war den Zeugen zufolge dann so was wie Hundegebell, "Zugriff" und "Festnahme" zu hören. Zwei haben man, sagte dann der falsche Polizist, aber leider sei einer noch auf der Flucht, und um den zu kriegen, müsse man ihm eine Falle stellen. Dazu müssten die Wertsachen vor die Tür gestellt werden. Erst dann sei die Gefahr für die Betroffenen gebannt.

Das alles nachts, das alles mit dem Hinweis, die die Betroffenen dürften das Telefon auf keinen Fall auflegen, so groß sei die Gefahr. Er habe daraufhin seine wertvolle Münzsammlung in der Papiertonne vor seinem Haus deponiert - und später noch mal 30.000 Euro, so der 79-Jährige. "Wie konnte ich nur so blöd sein", sagt er unter Tränen. Aber der Anrufer hätte ihm in jener Nacht so viel Druck und Angst gemacht, dass er den Anweisungen folgte. Erst am Folgetag sei ihm klar geworden, dass er Betrügern aufgesessen war.

Anweisungen per Telefon und Lautsprecher

In einem anderen Fall machten die Anrufer einem älteren Ehepaar weis, bei Ihrer Bank sei ein Maulwurf, der Verbrechern sage, wer wie viel Geld auf dem Konto habe. Sie müssten der Polizei helfen, diesen Maulwurf aufzuspüren. Würden sie nicht mitmachen, wäre das strafbar. Die Frau hob daraufhin in zwei Fällen große Beträge ab, 51.000 Euro. Einen Teil des Geldes sollte sie dann in ein Polizeilabor bringen, wo es auf Fingerabdrücke untersucht werden sollte.

Am Labor angekommen, sei sie über einen Lautsprecher neben der Eingangstür aufgefordert worden, das Geld stehen zu lassen und weiterzugehen, wie werde verfolgt. Sie hätte solche Angst gehabt, sagt die 80-Jährige, und habe alles getan, was man ihr durch den Lautsprecher oder am Handy sagte. Als sie Tage später mit richtigen Polizisten zum vermeintlichen Labor ging, war der Lautsprecher verschwunden.

Alle Zeugen erzählen, der Anrufer habe gut Bescheid gewusst über ihr Vermögen und ihre Finanzen. Auf Nachfrage zeigt sich schnell, dass der Anrufer wahrscheinlich nur ein geschickter Fragesteller war. Drei Zeugen erzählen, die hätten auf Aufforderung die 110 gewählt, um sich zu vergewissern, dass der Anruf und die Geschichte von der Bedrohung echt sei. Das hätten sie auch getan sagen sie, beim Notruf sei ihnen alles bestätigt worden.

Das lang ersparte Geld ist weg

Eine Zeugin erzählt, sie hätte das später anhand der Anrufliste kontrolliert - und festgestellt, dass gar nicht sie gewählt habe, sondern der Anrufer sie wohl verbunden hatte. Und Anweisungen, was man kritisch nachfragenden Bankmitarbeitern zu erzählen habe, gab es auch. Das Geld würde für ein neues Auto gebraucht oder um sich in ein Unternehmen einzukaufen.

Alle haben ihr Leben lang gearbeitet und gespart. Für eine Reise, für das Enkelchen, für die Beerdigung. Obwohl sie der Verlust schmerzt, versuchen sie, das zu verbergen. Es gelingt nicht immer. Er hatte gehofft, dass er an diesem Tag vielleicht etwas wiedersehe, von seinem Ersparten, sagt der 79-Jährige am Ende seiner Befragung. Die Staatsanwältin schüttelt den Kopf. Nur in einem Fall sei der Schmuck noch bei den Angeklagten gefunden worden, sagt Richter Pröbstel.

Die drei Männer aus Bremen haben eigenen Angaben zufolge auf telefonische Anweisung nur die Beute abgeholt. Die Hintermänner kennen sie nicht "Die Welt ist manchmal kein schöner Ort", sagt Pröbstel, bevor der Zeuge den Gerichtssaal verlässt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 20:11 Uhr

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