Der Angeklagte im Gerichtssaal.
Der wegen Entführung und Körperverletzung angeklagte Litauer mit seinen Anwälten im Erfurter Gerichtssaal. Bildrechte: MDR/Kathleen Sturm

Landgericht Erfurt Prozess gegen mutmaßlichen Entführer und Messerstecher

Vor dem Erfurter Landgericht hat der Prozess gegen einen Mann begonnen, der seine Ex-Freundin entführt und einen ihm völlig unbekannten Mann lebensgefährlich verletzt haben soll. Die Suche der Polizei nach dem Täter hatte die Landeshauptstadt im Sommer 2018 stundenlang in Atem gehalten.

von Cornelia Hartmann

Der Angeklagte im Gerichtssaal.
Der wegen Entführung und Körperverletzung angeklagte Litauer mit seinen Anwälten im Erfurter Gerichtssaal. Bildrechte: MDR/Kathleen Sturm

Nein, so wie es in der Anklage steht, sei es nicht gewesen, sagt der Angeklagte selbstbewusst. Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Nötigung und versuchten Mord wirft der Staatsanwalt dem 42-Jährigen aus Litauen vor. Der soll im Juli letzten Jahres über den Balkon in die Wohnung seiner ehemaligen Lebensgefährtin eingestiegen, sie mit einem Messer bedroht und an den Haaren gezogen haben. Die Frau folgte ihm aus Angst.

Kurz nach Verlassen des Hauses trafen beide auf einen Mann, der auf einer Wiese schlief. Er kam aus der Nachtschicht, hatte keinen Wohnungsschlüssel dabei und war vor Erschöpfung eingeschlafen. Auf diesen wehrlosen, schlafenden Mann soll der Angeklagte mehrfach eingestochen haben - um an dessen Geld zu kommen. Nur eine Notoperation rettete dem 25-Jährigen das Leben.

Großfahndung der Polizei

Stundenlang suchte die Polizei mit Hunden und Hubschrauber nach dem mutmaßlichen Entführer. Die Erfurter wurden gewarnt, der Mann sei aggressiv und möglicherweise gewalttätig. die Frau wurde noch am selben Tag leicht verletzt gefunden, der Angeklagte einen Tag später verhaftet.

Im Gerichtssaal schildert er nun seine Version der Ereignisse: Im Mai habe er seine Freundin über eine Internetseite kennengelernt. Es war die große Liebe, sie hätten nie gestritten, wollten ein gemeinsames Kind. Um ihre Stimmungsschwankungen auszuhalten, habe er Drogen genommen. Und dann sei es auch mal zum Streit gekommen. Und ja, er habe sie auch mal gewürgt. Aber nur, damit sie, die gerade einen hysterischen Anfall hatte, mit dem Schreien aufhöre und ihre Tochter nicht wecke. Würgen als nötiges Schockerlebnis - der psychiatrische Gutachter werde ihm da zustimmen, sagt der Angeklagte.

Angriff auf Schlafenden soll Notwehr gewesen sein

An jenem Julitag habe er noch mal mit seiner Freundin sprechen wollen, die sei auch mit ihm mitgekommen. Dass er dann auf den schlafenden, ihm völlig unbekannten Mann eingestochen habe, sei nicht wahr. Erstens habe der Mann nicht geschlafen, sondern ihn angebrüllt, und zweitens habe er sich mit Schlägen zur Wehr setzten müssen. Dass er dabei das Messer in der Hand hatte, habe er nicht bemerkt, sagt der Angeklagte. "Ein rotes, 30 Zentimeter langes Messer?", fragt der Vorsitzende. Der Angeklagte nickt.

Opfer versuchte noch wegzulaufen

Dann tritt das 25-jährige Opfer in den Zeugenstand. Er sei durch die Stiche wachgeworden, habe gehört und gespürt, wie er Blut verlor. Er sei trotzdem losgerannt, der Angeklagte habe ihn noch verfolgt. Der Zeuge zeigt im Gerichtssaal seine Narben, sie sind auch für die entfernt sitzenden Zuschauer noch gut zu erkennen.
Die Arbeitskleidung, die der Niedergestochene damals trug, ist ein wichtiges Beweismittel. Als der Vorsitzende die Sachen am Richtertisch auspackt, muss die Verhandlung kurz unterbrochen werden. Die Erschütterung ist dem 25-Jährigen anzusehen. Während sich die Prozessbeteiligten die blutige Kleidung anschauen, bleibt der Zeuge vor der Saaltür. Als er wieder herein kommt, entschuldigt sich der Angeklagte bei ihm. Er wollte ihn weder töten, noch wollte er ihm weh tun.
Der 42-Jährige Litauer hat ein Drogenproblem. Er habe so ziemlich alles genommen: Marihuana, Crystal, Heroin, Kokain. Auch der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Angeklagte wegen seiner Drogensucht eingeschränkt schuldfähig ist. Vier Tage hat die Schwurgerichtskammer des Erfurter Landgerichts für den Prozess vorgesehen. Ein Urteil könnte Ende Januar ergehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2019, 10:45 Uhr

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5 Kommentare

16.01.2019 16:21 martin 5

@4 carola: Ach, Sie meinen zu wissen, dass der "normale Bürger" (wer das auch immer sein mag) über die Mehrzahl der Urteile in Strafverfahren Kenntnis hat, sie mit seinem Rechtsverständnis vergleicht und daher zu dem Schluss kommt, dass "der Rechtsstaat" versagt.

"mal unbedingt nachdenken ist angesagt" - sehr richtig. Ich gehe davon aus, dass Sie mit gutem Beispiel voran gehen.

16.01.2019 12:25 Carola 4

@ 3 wenn der Rechtsstaat nicht versagen würde s. Jahren dann würden es andere Urteile bei vielen Straftaten geben , mal unbedingt nachdenken ist angesagt , wo der normale Bürger nur noch mit den Kopf schütteln kann !!

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