Stephan Kramer, Präsident Thüringer Verfassungsschutz
Stephan Kramer, Präsident Thüringer Verfassungsschutz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Anschlag in Halle Verfassungsschutz-Chef Kramer: Täter im Vorfeld schwer zu erkennen

Nach dem Anschlag von Halle wird auch am Sicherheitskonzept der Erfurter Synagoge gefeilt. Thüringens Verfassungsschutz-Präsident Stephan Kramer warnt davor, dass Täter im Vorfeld nur schwer auszumachen seien.

Wolfgang Hentschel
Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

von Wolfgang Hentschel

Stephan Kramer, Präsident Thüringer Verfassungsschutz
Stephan Kramer, Präsident Thüringer Verfassungsschutz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei Tote, zwei Verletzte: das ist die Bilanz des rechtsextremistischen Anschlags von Halle. Bei diesem Angriff hätten aber noch deutlich mehr Menschen getötet werden können, wenn die Tür der Synagoge in Halle den Täter nicht gestoppt hätte. Auch in Erfurt gibt es eine Synagoge. Dort wird zurzeit das Sicherheitskonzept noch einmal überarbeitet. Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer warnt aber davor, dass rechtsextremistische Täter im Vorfeld von Anschlägen nur sehr schwer zu identifizieren seien.

Der Täter von Halle hat sich offenbar als erster deutscher Terrorist im Internet radikalisiert. Und nicht in rechtsextremen Gruppen. Seine Tat hat er auf einer Internet-Plattform gestreamt. Manche glaubten nun, solche Anschläge seien allein dadurch zu verhindern, dass man in das Internet und in soziale Netzwerke schaue, sagt Verfassungsschutz Stephan Kramer. Seinen Angaben nach ein Irrglaube: "Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele potentielle, radikalisierte Wirrköpfe - und damit will ich das überhaupt nicht herunterspielen - wir im Internet haben, allein schon wenn es um Hasspostings geht, dann ist es fast unmöglich, die alle auf dem Schirm zu haben. Auch wenn man technische Hilfsmittel hinzuzieht."

Kramer war selbst in einer Synagoge

Eine Polizeistreife sichert die Neue Synagoge in Erfurt
Polizisten vor der Synagoge in Erfurt. Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Laut Kramer hat der Anschlag von Halle in seiner Brutalität eine neue Dimension. Die Mitglieder auch der jüdischen Gemeinde in Erfurt seien jetzt sehr verunsichert und verängstigt. Sicherheitsvorkehrungen seien getroffen worden, die von der Gemeinde als wohltuend empfunden würden. "Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt." Auch bei Kramer sitzt der Schock nach der Tat von Halle tief.

Kramer ist selbst Jude. "Ich war an diesem Tag selbst in einer Synagoge, zum Feiertag Jom Kippur. Und ich habe viele Freunde in Halle." Kramer telefonierte nach eigenen Angaben auch noch während des Anschlags mit dem Vorsitzenden der Synagoge in Halle. "Das sind Dinge, die einen natürlich nicht unberührt lassen und einen beschäftigen, vor allem, weil man als Jude selbst Ziel potentiell Ziel von solchen Anschlägen sein kann und wohl immer wahrscheinlicher auch sein wird."

Kramer verlangt mehr Personal

Nach Angaben von Kramer haben die Nachrichtendienste bereits nach den Anschlägen etwa von Paris oder Christchurch vor neuen Angriffen gewarnt. Von der Landesregierung hat der Verfassungsschutzchef in den vergangenen Monaten für seine Behörde mehr Mitarbeiter gefordert. Seine Behörde habe Personaldefizite. "Die Politik hat darauf geantwortet, nicht mit einer Einstellung von neuem Personal. Insofern muss ich mich mit der Situation abfinden, wir müssen im Amt für Verfassungsschutz versuchen, die Probleme mit den Bordmitteln zu bewältigen."

Kramer warnt aber davor, dass solche Gefahren allein mit Polizei, Verfassungsschutz und Justiz nicht in den Griff zu bekommen sind. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich mit diesem Problem zu beschäftigen, Radikalisierungen zu erkennen und Anschlägen vorzubeugen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 12. Oktober 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Mehr aus der Region Erfurt - Arnstadt

Mehr aus Thüringen