Rollstuhlbasketball Nicht behindert genug für die Paralympics

Für Alex Halouski von den RSB Thuringia Bulls droht der Traum von den Paralympics in Tokio zu platzen. Sechseinhalb Monate vor dem Beginn der Spiele stellte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) seine Klassifizierung und die vieler anderer Spieler in Frage. Dem Rollstuhlbasketball droht sogar der Ausschluss von den Paralympics.

von Andreas Kehrer

Alex Halouski
Im Team der RSB Thuringia Bulls und in der Deutschen Nationalmannschaft ist er nicht wegzudenken: Center Alex Halouski. Aber darf er auch die Paralympics in Tokio spielen? Bildrechte: MDR/Franziska Möller

Seit einigen Wochen schwelt eine unappetitliche Debatte im internationalen Rollstuhlbasketball. Es geht um die Frage, wie beeinträchtigt die Spieler und Spielerinnen sein müssen, um im Sommer an den Paralympischen Spielen in Tokio teilnehmen zu dürfen. Auch im Team der RSB Thuringia Bulls aus Elxleben hat das Thema Gesprächswert. Sechs RSB-Spieler haben sich mit ihren Nationalmannschaften qualifiziert. Doch am Ende sind es vielleicht nur fünf, die nach Tokio reisen. Topspieler Alex Halouski könnte nicht behindert genug für die Paralympics sein, so zynisch das auch klingen mag.

Streit zwischen IPC und Rollstuhlbaskteball-Weltverband

Hintergrund dieser Debatte ist ein sportpolitischer Streit zwischen dem Internationalen Paralympischen Komitee und dem Internationalen Rollstuhlbasketball-Verband (IWBF). Sie streiten um die Klassifizierung, die das Handicap eines jeden Spielers mit einem Wert zwischen 1,0 und 4,5 beziffert. Den Wert 4,5 erhalten Sportler, die nur in einem geringen Grad beeinträchtigt sind. Das fängt bei einfachen Einschränkungen an den Beinen an, wie zum Beispiel nach einem Kreuzbandriss, und geht bis hin zur einseitigen Unterschenkel-Amputation.

Und genau hierin besteht die Krux für das IPC. Das Paralympische Komitee möchte natürlich dafür Sorge tragen, dass keine nicht-behinderten Sportler an den Paraylmpics teilnehmen. Wann aber gilt man als Mensch mit Behinderung? Reicht dafür ein instabiles Knie nach einem Kreuzbandriss? Die Einschätzungen des Weltverbandes und des IPCs gehen da auseinander. Leidtragende sind Spieler wie Alex Halouski. Der Center der RSB Thuringia Bulls hatte eine mögliche NBA-Karriere nach sechs Kreuzbandrissen abhaken müssen und war in den Rollstuhlsport gewechselt. Im normalen Leben ist er Fußgänger.

Natürlich geht das nicht spurlos an jemanden vorüber, wenn es heißt, die Paralympics in einem halben Jahr kannst du nicht mitspielen.

Lutz Lessmann, Teammanager der Thuringia Bulls

Besonderheiten des Rollstuhlbasketballs Spielzeit, Punkte, Spielfeldgröße, Teamstärke und diverse Regeln sind identisch zum Fußgänger-Basketball. Im Vereinssport ist der Rollstuhlbasketball aber freier, da sowohl Sportler mit Behinderung als auch Nichtbehinderte sowie Frauen und Männer im gleichen Team spielen können.

Der wesentliche Unterschied ist ein Klassifizierungssystem, dass die Spieler je nach Grad ihrer Behinderung zwischen 1,0 und 4,5 einstuft. Eine Klassifizierung von 4,5 entspricht der geringstmöglichen Behinderung. Nicht beeinträchtige Menschen werden also mit 4,5 Punkten bewertet. Diese Klassifizierung ist wichtig, da die fünf Spieler, die jedes Team aufs Feld schickt, gemeinsam nur eine Klassifizierung von insgesamt 14 Punkten haben dürfen. Dadurch bekommen die sogenannten "Lowpointer" (1,0 oder 1,5 Punkte) eine besondere Bedeutung für das Team.

IPC eskaliert den Machtkampf

Doch die Schicksale einzelner Sportler sind im Machtkampf der Sportverbände nebensächlich. Am 31. Januar 2020 eskalierte der IPC den Streit mit dem Weltverband durch eine Pressemitteilung, die sogar den Ausschluss des kompletten Rollstuhlbasketballsports von den Spielen in Tokio in Aussicht stellte. Eine Drohung die den Weltverband schockieren musste, denn für den rasant wachsenden Rollstuhlsport geht es um Publicity und lukrative Werbeverträge.

Wir erkennen an, dass Rollstuhlbasketball eine der populärsten Sportarten bei den paralympischen Spielen ist, aber das bedeutet nicht, dass sich der IWBF über die Regeln hinwegsetzen darf.

Andrew Parsons, IPC President Pressemitteilung des IPC

Mit der Ausschluss-Drohung verbunden war ein Ultimatum, das den IWBF dazu verpflichtete, die Klassifizierung der Athleten bis zum 29. Mai zu verschärfen. Der Weltverband lenkte ein und will nun mehr als 50 Akteure, die bislang als 4,0 oder 4,5-Punkte-Spieler eingestuft wurden, neu bewerten.

Droht Halouski das Paralympics-Aus?

Auch Alex Halouski wird sich dieser Neubewertung stellen müssen. Für ihn bedeutet das, sich einer erneuten fachärztlichen Untersuchung im Olympia Stützpunkt zu unterziehen. Die Befunde werden anschließend vom Weltverband und vom IPC für eine neue Klassifizierung herangezogen. Dann könnte ihm der Ausschluss bescheinigt werden.

Ob es wirklich soweit kommt, bezweifeln viele. Denn für den IPC dürfte es schwer zu vermitteln sein, warum Spieler wie Halouski in der Qualifikation antreten durften, dann aber von den Spielen ausgeschlossen werden. Der IPC würde mit einer solchen Entscheidung einen sportlich fairen Wettbewerb "über den Haufen schmeißen", meint Lutz Lessmann, Teammanager der RSB Thuringia Bulls.

Im speziellen Falle der Paralympischen Spiele in Tokio kann ich mir nicht vorstellen, dass es zum Ausschluss von Spielern kommt. Und auch die Drohung, dass der Rollstuhlbasketball aus den Paralympics herausfällt, ist aus meiner Sicht rein organisatorisch gar nicht mehr machbar.

Lutz Lessmann, Teammanager der Thuringia Bulls

Vielmehr sei die Drohung des IPCs ein Vorgriff auf die Spiele 2024, sagt Lessmann. Bis zu den nächsten Paralympics sollen sich die Klassifizierungen des Weltverbandes mit denen des Paralympischen Komitees endlich vereinbaren lassen. Ob es Alex Halouski dann noch betrifft, ist fraglich. Bei den Paralympics 2024 wäre er 37 Jahre alt.

Anmerkung des Autors: Die korrekte Bezeichung lautet "Menschen mit Behinderungen". Um die Brisanz des Streits zu verdeutlichen, weicht die Formulierung innerhalb des Titels und des ersten Absatzes davon ab.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2020, 15:25 Uhr

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