Begrünungssatzung Genug Schotter: Verbietet Erfurt Kiesgärten?

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

"Pflegeleicht und modern" - so die Hoffnung auf der einen Seite - eine "ökologische Katastrophe" so die Argumente auf der anderen Seite. In Erfurt will die Stadtratsfraktion der "Mehrwertstadt" noch dieses Jahr erreichen, dass Schottergärten verboten werden.

Mehrere kleine Bäume und Sträucher wachsen in einem Schottergarten.
Ein bisschen Grün zwischen allerhand Schotter. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Birgit Meusel klappt einen großen schwarzen Koffer auf. Daraus holt die Mitarbeiterin der "Mehrwertstadt" eine ausgeliehene Wärmebildkamera. Damit will Meusel aufnehmen, wie heiß verschiedene Arten von Gärten zu bestimmten Uhrzeiten sind. 21:45 Uhr hat sie schon einmal gemessen. Nun folgt um 15 Uhr die nächste Messung.

Wir treffen uns in der Erfurter Andreasstraße. Hier gibt es in direkter Nachbarschaft einen Schottergarten, in dem aus Steinkreisen einige Bäume wachsen und einen grünen Vorgarten, in dem alles mögliche sprießt.

Zwei Hände halten A4-Blätter mit Wärmebildaufnahmen.
Die Wärmebildaufnahmen zeigen: die Gärten ohne Grün sind 5-7 Grad wärmer. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Wir messen die Temperatur auf der Schotterseite und der grünen Seite. Es ist der vierte Messzeitpunkt. Und im Schnitt liegt die Temperatur auf der Schotterseite fünf bis sieben Grad höher als auf der Wildgarten-Seite. In der Nacht war es genauso.

Birgit Meusel, Mitarbeiterin Fraktion "Mehrwertstadt"

Die Schotterflächen kühlen sich nicht ab. Werden also ganze Vorgärten zugeschottert, staut sich die Hitze - weiß auch Professor Jonas Reif von der Fachhochschule Erfurt.

In einer ohnehin überhitzten Stadt sind solche Flächen natürlich das absolute Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte: Man möchte mehr Vegetation haben, man möchte mehr Verdunstung haben durch Photosynthese.

Jonas Reif, Professor für Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte an der FH Erfurt

Die Schottergärten bieten zudem kein Zuhause für Tiere und Pflanzen, bemängelt die Fraktion der "Mehrwertstadt" und steht damit offenbar nicht alleine da. Weitere Fraktionen im Stadtrat unterstützen das Anliegen.

Wie das konkret aussieht, will Jana Rötsch derzeit noch nicht sagen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende verweist darauf, dass es Absprachen in "nichtöffentlichen Sitzungen" gab - ist aber "sehr optimistisch, dass es im Stadtrat im September auf der Agenda steht und eine Einigung geben wird."

Schottergarten 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 13.08.2020 19:00Uhr 02:04 min

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Video

Die Begrünungssatzung von Erfurt

In einer Satzung von 1995 ist für Erfurt geregelt, dass Vorgärten "gärtnerisch anzulegen" sind, auf 100 Quadratmetern mindestens ein Baum stehen muss und 20 Prozent der Fläche mit Gehölzen zu bepflanzen sind.

Auszug Begrünungssatzung Stadt Erfurt vom 21.08.1995 §2
Allgemeine Grundsätze
(1) Die nicht überbauten Flächen der bebauten Grundstücke ... sind unter Verwendung von standortgerechten Arten, zu begrünen
bzw. gärtnerisch zu gestalten, zu unterhalten und instandzuhalten...
(2) Vorgärten und Grünflächen sind gärtnerisch anzulegen, zu unterhalten und
instandzuhalten...
...
§ 4
Begrünung
...(1.1) Auf je 100 qm der gärtnerisch genutzten oder als Grünfläche angelegten Fläche ist
mindestens 1 Baum ... zu pflanzen. 20 % der Fläche
sind mit Gehölzen zu bepflanzen....

Wozu waren Kies- und Schottergärten gedacht?

Vor etwa 30 Jahren gab es in England erste Kiesgärten, erklärt Professor Jonas Reif. Sie seien gedacht gewesen, um trockenheitsresistenten Pflanzen in trockenen Gegenden ein "gutes Umfeld" zu bieten. Denn in den Kies sickert Wasser ein und versorgt die Pflanzen, die dort wachsen (können) mit Feuchtigkeit.

Der Erfurter Landschaftsarchitektur-Prof. Jonas Reif im Porträt
Prof. Jonas Reif Bildrechte: MDR/privat

(Auch) hier in Erfurt sind solche Gärten eigentlich eine Fortführung einer Idee in die falsche Richtung. Wenn aus Gründen der Pflege 90 bis 95 Prozent Schotter in den Garten geschüttet werden, ist das nicht im Sinne des Erfinders.

Jonas Reif

Was ist gärtnerisch?

Die Erfurter Stadtpolitiker wollen nun erreichen, dass Schottergärten künftig nicht mehr erlaubt sind.

Was ist eigentlich gärtnerisch? Ist es gärtnerisch, wenn da auf dem Schotter ein kleiner Topf mit einer Blume steht?

Jana Rötsch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende "Mehrwertstadt" Erfurt

Ein Zaun trennt einen grün bewachsenen Garten zum Fußweg ab, auf dem zwei Frauen in der Ferne entschwinden.
Flächen, die bewachsen sind, strahlen weniger Wärme ab. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Jonas Reif ergänzt, dass diese Art von Garten vielleicht auf den ersten Blick pflegeleicht erscheint. Tatsächlich setzen sich im Laufe der Zeit Partikel wie Staub und Laub zwischen dem Kies fest.

Es baut sich langsam zwischen den Steinen ein gewisser Humus auf. Und dann wachsen auch (landläufig als solches bezeichnete) 'Unkräuter' zwischen dem Schotter. Das gilt es dann wiederum sehr aufwendig zu entfernen. Jeder, der schon mal zwischen Schotter gegärtnert hat weiß, dass der Aufwand immens ist! Ich gehe deshalb davon aus, dass diejenigen, die sich solche Schottergärten zugelegt haben, von selbst erkennen werden, wie kompliziert die eigentlich zu behandeln sind und dass bodendeckenden Gehölze, kombiniert mit Sträuchern und einigen höherwachsenden Gehölzen die viel pflegeleichtere Variante sind und man daran viel mehr Freude hat.

Jonas Reif

Dabei sind sich der Professor aus der Fachrichtung Landschaftsarchitektur und Jana Rötsch von der Mehrwertstadt sicherlich einig darin, dass nicht jeder Vorgarten von einem Landschaftsarchitekten durchgestylt werden muss.

Eine Frau in blauem Oberteil lächelt freundlich in die Kamera.
Jana Rötsch, stellv. Fraktionsvorsitzende Mehrwertstadt Erfurt Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

In unserem Vorgarten wächst Lavendel. Die Bienen und Schmetterlinge fliegen. Der Lavendel wird runtergeschnitten und dann blüht er im nächsten Jahr wieder. Da hat niemand irgendwelchen Ärger mit.

Jana Rötsch

Doch für manche ist ein Schottergarten schlicht praktisch. Kies rauf, es herrscht Ordnung. Rötsch meint deshalb, dass man den Leuten erklären müsse, wie anderes Gärtnern funktioniert und rennt damit bei Erfurts Chef-Gärtner offene Zauntüren ein. Sascha Döll ist Leiter des Garten- und Friedhofsamts in Erfurt und beschäftigt sich derzeit hauptsächlich mit der Bundesgartenschau BUGA 2021 in Erfurt. Früher hat er mit seiner eigenen Firma Gärten gestaltet.

Gestalterisch hat ja jeder einen anderen Geschmack. Das muss man dann entscheiden, ob man eine monotone Kiesfläche haben möchte. Die hat ökologisch gesehen einen sehr geringen, bis gar keinen Wert, denn Pflanzen können dort nicht aufwachsen. Tiere kommen dort auch nicht vor. Die können sich dort halt, weil sich die Steine aufheizen, im Sommer nicht halten.

Sascha Döll, Leiter des Garten- und Friedhofsamts in Erfurt

Doch Schottergärten sagt er, seien etwas, das die Ordnung der Deutschen im Haus raus in den Garten "verlängert". Dabei gebe es auch andere Möglichkeiten, "relativ pflegeleicht, aber ökologisch deutlich wertvoller Gärten anzulegen", so Döll.

Französische Vorbilder

Dabei ist Döll gedanklich in Versailles. Nicht jeder Erfurter soll sich nun einen Schlossgarten anlegen. Das ist damit nicht gemeint. Aber Ideen holen:

Die Franzosen arbeiten stärker mit dem Ort, analysieren ihn mehr und entwickeln den Garten aus dem Ort heraus. Wir Deutschen suchen uns eher etwas aus dem Katalog aus.

Sascha Döll

Bessere Beispiele zum "Abgucken" sollen deshalb in Erfurt entstehen. Kleine Mustergärten sollen auf dem Petersberg Ideen geben, wie die Erfurter weg vom Schottergarten kommen. Ein Verbot ist für Döll nicht der richtige Weg. Er setzt auf Alternativ-Vorschläge.

Sascha Döll, Leiter des Garten- und Friedhofsamts in Erfurt
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Wir arbeiten mit der nationalen Hochschule für Landschaftsgestaltung in Versailles zusammen. Es gab jetzt ein erstes Semester, ein Grobkonzept steht. Wir haben verschiedene Varianten für kleine Gärten am Lauentor entwickelt. Zwischen zehn und 20 solcher Schaugärten sollen im Frühjahr 2021 entstehen. Dabei stellen wir Material und helfen beim Bauen und die Franzosen zeigen uns etwas und lernen etwas über die Bundesgartenschau.

Sascha Döll

Die Deutschen, sagt Stadtsprecher Daniel Baumbach, seien "baumarkthörig". Ab Frühjahr sollen sie zur Buga neue Ideen geliefert bekommen - oder vielleicht auch vorher schon ein Verbot, die Vorgärten zuzuschütten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 13. August 2020 | 19:00 Uhr

55 Kommentare

Paule vor 6 Wochen

Liebes MDR-Team. Von wie viel Quadratmeter solcher Gärten sprechen wir in einer Stadt wie Erfurt oder Weimar, oder auf dem Land? Also wie hoch ist der prozentuale Anteil von solchen Schottergärten? Wie hoch ist der tatsächliche Anteil dieser Gärten an der Erwärmung unserer Städte und dem Insektensterben? Die meisten Hausbesitzer solcher Vorgärten, haben den größten Teil ihres Grundstücks ordentlich begrünt und gepflegt und am Ende auch Insektenhotels u.ä. Ich habe das Gefühl, dass sich hier jemand politisch etablieren will, sich was auf die Fahne geschrieben hat und wieder mit Pauschalbehaupten Verbote erwirken will.

lobo56 vor 6 Wochen

Das sehen Sie richtig .
Ich kritisiere seit Jahren die ausufernden Flächenversiegelungen. 2,5 ha
(25 000 qm) pro Tag in Thüringen, die behördlich genehmigt sind !
Steingärten können gern verboten werden, lösen aber allein nicht das Problem.

Jens66 vor 6 Wochen

Ich finde die Idee mit den Schaugärten ganz vernünftig, zumeist haben die Leute einen Schottergarten, die für eine Pflege wenig Zeit haben oder dafür verwenden können oder möchten! Ein Verbot würde nur die Denunzianten und Neider auf den Plan rufen, wenn man hier so manche Kommentare liest, sind dass wohl nicht wenige!

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