Spannender Prozess erwartet Verhandlungen im Doping-Skandal um Erfurter Arzt Mark Schmidt beginnen

Gerichtsreporterin Cornelia (Conny) Hartmann vom MDR THÜRINGEN JOURNAL
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Mit den Razzien im Februar 2019 wurde er bekannt: der Dopingskandal, dessen mutmaßliche Hauptakteure von Erfurt aus agierten. Während in Seefeld die Hotelzimmer von Teams und Sportlern durchsucht wurden, war es in Erfurt eine Arztpraxis. Zuständig für die Ermittlungen war die Staatsanwaltschaft München, Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Doping. Das Ermittlungsverfahren heißt "Operation Aderlass".

Sportarzt Mark Schmidt
Der Sportarzt Mark Schmidt: Seit eineinhalb Jahren sitzt er in Untersuchungshaft. In München wird ihm ab MIttwoch der Prozess gemacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ausgelöst wurde das Verfahren durch eine Fernsehsendung. Am 17. Januar sprach ein österreichischer Langläufer in der ARD-Sendung "Die Gier nach Gold - Der Weg in die Dopingfalle" darüber, wie er sich dopen ließ. Fünf Wochen später fanden die Razzien statt, in Österreich und in Erfurt. Elf Objekte wurden durchsucht, fünf Beschuldigte vorläufig festgenommen. Ihre und die Aussagen zahlreicher Zeugen finden sich nun in den 54 Aktenordnern und in der 145 Seiten starken Anklageschrift, über die am Mittwoch, eineinhalb Jahre nach den Razzien und Durchsuchungen, in München verhandelt wird.

Ein einem vereisten Gefrierfach liegen sechs in Gefrierbeutel mit Reißverschluss verpackte, gefüllte, gefrorene Blutbeutel
In einem vereisten Gefrierfach liegen sechs in Gefrierbeutel mit Reißverschluss verpackte, gefüllte, gefrorene Blutbeutel. Bildrechte: Zollfahndungsamt München

Der Hauptangeklagte, der Erfurter Arzt Mark Schmidt, wird den Verhandlungssaal in Handschellen betreten. Er sitzt noch immer in Untersuchungshaft. Mit ihm auf der Anklagebank sitzen vier seiner mutmaßlichen Helfer, drei sind auf freiem Fuß.

Allen wird gewerbsmäßige und teilweise bandenmäßige Anwendung verbotener Dopingmethoden beziehungsweise die Beihilfe dazu vorgeworfen.

Blutdoping ab 2011

Ab 2011 soll Schmidt von Erfurt aus weltweit, vor allem in Deutschland und Österreich, insbesondere im Bereich des Rad- und Wintersports, systematisches Blutdoping betrieben haben. Um damit Geld zu verdienen, heißt es in der Anklageschrift. Zur Steigerung der sportlichen Ausdauer- und Leistungsfähigkeit soll Schmidt Entnahme, Austausch, Trennung, Behandlung, Lagerung und Wiederzufuhr von Blut durchgeführt haben, es geht also um Eigenblutdoping. Gelagert wurden die Blutbeutel in einem Erfurter Garagenpark.

Leere Garage mit kleiner Leiter
In dieser Garage lagerte Schmidt seine manipulierten Blutbeutel. Bildrechte: Zollfahndungsamt München

Zudem soll der Arzt Sportlern Wachstumshormone verschrieben haben. Missbräuchlich, sagt die Staatsanwaltschaft. Die Blutmanipulationen seien nach so ausgefeilten Behandlungsplänen erfolgt, dass bei Dopingkontrollen bei Wettkämpfen und im Training über einen langen Zeitraum keine verbotenen Substanzen nachgewiesen werden konnten. Damit das alles reibungslos funktionierte, soll Schmidt ab 2014 einen kleinen Kreis Vertrauter aufgebaut haben, die das Eigenblutdoping "logistisch begleiteten". Als Fahrer oder zur Lagerung des Equipments, so die Anklage. Darunter medizinisch ausgebildete Helfer und ein Anwalt, der früher Vorsitzender des Schiedsgerichts beim Landessportbund Thüringen war und im Vorstand der Thüringer Sporthilfe saß.

Anklage auch wegen gefährlicher Körperverletzung

Schmidt ist darüber hinaus wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Im September 2017 soll er einer Sportlerin bei ihr zu Hause Erythrozyten, also rote Blutkörperchen, in Form von Plättchen gegeben haben. Den Ermittlungen zufolge gab es damals keine belastbaren Informationen über Inhalt und Wirkung des Präparates. Gegenüber der Sportlerin soll Schmidt wahrheitswidrig behauptet haben, dass das Präparat bereits an mehreren Personen getestet worden sei und es zu keiner Gefährdung käme. Kurz nach der Behandlung sollen Nebenwirkungen aufgetreten sein.

In Thüringen gab es nach Schmidts Verhaftung erhebliche Unruhe, weil die Praxis, in der Schmidt arbeitete, Kader-AthletInnen untersuchte und dafür Geld vom Landessportbund bekam. 23 Sportler aus acht europäischen Ländern sollen zu Schmidts Kunden gehören. Für sie ist das erst seit 2015 strafbar, denn dann trat in Deutschland das Antidopinggesetz in Kraft.

Praxis Dr. Mark Schmidt in Erfurt
Die Praxis von Mark Schmidt in Erfurt. Hier untersuchte der Arzt Kader-Athleten. Bildrechte: imago images/Karina Hessland

Bis zu zehn Jahre Haft möglich

Auch in Österreich werden Verfahren geführt. Das Landgericht Innsbruck verurteilte einen ehemaligen Langläufer im Januar 2020 wegen Dopings zu 15 Monaten Haft auf Bewährung. Für Schmidt geht es um deutlich mehr, bis zu zehn Jahre Haft sind möglich. Und ein Indiz für eine Verurteilung ist, dass der Angeklagte schon eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft sitzt. Eine außergewöhnlich lange Zeit. Normalerweise muss ein Prozess nach sechs Monaten U-Haft beginnen. So will es das Beschleunigungsgebot. Doch in diesem Fall waren die Ermittlungen wohl so umfangreich, dass die Haftbeschwerden von Schmidts Anwalt immer abgelehnt wurden.

Weltweites Interesse an Prozess

Ja, es wird ein spannender Prozess. Welche Sportler haben gedopt, tauchen neue Namen auf? Wieviel Geld ist geflossen? Besteht das Antidopinggesetz vor Gericht? Wer sagt aus, wer belastet wen? Und natürlich: Welche Strafen sind angemessen für den Fall, dass sich die Vorwürfe bestätigen? Für den Prozess sind bis Dezember 26 Verhandlungstage vorgesehen. Das Verfahren fällt allerdings in eine Zeit, in der Hygienekonzepte die Anzahl der Zuschauer stark beschränken. Im Gerichtssaal finden sechs Pressevertreter und sieben Zuschauer Platz. Für Journalisten wird die Verhandlung akustisch noch in einen anderen Saal übertragen. Akkreditiert sind übrigens 179 für den Prozess um die "Operation Aderlass".

Journalisten warten neben einem Zelt im Dunkeln vor einem Gebäude.
Journalisten warten bereits am Mittwochabend vor dem Landgericht München, um sich einen Platz im Saal zu sichern. Bildrechte: MDR/ Marcus Scheidel

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Thüringen Journal | 15. September 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Matthi vor 2 Tagen

Es ist nun mal so das die Hintermänner meistens zu clever sind. Was mich am meisten enttäuscht ist erst studieren Sie auf Staatskosten und dann können Sie den Hals nicht voll genug kriegen und machen für Geld alles diesen Ärzten die sich nicht ethisch verhalten gehört die Zulassung entzogen.

Spilker vor 2 Tagen

Es wird bereits angedeutet, dass da nicht nur Mark Schmidt angeklagt werden muss. Seine Hintermänner gehören noch vor ihm auf die Anklagebank. Zahlen die wieder so gut, dass sie geschützt werden? Der medizinisch ausgebildete "Anwalt", der andere vom Landessportbund, da sind noch mehrere dieser "Anwälte", die sich in der Kanzlei des Hans-Jochen Spilker tummeln. Als es zu heiß wurde, haben sich welche aus der Kanzlei schnell verabschiedet. Die gehören aber mit zum Komplott, die enge Verbindung besteht weiterhin. Hoffentlich redet Mark Schmidt. Allerdings würde er mit Familiensilber spielen. Er weiß um die Gefahr, was passiert, wenn er zu viel spricht. Die Mittäter wissen auch, was für ein Sumpf offengelegt wird, wenn bei ihnen ein wenig nachgeforscht wird. Dabei geht es längst nicht allein um Doping.

Dynamo vor 3 Tagen

Die Sportwelt kann eigentlich froh sein, dass die Einnahme von Dopingmitteln
nur ein begrenzte Zeit in die Vergangenheit nachweisbar ist. Es müssten sonst alle Bücher oder Fotoalben immer wieder aktualisiert werden. Es wurde und wird in jedem Land der Erde gedopt, da bin ich mir sicher. Wenn z.B. in der Frauen- Leichtathletik Weltrekorde über einen sehr langen Zeitraum Bestand haben, kommt man schon ins Grübeln, da sich die Trainingsbedingungen Jahr für Jahr verbessern. 15.09.2020, 14:42

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