ICE-Knoten Erfurt Mehr Kongress- und Tagungsgäste erhofft

Die schnelle ICE-Anbindung wird auch deutlich mehr Tagungsgäste in die Landeshauptstadt bringen. Davon gehen jedenfalls die Stadt sowie viele Hoteliers und Dienstleister fest aus. Einige berichten schon jetzt von steigenden Buchungszahlen.

von Karsten Heuke

Cathrin Swillus von der Erfurt Tourismus und Marketing GmbH sagte MDR THÜRINGEN, wenn in Erfurt täglich 80 ICE halten, dann habe das eine "enorme wirtschaftliche Bedeutung". Sie kümmert sich seit zwei Jahrzehnten um den Bereich Tagungen und Kongresse. Für sie ist klar, Erfurt wird vor allem für bundesweit aktive Verbände als Tagungsort interessanter, weil diese nun allen ihren "Teilnehmern aus ganz Deutschland eine ähnlich kurze Anreise bieten können". Die gezielte Werbung mit der guten ICE-Anbindung unter dem Motto "Erfurt lädt ein" habe sich bereits ausgezahlt, schon jetzt gebe es viele positive Rückmeldungen und auch Buchungen von großen Unternehmen und Verbänden für nächstes und übernächstes Jahr.

Tagungen mit oder ohne Übernachtung

Außenansicht des Hotels Victor's in Erfurt
Das Victor's Residenzhotel in Erfurt Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Von einem spürbaren Plus berichtet auch Hoteldirektor Lars Schütze, "das zeigen unsere Bücher". Er leitet Victor's Residenzhotel, das mit acht Tagungs- und Veranstaltungsräumen zu den größten Tagungshäusern gehört. Gut die Hälfte der Gäste des Hauses kommt seinen Angaben zufolge schon jetzt aus geschäftlichen Gründen. Dieser Zweig soll dank des ICE-Knotens weiter wachsen.

Allerdings sieht Lars Schütze, wie alle in der Branche, eine große Unbekannte: So sicher alle sind, dass das Tagungsgeschäft zulegen wird, so unsicher sind alle, wie viele Übernachtungen das zusätzlich bringt. Denn  je besser und schneller Erfurt erreichbar ist, je leichter können Tagungs- und Seminarbesucher auch abends wieder nach Hause fahren. Erfurt wird also auch für eintägige Geschäftstreffen, Schulungen und Veranstaltungen ohne Übernachtungen attraktiver. Bei zwei Stunden Anreise lohnt sich auch ein vierstündiges Treffen in Erfurt und pünktlich zum Feierabend sind alle wieder zu Hause, sagt auch Cathrin Swillus.

Genau darauf zielen Dienstleister wie Antje Burghardt. Nach mehr als zwei Jahrzehnten im öffentlichen Dienst, setzt sie seit diesem Jahr alles auf die gute Zuganbindung. "Der ICE ist meine Chance, das meine Geschäftsidee richtig durchstartet", so Burghardt. Sie hat sich mit ihrem "Businessloft" selbständig gemacht. Dort können Geschäftsleute in Sichtweite zum Erfurter Hauptbahnhof am Spielbergtor Räume für Besprechungen, Bewerbungsgespräche, Tagungen, Vorträge und Seminare stunden- oder tageweise mieten.

Ein heller Besprechungsreaum mit modernen Drehstühlen
Die Besprechungszimmer im "Businessloft" kommen fröhlich und hell daher. Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Im gläsernen Atrium können bis zu 50 Personen sitzen. "Alles ist technisch voll ausgestattet vom W-Lan bis zum Drucker und Kaffee gibt es auch", so die Unternehmerin. Außerdem mache ihr es großen Spaß, die Kunden zu umsorgen und Kontakte zu vermitteln. Einige Geschäftsleute kämen bereits jede Woche aus Frankfurt oder Berlin, um in Erfurt beispielsweise Personalgespräche zu führen. Besonders beliebt sei das Herrenzimmer mit englischen Chesterfield-Ledersesseln und Kamin. "Der ideale Rahmen für ungestörte Geschäftsabschlüsse und die Kunden kommen immer mit einem Lächeln raus ", freut sich Burghardt.

Hotels sind schnell ausgebucht

Erfurt-Vermarkterin Cathrin Swillus hört so etwas gern. Denn die ICE-Euphorie bereitet ihr auch Sorgen, denn Erfurts Angebot an Tagungsorten ist überschaubar. Ihre Recherchen listen rund 60 Eventlocations auf.

Eine blonde Frau steht vor dem Erfurter Touristik-Büro.
Erfurt-Vermarkterin Cathrin Swillus Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Aufgeführt sind natürlich die Messe, das Stadion und der Kaisersaal, aber auch der Waidspeicher, das Haus Dacheröden, das Gartenbaumuseum und Schloss Molsdorf. Doch viele sind nur für ganz spezielle oder kleine Veranstaltungen geeignet. Und Kongresshotels mit Kapazitäten von 100 bis 300 Personen gebe es lediglich sechs in Erfurt.

Deshalb geschehe es schon jetzt immer öfter, dass sie Tagungsausrichter enttäuschen müsse. "Viele Veranstalter sind auf dieselben Termine festgelegt, beispielsweise stets das zweite Wochenende im März." Da ist schnell alles ausgebucht. Und selbst wenn noch Tagungsräume verfügbar sind, scheitert es bei mehr mehrtägigen Treffen an Hotelbetten. "Ein großer Kongress auf der Messe und alles ist belegt", so Swillus. Parallel etwas Größeres im Kaisersaal funktioniere dann nicht.

 Zum Übernachten nach Gotha und Weimar

Deshalb setzt die Vermarkterin nicht nur auf die ICE-Anbindung, sondern auch auf die "fast wie S-Bahnen" getakteten Regionalzüge. So könnten Erfurter Tagungsgäste noch unkomplizierter ihre Hotelsuche auf Gotha und Weimar ausweiten. Langfristig hofft Cathrin Swillus aber, dass die Zahl von derzeit etwa 3.000 Hotelbetten in Erfurt steigt. Sehr froh sei Erfurt Tourismus über das angekündigte 200-Betten-Haus am Bahnhof, auch wenn es "leider keine Tagungsräume bieten wird". Und sehnlichst erwartet wird auch das geplante Hotel an der Erfurter Messe.

Eine Hotel-Baustelle in Erfurt
Die Hotel-Baustelle nahe des Erfurter Hauptbahnhofs Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Potential sehen auch die Betreiber des Best Western-Hotels unmittelbar am Hauptbahnhof. Das Fundament für einen Neubau ist bereits fertig, er wird das Hotel mit derzeit 77 Zimmern und Suiten um 15 erweitern. Denn Hoteldirektorin Ines Wilczak rechnet mit weiter steigender Auslastung des Viersterne-Hauses, natürlich wegen des ICE.

Den Optimismus teilt auch ihr Kollege Lars Schütze. Der Hoteldirektor engagiert sich auch im Vorstand des Tourismusvereins Erfurt. Er rechnet neben einem Plus an Tagungen fest mit mehr Übernachtungsgästen. Deshalb könne Erfurt seiner Meinung nach "noch das eine oder andere überschaubare neue Hotel vertragen".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 07. Dezember 2017 | 18:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 19:16 Uhr

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5 Kommentare

09.12.2017 18:37 Quantix 5

@Observer: Es ist historisch gesehen kein Zufall, dass es die Kreuzungspunkte großer Handelsrouten waren, an denen Städte erblühten. Wir werden allerdings erst in dreißig Jahren ein fundiertes Urteil darüber fällen können, ob wir heute nur einem Hype fröhnen oder aber am Beginn eines nachhaltigen Aufschwungs stehen. Bis dahin können wir uns die Zeit mit Spekulationen aller Art vertreiben.

08.12.2017 21:05 Observer 4

Erfurt wird nichts weiter als eine Durchgangsstation für Reisende bleiben.

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