Seltene Zeremonie Erster Buchstabe: Neue Tora-Rolle für jüdische Gemeinde

304.805 Buchstaben, zwei Jahre Zeit, Fehler sind nicht erlaubt: Die Vorgaben, nach denen die neue Tora-Rolle für die Jüdische Landesgemeinde Thüringen entstehen soll, sind streng. Die Federführung liegt beim Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov. Der speziell ausgebildete Tora-Schreiber hat bei einer Zeremonie am Mittwochabend mit der anspruchsvollen Aufgabe begonnen. Die neue Tora-Rolle ist ein Geschenk der zwei großen christlichen Kirchen in Thüringen.

Der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt den ersten Buchstaben der neuen Tora-Rolle für die jüdische Gemeinde in Thüringen.
Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt den ersten Buchstaben der neuen Tora-Rolle für die jüdische Gemeinde in Thüringen. Jetzt liegen zwei Jahre Schreibarbeit vor ihm. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Als Tora werden die ersten fünf Bücher der jüdischen Bibel bezeichnet. Wenn eine solche Tora geschrieben wird, läuft dabei alles ganz anders ab als bei der christlichen Bibel. Zum einen unterscheidet sich die Tora-Rolle schon rein äußerlich als aufgerolltes Pergament von den Büchern mit Bibeltexten. Zum anderen wird eine Tora-Rolle komplett von Hand geschrieben, akribisch Buchstabe für Buchstabe. Ein eigens ausgebildeter Schreiber, der sogenannte "Sofer", ist dafür zuständig. Bei der neuen Tora-Rolle, die am Mittwoch von den christlichen Kirchen an die jüdische Landesgemeinde übergeben wurde, übernimmt der Rabbiner Reuven Yaacobov aus Berlin diese Aufgabe. Mit dem Geschenk wollen die Evangelische Kirche Mitteldeutschland und das Bistum Erfurt ein Zeichen für die enge Verbundenheit von Juden und Christen setzen.

Tora-Rolle als Geschenk der Kirchen an jüdische Gemeinde in Thüringen

Reuven Yaacobov hat bei einer feierlichen Zeremonie am Mittwoch den allerersten Buchstaben auf das Pergament geschrieben: ein B(eth). Denn das erste Wort in der Tora lautet "bereschit" und bedeutet "im Anfang". Dabei unterstützt wurde er von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Sie durften "mitschreiben", indem sie ihre Hand auf den schreibenden Arm des Sofers legten. Auch die Bischöfe der Kirchen, die die Tora schenkten, wurden beteiligt.

Nachdem nun der erste Buchstabe geschrieben ist, wird der Sofer die Tora in Berlin weiterschreiben. Ungefähr zwei Jahre soll die buchstäbliche Handarbeit dauern, die außerdem an viele Regeln geknüpft ist: So muss das Pergament zum Beispiel von Hand aus der Haut von reinen Tieren wie Rind, Ziege oder Reh gefertigt sein. Das Schreibwerkzeug ist ein Vogelkiel von Gans oder Truthahn und die Tinte darf keine Metallzusätze enthalten. Insgesamt umfasst die Tora 304.805 Buchstaben und darf keine Fehler enthalten. Dies würde rituelle Unreinheit bedeuten.

Zwei Jahre Schreibarbeit an der Tora - möglichst ohne Fehler

Verschreibt sich der Sofer sei das zwar ungünstig, aber noch kein Grund, komplett von vorne zu beginnen, erklärt Gemeinderabbiner Alexander Nachama. Die Tora-Rolle besteht aus einer Bahn von aneinanderbefestigten Pergamentseiten. Aufgerollt wird sie mit zwei Stäben. Sollte ein größerer Fehler unterlaufen, müsse "nur" eine Seite neu geschrieben werden.

Wenn der Sofer mit seiner Arbeit fast fertig ist, wird es noch einmal eine Zeremonie mit dem Schreiben des allerletzten Buchstabens geben. Danach kann die Tora in den Gottesdiensten der jüdischen Landesgemeinde benutzt werden. Der Vorteil der langen und aufwendigen Handarbeit: Eine Tora-Rolle kann aufgrund ihrer Beschaffenheit und der sorgfältigen Herstellung Jahrhunderte alt werden.

Themenjahr zu jüdischem Leben in Thüringen

Die Tora als Geschenk soll auch das Themenjahr "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" ab Oktober 2020 vorbereiten. Damit wollen die Kirchen zusammen mit der thüringischen Landesregierung daran erinnern, wie jüdisches Leben in Thüringen verankert ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. Oktober 2019 | 18:00 Uhr

6 Kommentare

Normalo vor 37 Wochen

Der Kommentar bezieht sich auf H.E. und meint dass zwar die Ziffern ursprünglich aus Indien stammen, die von Ihnen genannten Begriffe aber aus dem arabischen. Genau wie zum Beispiel das Wort Schal.

martin vor 37 Wochen

Wie wäre es mit Medizin oder Architektur / Bautechnik?

Das Zweistromland gilt darüber hinaus als Wiege für mancherlei Dinge, die wir heute als Teile der Kultur betrachten - allerdings war das in der Tat vor der Erfindung des Islam.

Normalo vor 37 Wochen

Oh da offenbaren Sie im letzten Teil Ihres Kommentar großes Unwissen. Ohne arabische Wissenschaftler in Bagdad und Cordoba wären kaum antike Werke von Aristoteles, Galen usw auf uns gekommen. Diese wurden von den arabischen Wissenschaftlern aus dem griechischen ins arabische und viel später, im späten Mittelalter ins lateinische übersetzt.
Dem ersten Teil Ihres Kommentars ist natürlich zuzustimmen.

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