Landwirtschaft Wie gehen Thüringer Obst- und Gemüsebauern mit der Trockenheit um?

Das Thüringer Becken ist eine der trockensten Regionen in Deutschland. Gleichzeitig ist es aufgrund der Wärme und der guten Böden auch das Zentrum des Gemüse- und Obstanbaus im Freistaat. Bewässerung ist daher ein enorm wichtiges Thema für die Betriebe, die dafür notwendigen Investitionen kann jedoch kaum ein Unternehmen stemmen.

Beregnung eines Kartoffelfeldes
Künstliche Bewässerung ist mittlerweile durch die zunehmende Trockenheit für viele Thüringer Obst- und Gemüsebauern unumgänglich. Bildrechte: imago/Rust

Zu geringe Niederschlagsmengen sind für die Landwirte des Thüringer Beckens wahrlich kein neues Thema und zusätzliche Bewässerung für viele Betriebe schon seit vielen Jahren Standard. Doch die Dürrejahre 2018 und 2019 haben das ohnehin schon bestehende Problem noch einmal verschärft, vielerorts gibt es bereits jetzt zu wenig Wasser.

Während Feldfrüchte wie Getreide oder Raps ein gewisses Maß an Trockenheit aushalten, bringen Obst- und noch stärker Gemüsekulturen ohne kontinuierliche Wassergaben schlicht keine Erträge. Zumal die Produkte im Erwerbsanbau bestimmte Normen hinsichtlich Größe und Aussehen erfüllen müssen, um von Lebensmitteleinzelhandel überhaupt abgenommen zu werden. Doch damit Äpfel, Tomaten oder Möhren eine bestimmte Größe erlangen können, brauchen sie vor allem eines: Wasser.

Versuche für einen ressourcensparenden Anbau

"Einen Königsweg, wie mit der Trockenheit umzugehen wäre, gibt es schlichtweg nicht", sagt Martin Krumbein, Fachbereichsleiter für Gemüseanbau des Thüringer Landesamts für Landwirtschaft und Ländlichen Raum (TLLLR) in Erfurt. Er und seine Kollegen erforschen, wie Kulturen effektiv angebaut werden können.

Eine Fragestellung ist beispielsweise, welche Vor- und Nachteile eine Tropfbewässerung gegenüber einer Über-Kopf-Beregnung für bestimmte Kulturen hat. Insbesondere die Kombination von Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmitteln sowie der Einsatz veränderter Anbauverfahren - zum Beispiel Einsatz von Schutznetzen - spielt in den Versuchen eine große Rolle. Ziel ist ein ressourcensparender Anbau bei gleichzeitig hohen Erträgen. Bei den geringen Gewinnmargen für landwirtschaftliche Produkte sind solche Erkenntnisse für die Betriebe überlebenswichtig. 

Neben verschiedenen Kohlarten macht das TLLLR auch Versuchsreihen mit sogenannten wärmeliebenden Gemüsen wie Tomate, Paprika, Kürbis sowie Wassermelone und Süßkartoffel, die von den zunehmenden Temperaturen in Thüringen profitieren. Allerdings ist es in der Praxis für viele Betriebe nur schwer möglich, die Anbaukultur zu wechseln und etwa Zucchini statt Blumenkohl zu produzieren. Denn an jeder Kultur hängen spezielle Technik und Arbeitsabläufe, die nicht einfach so umgestellt werden können. Außerdem kann nur das produziert werden, wofür es auch Abnehmer gibt.

Kleine Äpfel müssen in die Saftpresse

Äpfel der Sorte Cox Orange
Äpfel müssen eine bestimmte Größe erreichen, um vom Handel als Verzehrware angenommen zu werden. Bildrechte: imago/blickwinkel

Das bestätigt Wilhelm Schäfer, ein Vorstand der Kindelbrücker Obstbau EG. Das Unternehmen baut unter anderem Äpfel für den Lebensmitteleinzelhandel an. Kindelbrück liegt in einer extrem trockenen Gegend – von den ohnehin niedrigen Jahresniederschlägen fielen in den letzten zwei Jahren nur etwa zwei Drittel schätzt der Obstbauer.

Laut Schäfer würde die Umstellung auf trockenheitsresistentere Sorten  jedoch bislang keine Rolle spielen, da die Abnehmer im Großhandel klare Vorgaben in Bezug auf die gängigen Sorten machen. "Wir machen da keine Experimente", so der Agrar-Unternehmer. Die Trockenheit sei in den letzten drei Jahren das Hauptproblem des Betriebes gewesen: "Wir brauchten die doppelte Menge Wasser wie sonst, denn bewässert werden muss im Grunde alles." 

Neue Plantagen legen die Kindelbrücker daher nur noch mit Tropfbewässerung an, was hohe Investitionskosten mit sich bringt. Aber auch die bestehenden Wasserleitungen, die zum Teil Jahrzehnte alt sind, würden hohe Instandsetzungs- und Reparaturkosten erfordern. Um vom Handel als Verzehrware abgenommen zu werden, müssen die Kindelbrücker Äpfel eine Normgröße von 65 bis 85 Millimeter erreichen. "Alles was darunter liegt, gilt als Industrieware und wird zu Saft oder Apfelmus verarbeitet, aber der Erlös daraus wäre für uns nicht kostendeckend", erklärt Wilhelm Schäfer das Dilemma.

Kunden tragen nicht die Mehrkosten

Blumenkohl
Der Blumenkohlanbau hat Tradition um Erfurt herum, aber wie lange noch? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch sein Erfurter Kollege, der Gemüsebauer Lars Fischer, kämpft mit dem Wasser für seine Pflanzen: "Die Wasserlage ist sehr angespannt, der Grundwasserstand in unseren zwei Brunnen ist sehr niedrig aufgrund der vergangenen Trockenjahre", so der Geschäftsführer von Fischer-Gemüse. Zwar bekämen sie durch eine Vereinbarung mit der Thüringer Fernwasserversorgung zusätzlich Wasser, um das Nötigste zu bewässern, aber das erhöht die Betriebskosten erheblich.

"Diese Mehrkosten kann ich nicht eins zu eins an die Kunden weitergeben, schließlich kann ich mich den üblichen Marktpreisen nicht verschließen. Wenn ich mehr als 30 bis 40 Prozent über den Supermarktpreisen liege, verkaufe ich meine Ware nicht", sagt der Gemüsebauer. Das Familienunternehmen betreibt vor allem Direktvermarktung und baut eine Vielzahl unterschiedlicher Gemüse an.

Gern würde Lars Fischer in sein Bewässerungssystem investieren, doch dazu fehlt ihm das Geld: "Die letzten Jahre waren katastrophal, da haben wir mehr Geld in den Betrieb gesteckt als rausbekommen, das geht auf Dauer natürlich nicht." Als Konsequenz überlegt er, Kulturen zu variieren und zum Beispiel statt des sehr pflegeaufwendigen und empfindlichen Blumenkohls vermehrt auf robustere Gemüsearten oder gleich auf Getreide zu setzen.

Mit solchen Überlegungen ist Lars Fischer nicht allein. Die Anbaufläche für Gemüse hat sich im Freistaat seit dem Jahr 2000 quasi halbiert. Mittlerweile wird nur noch auf rund 800 Hektar Gemüse angebaut, bei den Obstkulturen sind es immerhin noch 2070 Hektar (Stand 2018, neuere Zahlen liegen derzeit nicht vor).

Was Verbraucher und Politik tun können

Joachim Lissner, Geschäftsführer des Landesverbandes Gartenbau Thüringen, weiß wie sehr seine Verbandsmitglieder zu kämpfen haben: "Das vierte Jahr in Folge gibt es nun Schäden entweder durch die Dürre oder durch Spätfröste." Im Obstanbau sei der Flächenrückgang zwar nicht ganz so stark wie bei den Gemüsebauern, aber insgesamt würden Betriebe überlegen, die Produktion auf Getreide oder Futterpflanzen umzustellen. Damit ist nicht nur die lange Tradition des Gartenbaus in Thüringen in Gefahr, sondern auch die Versorgung mit regional erzeugten Lebensmitteln.

"Durch die Corona-Krise ist vielen Verbrauchern wieder vor Augen geführt worden, wie wichtig vor Ort produzierte Lebensmittel sind, wenn internationale Lieferketten zusammenbrechen", so Lissner. Eine steigende Wertschätzung für die Arbeit der lokalen Lebensmittel-Produzenten sieht er als Voraussetzung an, um den Trend zur Flächenreduzierung zu stoppen. "Saisonal angepasst einkaufen und auf die Herkunft der Produkte achten", wünscht sich der Verbandschef von den Verbrauchern. 

Von der Politik fordert der Verband die Auflage eines Sonderprogramms zur Förderung von Bewässerungssystemen mit einer Förderquote von 70 bis 80 Prozent: "Das würde es den Betrieben ermöglichen, wieder zu investieren und die drängendsten Wasserprobleme zu lösen." 

Quelle: MDR THÜRINGEN

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