Justizvollzugsanstalt in Goldlauter
Justizvollzugsanstalt in Goldlauter: Ein Ausbruch durch die Fenster ist eher unwahrscheinlich. Bildrechte: dpa

Flucht aus JVA Suhl-Goldlauter In der Pappkiste in die Freiheit

Noch immer sucht die Thüringer Polizei einen Häftling, der vor gut einer Woche aus der Haftanstalt Suhl-Goldlauter entwischen konnte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Meiningen. Der Verdacht lautet: Gefangenenbefreiung. Seine Flucht war filmreif.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Justizvollzugsanstalt in Goldlauter
Justizvollzugsanstalt in Goldlauter: Ein Ausbruch durch die Fenster ist eher unwahrscheinlich. Bildrechte: dpa

Vasili T. verschwand in einem Karton. Aus der Justizvollzugsanstalt Suhl-Goldlauter. Das Ganze passierte am helllichten Tag und offenbar mit Unterstützung von anderen Häftlingen. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft Meiningen aus und hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Gefangenenbefreiung eingeleitet. Dass niemand den Moldawier Vasili T. in der Pappkiste entdeckte, lag möglicherweise auch an der Schlampigkeit einer JVA-Beamtin. Denn inzwischen können die Ermittler der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft den Ablauf relativ gut rekonstruieren.

Verdacht auf Gefangenenbefreiung

Nach MDR-THÜRINGEN-Informationen hat sich die Flucht offenbar wie folgt abgespielt: Am Dienstag, den 17. Oktober, sollten am frühen Nachmittag mehrere große Pappkartons beladen werden. Sie standen in einem Lagerraum im Untergeschoss der Haftanstalt. Dort wurden die Kisten von Häftlingen für den Abtransport vorbereitet. In die Kisten kamen, so sagt es das Thüringer Justizministerium, Plastik-Kleinteile. Diese werden in der Haftanstalt im Auftrag einer externen Firma hergestellt. Verpackt werden sie in große Säcke, die dann in die Kartons kommen.

Luftbild der Justizvollzugsanstalt Goldlauter
Das Gefängnis in Suhl-Goldlauter Bildrechte: IMAGO

In dem Lagerraum sollen sich eine JVA-Beamtin und mindestens drei Häftlinge aufgehalten haben. Ob Vasili T. auch dabei war und mit verpackte oder erst dazu kam, ist bisher nicht bekannt. Offenbar kletterte er jedoch in einem Moment der Unachtsamkeit der Beamtin in einen der großen Kartons. Laut Insidern soll der Lagerraum sehr unübersichtlich sein, so dass die Beamtin das möglicherweise gar nicht genau überblicken konnte. In dem Karton selber befand sich eine Art Zwischendecke aus Pappe. Die soll einer der Komplizen über T. gelegt und anschließend weitere Säcke darauf gestapelt haben.

Dann folgte der möglicherweise entscheidende Fehler der Beamtin: Bei der Kontrolle der beladenen Kisten schaute sie offenbar nur auf die oberen Lage des mit Plastiksäcken beladenen Kartons - jedoch nicht tiefer. Vasili T. in der Kiste blieb so unentdeckt. Die Beamtin gab das Signal, dass alles in Ordnung sei und ließ die Kartons schließen.

Keine richtige Kontrolle

Ein Gabelstapler holte und verlud die Kartons auf einen Laster, der bereits auf dem Gelände der Haftanstalt wartete. Nachdem alles verladen war, so die Rekonstruktion der Ermittler, fuhr der LKW aus der JVA - ohne eine weitere tiefere Kontrolle. Zu diesem Zeitpunkt merkte noch niemand, dass einer der Gefangenen fehlte. Auch der Beamtin fiel es scheinbar nicht auf. Obwohl sie hätte durchzählen müssen, wer sich in dem Lagerraum aufhielt. Der LKW fuhr durch das Anstaltstor nach draußen. Dort, so soll der Fahrer später ausgesagt haben, musste er wegen eines Fahrzeugs, das seinen Weg kreuzte, halten. Dabei habe er ein Klappern auf der Ladepritsche gehört. Er habe noch einmal nachgeschaut und bemerkt, dass an einem Karton etwas nicht stimmt. Der Karton war offen. Die Fahnder vermuten, dass Vasili T. es geschafft hat, den Karton von innen aufzudrücken. Genau in dem Moment, als der LKW halten musste, gelang ihm so die Flucht.

LKA Zielfahnder unterwegs

Inzwischen hat sich das Landeskriminalamt den Fall auf den Tisch gezogen und seine Zielfahnder angesetzt. Denn der aus Moldawien stammende Vasili T. ist ein "Kunde" der LKA-Fahnder und der Staatsanwaltschaft Gera, die in Thüringen für Organisierte Kriminalität (OK) zuständig ist. T. ist der Hauptverdächtige in einem großen Drogenverfahren.

Wer ist Vasili T.?

Rückblick: Im Juni dieses Jahres stoppten schwer bewaffnete Beamte des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) einen Wagen auf der B4 bei Erfurt-Marbach. In dem Auto fanden sie rund 30 Kilo Marihuana. Und bei einer weiteren Durchsuchung am selben Tag auf einem Gartengrundstück in Marbach noch einmal knapp 20 Kilo Marihuana. Insgesamt sechs Tatverdächtige wurden in den folgenden Tagen festgenommen. Kopf des Drogenrings soll Vasili T. sein. Er soll mit seiner Gruppe eine Lieferroute aus den Niederlanden nach Thüringen betrieben haben. Aufgeflogen war das Ganze, weil bereits im Sommer 2016 ein LKW-Fahrer aus Erfurt an der französischen Grenze mit 240 Kilo Marihuana geschnappt worden war. Die Drogenladung war für Thüringen bestimmt. In der Folge liefen umfangreiche Ermittlungen des LKA und des Zollkriminalamtes. Dabei stießen die Fahnder auf Vasili T. und seinen Drogenring.

Lange kriminelle Karriere

T. selber hat eine lange kriminelle Karriere hinter sich. Aus internen Ermittlungsakten, die MDR THÜRINGEN vorliegen, geht hervor, dass er wegen Drogendelikten, Betrugs, schweren Diebstahls oder schwerer Körperverletzung vor Gericht stand. Bisher bekam er von den Richtern maximal Bewährungsstrafen. Das LKA stuft den Mann aber als gefährlich ein. Das zeigt auch ein Überfall, den er gemeinsam mit einem Komplizen vor fünf Jahren verübte. Angeblich hatten die beiden Informationen über einen Dealer, in dessen Haus Drogen und Geld zu holen waren. Offenbar hatten sie aber die Adresse und den Namen nicht richtig geprüft. Sie drangen in eine andere Wohnung ein und verprügelten einen Mann, um dann festzustellen, dass sie den Falschen erwischt hatten: Der angebliche Dealer war in Wahrheit ein unbescholtener Polizeibeamter.

T. war auch an einer Messerstecherei im vergangenen Sommer vor einer Erfurter Erotikbar beteiligt. Damals war er Opfer und wurde schwer verletzt.

Thüringens Justizminister Dieter Lauinger (Grüne) hofft nun, dass der flüchtige Häftling bald gefunden und wieder in die Haftanstalt zurückgebracht werde. Das Verschwinden ist keine Lappalie:

So eine Flucht ist der Maximal-Gau

Die Umstände würden aufgeklärt, sagt Lauinger MDR THÜRINGEN. Zudem seien Disziplinarverfahren eingeleitet worden, so der Minister. Dass Vasili T. gefunden wird, hofft auch die OK-Staatsanwaltschaft Gera. T. saß in Suhl-Goldlauter in Untersuchungshaft wegen eines Drogenverfahrens, das die Staatsanwaltschaft bald anklagen will. Aber noch fehlt von T. jede Spur.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 26. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2017, 19:00 Uhr

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6 Kommentare

27.10.2017 14:48 Schnellschnitt 6

Das solche Ausbrüche geschehen ist auf die Absicherung und Bewachung des Knast und Knakis zurück zu führen. Die leben doch wie die Made im Speck. Haben Hallenbad, Sporthalle Fernsehraum und wenn sie schön brav sind noch Knasturlaub. Da es ihnen so gut geht versuchen sie auch diese Ausbrüche. Vielleicht liegt es auch an der Kumpelei bei so manchen Bewacher gegenüber dem Knaki. Das diese Bewacherin angeblich nichts gemerkt haben will, dass dieser Kopf der Drogenbande in einer Kiste außerhalb des Knast gekommen ist. Das kann man einen Menschen erzählen der die Hose mit der Kneifzange anzieht. Da ist etwas faul m.E.

27.10.2017 14:27 martin 5

Schade, dass der verantwortlliche Minister offensichtlich nicht mal darüber nachdenkt, ob die Fehler der Beamtin nicht vielleicht auch mit Überlastung oder sonstigen Arbeitsbedingungen zusammenhängen KÖNNTEN. Die Konsequenzen fix auf Sanktionen gegen die Beamtin reduzieren. Schuld sind immer die Anderen. Kennen wir ja.

Wenn das Landgericht Erfurt völlig überlastet ist und Verfahren nicht mehr ordentlich geführt werden können, dann ist auch das Landgericht selbst Schuld und nicht der Dienstherr, der zu wenig Personal zur Verfügung stellt. Und bei den anderen Gerichten dürfte es ähnlich aussehen...

Von daher hilft es auch wenig auf "die Justiz" zu schimpfen, die Manches in der Tat nicht so auf die Reihe zu bekommen scheint, wie es angemessen wäre.

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Wie der Häftling aus der JVA Suhl-Goldlauter ausbrechen konnte, haben wir in dieser Grafik nachgestellt.

Do 26.10.2017 17:30Uhr 00:25 min

https://www.mdr.de/thueringen/video-148750.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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