Diskussion um Schließung "Notfalls stilllegen": Rechnungshofpräsident stellt Flughafen Erfurt-Weimar infrage

40.000 Euro täglich - das ist laut Rechnungshofpräsident Sebastian Dette der Zuschussbedarf des Landes für den Flughafen Erfurt-Weimar. Er plädiert für ein "Ende mit Schrecken statt einem finanziellen Schrecken ohne Ende."

Der Eingangsbereich des Flughafens Erfurt-Weimar
Flughafen Erfurt-Weimar: Die Debatte um eine mögliche Schließung geht weiter. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Nachdem sich bereits die Thüringer Grünen und Umweltschützer für die Schließung des Flughafens Erfurt-Weimar ausgesprochen haben, stellt nun auch Rechnungshofpräsident Sebastian Dette die Wirtschaftlichkeit des Flughafens infrage. "Das Land kann nicht völlig am Bedarf vorbei jährlich Millionenbeträge als Liquiditätshilfe zahlen - und das mit steigender Tendenz", sagte Dette. Es müsste nach wirtschaftlichen Alternativen zum reinen Charterflugverkehr und damit einer sinnvollen Nutzung des Airports gesucht werden, forderte Thüringens oberster Finanzprüfer.

Wenn es keine zusätzliche Nutzung gibt, muss man den Flughafen notfalls stilllegen.

Rechnungshofpräsident Sebastian Dette

So das Resümee von Dette. Außerdem plädierte er für ein "Ende mit Schrecken statt einem finanziellen Schrecken ohne Ende."

Thüringens Rechnungshofpräsident Sebastian Dette
Sebastian Dette, Präsident des Landesrechnungshofs in Thüringen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Den täglichen Zuschussbedarf des Landes für Thüringens einzigen internationalen Flughafen bezifferte Dette auf etwa 40.000 Euro. Grund sei, dass der Flughafen überdimensioniert und nicht bedarfsgerecht ausgebaut worden sei. Derzeit gibt es wöchentlich nur einzelne Flüge von Erfurt in Urlaubsregionen, darunter nach Bulgarien, etwas Frachtverkehr sowie Besichtigungstouren für Besucher.

Flughafen hat sich noch nicht von Germania-Insolvenz erholt

Zudem ist Erfurt, dem Fachleute eine gute technische Infrastruktur bescheinigen, einer der größten deutschen Parkplätze für Flugzeuge, die am Boden bleiben müssen. Bereits 2019 hatte der Flughafen unter der Insolvenz der Fluggesellschaft Germania gelitten, die den Großteil des Verkehrs bestritt. 2018 waren mit Germania noch knapp 186.000 Passagiere ab Erfurt geflogen - bei insgesamt etwa 263.000 Fluggästen in der Thüringer Landeshauptstadt.

Flughafen Leipzig ist Alternative zum Abflug in Erfurt

Mit einem deutlichen Anstieg der Passagierzahlen sei wegen der Corona-Krise, aber auch wegen des gestiegenen Umweltbewusstseins vieler Menschen nicht zu rechnen, sagte Dette. Zudem gebe es Alternativen zu einem Abflug in Erfurt. Der Flughafen Leipzig beispielsweise sei mit dem ICE in etwa 40 Minuten von Erfurt aus erreichbar. Dette zufolge hat der Rechnungshof in den vergangenen Jahren immer wieder auf aus seiner Sicht Fehlentwicklungen beim Ausbau des Flughafens in der Landeshauptstadt hingewiesen. Konzepte hätten auf zu optimistischen Prognosen basiert - in den 1990er Jahren sei man sogar von bis zu einer Million Passagieren jährlich ausgegangen.

"Gerade teure Infrastruktur muss bedarfsgerecht geplant werden", sagte der Rechnungshofpräsident. Letztlich habe der Flughafen-Ausbau einen dreistelligen Millionen-Betrag gekostet. Dette sprach von einem Prestigeobjekt. Er bezeichnete es als "überholte Kirchturmpolitik, dass jedes Bundesland seinen eigenen Flughafen hat."

CDU-Landtagsfraktion hält Flughafen für unverzichtbar

Die CDU-Landtagsfraktion kritisiert Dettes Position als einseitig. Der Infrastruktur-Sprecher der Fraktion, Marcus Malsch, sagte MDR THÜRINGEN, der Flughafen in Erfurt müsse zusammen mit dem Bahnknoten in der Mitte Deutschlands als Mobilitätseinheit gesehen werden. Das Geld des Landes sei sinnvoll investiert, zumal gute Chancen bestünden von Erfurt aus Linienverkehr, beispielsweise in die Balkanländer, anzubieten. Es habe vor Corona vielversprechende Gespräche dahingehend gegeben.

Außerdem hingen mehr als 2.000 Arbeitsplätze vom Flughafen in dessen Umfeld ab. Der CDU-Politiker wirft jedoch der Landesregierung vor, in den vergangenen sechs Jahren nichts für die Stärkung des Flughafens getan zu haben.

Kritik an Flughafen bereits von Grünen und Umweltschützern

Erst vor wenigen Tagen hatten der BUND und das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) neben der Schließung weiterer Regionalflughäfen auch die des Erfurter Flughafens gefordert. Das hatte zu einer kontroversen Debatte geführt. Der Geschäftsführer des Erfurter Flughafens, Uwe Kotzan, kritisierte die Studie, die die Grundlage für die Forderung der Naturschütter bildete. Seiner Ansicht nach enthalte sie unkorrekte Angaben. Zugleich berücksichtige die Studie nicht, welche Bedeutung der Flughafen Erfurt-Weimar für die Wirtschaft in der Region habe. Der Flughafen spiele eine wichtige Rolle im Expressfracht-Verkehr.

Auch die Thüringer Grünen können sich eine Schließung vorstellen, die Oppositionsfraktionen CDU und AfD halten dagegen an dem Flughafen fest. Nach früheren Angaben des Verkehrsministeriums hängen etwa 2.300 Arbeitsplätze direkt oder indirekt am Flughafen. Hauptgesellschafter der Flughafen GmbH ist das Land Thüringen, die Stadt Erfurt hält einen kleinen Anteil.

Quelle: dpa, MDR THÜRINGEN/the

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. August 2020 | 10:00 Uhr

38 Kommentare

Petra Stein vor 8 Wochen

@Martin Bei den Mühen mit der Bahn beim Radtransport könnte ich sehr viele Geschichten beitragen. Das Dümmste ist noch, dass man auch mit BahnCard50 nicht spontan einen freien Radstellplatz belegen kann und die Buchung per Telefon fast unmöglich ist, bei Warteschleifen von bis zu einer Stunde. Vor kurzem war ich Zeugin eines uneinsichtigen Bahnbegleiters im IC nach Jena. Noch genug Stellplätze frei; der Rauswurf des Radfahrers konnte nur durch die Solidarität der Mitreisenden gestoppt werden. Eine Servicewüste für umweltfreundliche Reisende und absolut unsinnig.

Die Frage ist natürlich, ob man unbedingt "in ferne Länder" fliegen muss, um dort Rad zu fahren. In Europa muss man nicht fliegen und ansonsten könnte der Weg auch das Ziel sein? Doch auch ich bin schon mal mit Rad nach Schottland geflogen und verstehe Sie. Doch muss man denn unbedingt in Neuseeland radeln, wenn es doch auch in Island Geysire gibt? (dort kam ich per Zug, Rad und Schiff hin, eine tolle Reise).

martin vor 8 Wochen

@petra: Nun, es soll Menschen geben, die das Rad auch für eine geeignete Methode handeln, fernere Länder zu bereisen - auch wenn die Anreise ohne Flieger "etwas mühsam" bis unmöglich ist. Die Anmerkung mit dem Aufbrechen von Denkschemata erlaube ich mir daher zurück zu geben.

Das Buchen von internationalen Fahrradkarten bei der Bahn ist nach meinen Erfahrungen nicht das Hauptproblem (auch wenn es in der Tat meist "etwas arg mühsam" ist), sondern dass im gebuchten Zug wiederholt gar kein Wagen mit Fahrradabteil für den reservierten Stellplatz war, mehr Reservierungen verkauft wurden als Plätze vorhanden waren oder das Rad (ich schreibe nicht über ein FatBike sondern von einem normalen Reiserad) nicht in die Aufhängung passt oder das Rad beim Transport beschädigt wird. EIn verbogene Schaltung macht sich irgendwie genausowenig gut, wie es für den Reisenden und die Mitreisenden ist, wenn das bepackte Rad dann irgendwie im Gang (passt halt nur vor die Tür) steht.

Petra Stein vor 8 Wochen

@Stefan36, @mdr: Wie groß wäre der wirtschaftliche Verlust bei der Schließung tatsächlich? Welche Betriebe würden abwandern, wenn sie den Frachtverkehr über Halle/Leipzig abwickeln müssten?

Für einige wenige Geschäftsflieger reichte wohl Alkensleben - oder man könnte den Betrieb in Erfurt reduzieren.

Wie groß wäre der Nachteil für diejenigen, die nicht mehr von Erfurt in die Türkei fliegen, sondern von Leipzig oder Frankfurt? Wäre dies eine "unzumutbare Härte"? Ich erinnere mich noch gern an die Zeit, als man direkt mit Ryanair nach Stansted fliegen konnte - doch wie oft bin ich so gereist: 1x ! es wäre auch anders gegangen. Das Angebot hat da eben die Nachfrage gelenkt. Meine erste Reise nach England dagegen ging noch 12 Stunden und per Schiff über die Nordsee. Da war die Distanz noch wirklich ein Erlebnis.

Brauchen wir den schnellen Trip auf die Balearen? - Nein, brauchen wir nicht. Er ist auch kein "Menschenrecht", sondern purer Luxus.

Mehr aus Thüringen