Halbschwergewichtler Karo Murat
Zeuge im Verfahren: Boxer Karo Murat Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Organisierte Kriminalität Die armenische Mafia und die Boxer

Bei den Ermittlungen zur Mafia-Schießerei in Erfurt taucht in den Akten der Name eines prominenten armenischen Boxers aus Berlin auf. Die Polizei glaubte, dass er am Tatort war. Ein anderer armenischer Boxer lässt sich am Tag nach seinem Kampf vor einem Erfurter Restaurant fotografieren, das zuvor Ziel von Ermittlungen war. Der eine bestreitet, der andere reagiert nicht auf Fragen.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Halbschwergewichtler Karo Murat
Zeuge im Verfahren: Boxer Karo Murat Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Nach gut einer halben Stunde reißt dem Thüringer LKA-Ermittler an diesem Mittwoch im Sommer 2014 der Geduldsfaden. Er herrscht den Zeugen Gero Murat an: "Es ist offensichtlich, dass Sie hier falsche Angaben machen. Warum ist das so? Haben Sie Befürchtungen, dass Ihr bekannter Name mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht wird und Sie deshalb darauf beharren, nicht am Tatort gewesen zu sein?" Der bekannte Name, den der Polizist meint, lautet: Karo Murat, der prominente Boxer aus Berlin. Er ist seit vielen Jahren eine feste Größe in der Glamourwelt des deutschen Profiboxsports. Es ist noch nicht lange her, da war er noch unter Vertrag beim renommierten Sauerland-Boxstall. Trainerlegende Ulli Wegener war jahrelang sein Erfolgscoach.

Bild einer Überwachungskamera.
13. Juli 2014: die Schießerei vor der Erfurter Spielothek Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch möglicherweise hat Gero Murat, wie er laut Behörden richtig heißt, noch eine andere Seite. Eine, die mit der Schießerei zwischen verfeindeten armenischen Mafia-Clans in Erfurt vor drei Jahren zusammenhängen könnte. In den Ermittlungsunterlagen der Polizei finden sich Anhaltspunkte dafür, dass Murat in der fraglichen Nacht des 13. Juli 2014 am Tatort gewesen sein könnte. Das bestreitet er und sagt, er habe sich an diesem Abend in Berlin aufgehalten. Sein Bruder Koko sei in Erfurt gewesen. Das Thüringer LKA lud den Boxstar am 23. Juli 2014 in die Räume des Berliner Landeskriminalamtes zu einer Zeugenvernehmung. Aus dem Protokoll, das MDR THÜRINGEN vorliegt, wird deutlich, dass die Ermittler ihm im Kern drei Vorhaltungen machen:

  • Da sei zum Ersten sein Auto. Der schwarze Mercedes mit Berliner Kennzeichen* und auf den Namen Gero Murat zugelassen, wurde laut Polizei am Abend der Schießerei in Erfurt festgestellt.
  • Da sei zum Zweiten sein Handy. Die Fahnder des LKA hatten kurz nach der Mafia-Schießerei alle Handys im Umkreis des Tatortes ermittelt. Murats Nummer war dabei.
  • Und da sei zum Dritten das Überwachungsvideo. Im und an dem Gebäude der Spielothek sind Kameras angebracht. Beim Auswerten der Bänder entdeckten die Beamten einen Mann mit einem Basecap, einer Jogginghose, weißen Turnschuhen und einer dunklen Umhängetasche. Das LKA ist überzeugt, dass es sich um den bekannten Boxer Karo Murat und nicht um seinen etwas weniger bekannten Bruder Koko handelt, was sie ihm in der Vernehmung immer wieder vorhalten.

Welcher der beiden Brüder sich auch immer am Tatort aufgehalten haben mag. Gekommen war er möglicherweise, so lassen die Überwachungsbänder vermuten, mit zwei anderen Männern. Und genau da liegt für die Polizei der ermittlungstechnische "Sprengstoff". Denn nach Informationen von MDR THÜRINGEN konnte einer der Begleiter durch Bundeskriminalamt und mehrere Landeskriminalämter als ein "Dieb im Gesetz" identifiziert werden. Eine Autorität und damit einer der Bosse ganz oben in der Hierarchie der armenischen Mafia. Angeblich soll er aus Frankreich gekommen sein. Dort und in Belgien werden hochrangige Bosse der armenischen Mafia vermutet.

Murats Bruder soll in Erfurt gewesen sein

Das alles aber bestritt Karo Murat in seiner Zeugenvernehmung Ende Juli 2014. Er sagte aus, dass sein Bruder Koko an diesem Tag in Erfurt war. Das bestätigte dieser ebenfalls. Koko habe auch sein Auto gehabt, was immer wieder vorkomme bei den Brüdern, so Karo. Das mit dem Handy wiederum hänge mit einem gemeinsamen Zugang bei einem App-Anbieter zusammen, den er und sein Bruder Koko nutzten. Da könne es sein, dass sein Handy in Erfurt eingeloggt gewesen sei. Dem widersprachen die LKA-Beamten in der Vernehmung. Das Handy könne sich in den Funkmast nur einloggen, wenn es auch vor Ort sei. Doch Murat beharrte weiter auf seiner Aussage, nicht in Erfurt gewesen zu sein. Er brachte seine Freundin ins Spiel, die ihm ein Alibi geben könne. Er sei in Berlin gewesen und habe trainiert.

Auch Koko Murat werfen die LKA-Beamten in der Vernehmung vor, die Unwahrheit zu sagen: "Die Ermittlungen haben ergeben, dass nicht sie in Erfurt an diesem Abend gewesen sind, sondern ihr Bruder" Weiter halten sie Koko mit Hinweis auf Karo Murat vor: "Sein Fahrzeug wurde in Erfurt festgestellt. Sein Mobiltelefon war zur Tatzeit am Tatort in der Zelle eingeloggt. Er ist auf der Videoaufnahme der Tat zu sehen."

Koko entgegnete, er sei in Erfurt gewesen und will sich auf dem Video erkannt haben. Und ja, er habe auch etwas von den Schüssen mitbekommen, aber Details habe er nicht mehr präsent. Im Übrigen sei er alleine gekommen und habe in der Spielothek keinen Menschen gekannt. Doch die Bilder der Überwachungskameras lassen etwas anderes vermuten. Der Mann mit dem Basecap, der laut Karo Murat nicht er, sondern sein Bruder Koko sein soll, scheint direkt am Geschehen dran zu sein. Die Bilder legen nahe, dass er einige der Männer, die an der Schießerei beteiligt waren, kannte. Was Koko Murat in seiner Zeugenvernehmung bestreitet. Er sei damals nur nach Erfurt gefahren, um einen Freund zu besuchen, der ausgerechnet der Wirt des Innenstadtrestaurants ist, das vor knapp sechs Wochen überfallen wurde. Doch dieser Freund habe keine Zeit gehabt, also sei er noch mal los und habe "irgendeine Spielothek" gesucht, um sich zu amüsieren. Von dem Vorfall in und vor der Spielothek habe er nichts weiter mitbekommen. Das reichte dem LKA nicht. Es leitete gegen Koko Murat ein Verfahren wegen Verabredung zu einem Verbrechen ein. Es durchsuchte seine Wohnung. Später wird das Verfahren eingestellt.

Attacke auf Karo Murat

Männer in Anzügen von hinten. Sie fallen in einer großen Halle übereinander her.
Schlägerei am Rande des Boxkampfes Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Vor dem Hintergrund der damaligen Ermittlungen ist für die Polizei nun ein aktueller Vorfall spannend. Denn am Rande des Boxkampfes zwischen Arthur Abraham und Robert Krasniqi im April dieses Jahres in Erfurt gingen mehrere Männer auf Karo Murat los. Er war als Gast zu dem Kampf gekommen. Fast alle Angreifer waren bei der Mafia-Schießerei 2014 dabei. Sie sind, neben dem Mann mit dem Basecap, der nach eigenem Bekunden nicht Karo Murat ist, auf dem Überwachungsvideo der Spielothek-Schießerei zu sehen.

Aufgrund mehrfacher Anfragen bei Karo Murat und seinem Management zu den Vorfällen, erreichte MDR THÜRINGEN eine E-Mail: "Ich bitte Sie es zu unterlassen, falsche Äußerungen bezüglich meiner Person öffentlich zu verbreiten. Nichts in den Medien entspricht der Wahrheit. Aus diesem Grund verweigere ich jegliche Stellungnahme zu dem Geschriebenen und verbiete Ihnen, über meine Person zu berichten." Auch in einem Telefonat mit Karo Murat bestritt dieser, im Sommer 2014 bei der Schießerei dabei gewesen zu sein. Er habe mit all diesen Vorgängen nichts zu tun.

Welche Rolle spielt Arthur Abraham?

Doch der Boxkampf und die Attacke auf Karo Murat im April dieses Jahres in Erfurt lässt einen anderen armenisch-stämmigen Boxer ins Licht rücken: Arthur Abraham. Nur einen Tag nach seinem grandiosen Sieg gegen Robert Krasniqi besuchte Abraham ein Restaurant in der Erfurter Innenstadt. Vor der Tür verabschiedete sich Abraham von Gevorg H.**, der gemeinsam mit seinem Bruder Aram H.** Betreiber des Restaurants ist. Die Brüder H. waren beide in die armenische Mafiaschießerei vor der Spielothek verwickelt und standen deshalb vor Gericht. Bruder Aram steht darüber hinaus im Verdacht, für die armenische Mafia Falschgeld aus Italien nach Erfurt gebracht zu haben. Dafür wird er sich Anfang kommenden Jahres vor Gericht verantworten müssen. In diesen Falschgeldermittlungen führte eine Spur zum Bruder von Arthur Abraham. Denn das Handy des mutmaßlichen armenischen Falschgeldhändlers Aram H., das vom LKA monatelang abgehört wurde, war im Ermittlungszeitraum auf Alexandr Abraham angemeldet - unter der Adresse, unter der die Abraham-Boxsport GmbH im brandenburgischen Zossen zu finden ist. Und auch das Handy von Gevorg H., der sich vor dem Restaurant innig von Arthur Abraham verabschiedete, war unter gleicher Firmenadresse auf Alexandr angemeldet.

Diese Verbindung zwischen den Brüdern H. und den Brüdern Abraham kennt auch das Bundeskriminalamt. Bei einem Ermittlungsverfahren gegen armenische Mafiamitglieder zwischen 2009 und 2015 in Erfurt sind die BKA-Fahnder auf die Mobilfunknummern gestoßen, die unter der Adresse der Abraham Boxsport GmbH auf Alexandr Abraham angemeldet sind. Das geht aus internen Akten hervor, die MDR THÜRINGEN vorliegen.

Dabei ist auch spannend, dass die Abraham-Boxsport GmbH Teil eines riesigen Firmengeflechts ist. Gemeinsam mit zwei seiner Brüder, teils auch noch mit weiteren Partnern, betreibt der prominente Boxer ein Firmennetzwerk. Es besteht vor allem aus Vermögensverwaltungen, Holdings oder Immobilienunternehmen.

MDR THÜRINGEN hat mehrfach schriftlich und telefonisch versucht, Arthur Abraham zu diesen Informationen zu befragen. Doch bis zum Redaktionsschluss ließ er alle Fragen unbeantwortet. Weder von ihm noch von seiner Anwaltskanzlei gab es eine Reaktion.

* Daten liegen MDR THÜRINGEN vollständig vor

** Namen geändert

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | Unsichtbare Kartelle - die Mafia in Mitteldeutschland | 29. November 2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2017, 20:03 Uhr

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10 Kommentare

01.12.2017 16:36 martin 10

In einem Rechtstaat wird eingebuchtet, wem man entsprechende Straftaten nachweisen kann. Richtig ist leider, dass in D Ordnungswidrigkeiten mittlerweile konsequenter verfolgt werden, als manche Straftaten.
Aber wenn die Polizei nicht genügend Personal hat, um vernünftig zu ermitteln? Wieviele Beamte sind beim LKA für die organisierte Kriminalität zuständig? Ich meine gelesen zu haben, dass das 20 Stellen sind, von denen 9 nicht besetzt sind. Oder waren 9 besetzt? Egal. Und die paar Leute sollen Mafia-Strukturen (egal ob aus Italien, Armenien oder Sonstwoher) aufklären??
Da passt es gut ins Bild, wenn die Stadt Erfurt zehn weitere Politessen einstellt. Aber vielleicht meint der OB ja, dass man Mafia-Strukturen mit Knöllchen aufklären kann: Al Capone wurde ja schließlich auch wegen Steuerhinterziehung eingelocht....
Frage an die RRG-Hasser: Wer hat doch gleich den massiven Stellenabbau (auch) bei der Polizei nebst diversen "Reformen" betrieben? Genau: Die Parteifreunde von Mike!

01.12.2017 08:18 Deutscher Patriot 9

Es ist unverständlich, wieso die Justiz da nicht hart durchgreift und die ganze Bagage einbuchtet, bis sie schwarz werden.
Warum sind die immer so zahnlos und sanftmütig, wenn es gegen Verbrecher geht?
Gegen Bürger, die mal falsch parken, kennen sie ja keine Gnade.

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