Vogelwanderung Kurs Südwest: Die Kraniche ziehen durch Thüringen

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Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Seit Mitte der Woche ziehen Tag für Tag kontinuierlich mehrere tausend Kraniche quer über Deutschland. Auch am Rückhaltebecken Straußfurt im Landkreis Sömmerda sind die ersten Kraniche eingetroffen. Bis kurz vor Weihnachten sind die Vögel dort zu beobachten - aber auch Kormorane, Haubentaucher, Nilgänse und ein paar verspätete Schwalben. Sogar ein Seeadler ist dieses Jahr schon gesehen worden.

Kraniche beim Landeanflug
Erst fressen die Kraniche sich auf den umliegenden Feldern satt, dann fliegen sie zum Rückhaltebecken in Straußfurt zum Übernachten. Bildrechte: MDR/Klemens Karkow

Aus ganz Thüringen pilgern die Vogel-Fans in diesen Wochen nach Straußfurt, um ein ganz besonderes Schauspiel zu bewundern: Jeden Nachmittag gegen 15 Uhr fliegen am Rückhaltebecken die Kraniche ein. Ab Spätsommer wird hier langsam das Wasser abgelassen und damit der Schlamm freigelegt. Dort finden die Vögel viel Nahrung, wie zum Beispiel kleine Krebse. "Das ist wie ein großes Wattenmeer", erzählt Tino Sauer, Vogelexperte des Nabu Thüringen.

Bessere Sicht in Straußfurt als in Kelbra

Seit etwa zehn Jahren ist der Zwischendamm in Henschleben zum Mekka der Ornithologen geworden. Ein anderer Hotspot ist der Stausee in Kelbra. Dort, im Norden des Naturparks Kyffhäuser, erstreckt sich die Goldene Aue, wo der Stausee  zum Hochwasserschutz gebaut wurde. Da aber das Rückhaltebecken in Straußfurt kleiner ist, kann man den Vögeln hier näher kommen.

Tino Sauer (NABU) und seine Kraniche am Rückhaltebecken Straußfurt
Den besten Blick auf die Vögel hat man von der Unstrut-Brücke in Henschleben. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

"Haubentaucher-Kindergarten" im Rückhaltebecken

Und das lohnt sich, denn hier tummeln sich nicht nur die Reiher, sondern auch viele andere Vögel: Gänse, Enten, Alpenstrandläufer, Uferschnepfen, Limikolen und Kormorane beispielsweise. Gerade kann man auch einen "Haubentaucher-Kindergarten" beobachten. Das sind junge Nachzügler, die von nur wenigen Altvögeln betreut werden. Und auch ein Seeadler ist dieses Jahr schon gesichtet worden.

Limikolen Die Regenpfeiferartigen sind eine Ordnung der Vögel. Zu ihr gehören sehr verschiedene Familien und Gattungen. Im Deutschen werden zahlreiche Arten und Gattungen der Regenpfeiferartigen auch als Limikolen oder Watvögel bezeichnet.

Auch Schwalben rasten regelmäßig hier. Und während die meisten Vögel nur ein paar Tage Station machen, bleiben die Kraniche mehrere Wochen. Erst kurz vor Weihnachten machen sich die letzten von ihnen auf den Weg nach Süd-Westen. Von hier aus fliegen sie nach Frankreich, Spanien und Nordafrika. Wie viele es sind, hängt sehr von der Witterung ab. Im Durchschnitt zählen die Straußfurter etwa 10.000 Kraniche. Die meisten kamen 2016, da wurden hier etwa 26.300 Kraniche gezählt.

Vögel sind früher gestartet als üblich

Derzeit sind die meisten Kraniche noch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die kommen alle erst noch nach Thüringen. Tino Sauer hat allerdings beobachtet, dass viele Singvögel in diesem Jahr etwa zehn Tage eher gestartet sind als sonst. Auch die Mehlschwalben waren Mitte September plötzlich weg. "Das deutet darauf hin, dass der Winter früher kommt und kälter wird als sonst".

Tino Sauer (NABU) und seine Kraniche am Rückhaltebecken Straußfurt
Tino Sauer ist ehrenamtlich beim Nabu. Jede freie Minute gehört in diesen Tagen den Zugvögeln. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und Sauer spricht da aus 42-jähriger Erfahrung. Denn seine Begeisterung für die Vögel begann schon 1975/76, als in Großfahner ein Stausee angelegt wurde. "Plötzlich gab es dort ganz viele unbekannte Vögel, das hat uns fasziniert. Wir haben dann an der Schule sogar eine AG gegründet. Und seitdem lässt mich das nicht los."

Vogelzug verändert sich

Und noch etwas ist ihm aufgefallen: Manche Zugvögel  überwintern mittlerweile sogar hier. "Wir hatten schon einzelne Trupps von 500 Tieren, die bis Januar geblieben sind. In Brandenburg überwintern mittlerweile fast 10.000 Kraniche." Das geht allerdings nur, solange es Nahrung gibt. Bei strengem Frost oder bei mehr als zehn Zentimetern Schnee finden die Kraniche nichts mehr zu fressen.

"Aber das ist kein Problem, die sind ja dann in zwei Tagen in Frankreich, die quirlen da einfach durch", weiß Tino Sauer. Der Grund dafür sind die milderen Winter. Aber laut Sauer gibt es noch eine andere Motivation:

Wer nicht weg fliegt, ist zuerst da und kann die besten Brutplätze belegen.

Und er erzählt von einem Storchenpaar aus Nägelstedt, das sich jeden Winter im Zoopark Erfurt durchfüttern lässt.

Zählen der Kraniche ist aufwendig

Wie viele Kraniche insgesamt unterwegs waren und sind, ist schwer zu sagen. Wer soll sie auch zählen? Tino Sauer arbeitet, wie viele andere, ehrenamtlich beim Nabu und da ist das nicht zu schaffen. Zum Glück ist er selbständig: "Wenn dann mal ein seltener Vogel auftaucht, lasse ich alles liegen und fahre her. Natürlich muss ich die Arbeit dann abends oder am Wochenende nachholen."

Tino Sauer (NABU) und seine Kraniche am Rückhaltebecken Straußfurt
Der "Haubentaucher-Kindergarten". Diese Nachzügler müssen noch etwas Kraft tanken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Eine groß angelegte organisierte Zählung gibt es deshalb  am Lac du Der-Chantecoq. Dieser zwischen Reims und Nancy gelegene und mit 45 Quadratkilometern größte Stausee Frankreichs ist der nächste große Rastplatz auf der Reise in die Winterquartiere.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 20. Oktober 2020 | 15:00 Uhr

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