Sozialer Wohnungsbau Alte Feuerwache Weimar wird zum Quartiersprojekt für alle

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Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In vier von zehn Haushalten gehen hierzulande schon mehr als 30 Prozent des Netto-Einkommens für die Miete drauf. Experten sehen diese Marke als kritisch an. Dazu kommt, dass es kaum neue Modelle des Wohnens gibt. In Weimar haben sich ein paar Menschen gesagt: Wir probieren da mal was ganz anderes aus, unterstützt vom Mietshäuser-Syndikat. Die "Alte Feuerwache" wird zum Wohnprojekt.

Computergrafik - Alte Feuerwache in Weimar als fertiges Wohnquartier
So könnte die "Alte Feuerwache" in Weimar bald aussehen. Schon Mitte des Jahres soll Baubeginn sein. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Die Alte Feuerwache war eine der letzten brachliegenden kommunalen Liegenschaften in Weimars Innenstadt. Etwas versteckt hinter einem Wohnhaus liegt ein großzügiger Innenhof, umrahmt von der alten Remise für die Löschfahrzeuge und dem Verwaltungsbau der Feuerwehr. Der hölzerne Schlauchturm von 1926 ist das Wahrzeichen der Alten Feuerwache. Seit dem Auszug der Berufsfeuerwehr im Jahr 2006 steht das denkmalgeschützte Ensemble leer.

Panorama des Innenhofs der Alten Feuerwache in Weimar
Seit 2006 steht die "Alte Feuerwache" leer. So sieht es momentan aus. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Die Stadt Weimar entschied sich dafür, das Gelände an den Bewerber mit dem besten Konzept und nicht an den Höchstbietenden zu verkaufen. Das war eine Premiere in der Klassikerstadt. Im März 2019 stimmte der Stadtrat dann mehrheitlich für das Konzept der Bürgerinitiative um den "Alte Feuerwache Weimar e.V.". Bereits einen Monat später gründete der Verein die "Alte Feuerwache Weimar" Projekt GmbH. Sie hat den Zweck, die Liegenschaft in der Erfurter Straße 37/39 mitsamt der angrenzenden Wohnhäuser Mozartstraße 21/23 zu erwerben und das Quartiersprojekt in den kommenden Jahren im Verbund des Mietshäuser-Syndikats zu entwickeln.

Transparenz ist wichtiger Anspruch

Der Verein "Alte Feuerwache Weimar" e.V. zählt derzeit 15 Mietparteien als Mitglieder. Darunter sind Familien, Senioren und Singles, aber auch Vereine wie das Lebenshilfe-Werk. Durch ihre vielfältigen beruflichen Hintergründe verfügen die Akteure über Erfahrungen in Projektmanagement, Finanzwesen, Architektur- und Bauplanung, Gestaltung, Öffentlichkeitsarbeit sowie soziale Arbeit und Stadtplanung. Das hat auch den Stadtrat davon überzeugt, dass das Projekt realistisch ist. Jeden Donnerstag trifft man sich zum Plenum, denn alle Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Gäste sind immer willkommen.

Anspruchsvolles Konzept überzeugt

Innerhalb des Vereins gibt es inzwischen verschiedene Arbeitsgruppen, die sich auch inhaltlich mit dem Thema "Wohnen" befassen. Denn aus Sicht der Akteure ist ein grundsätzliches Umdenken erforderlich. Der gesetzliche Rahmen für sozialen Wohnungsbau ist recht eng gefasst. Nicht nur, dass Einkommensgrenzen und die maxilmale Fläche pro Person definiert sind, Gemeinschaftsbereiche und neue Wohnformen sind fast überhaupt nicht förderfähig.

Damit lassen die Richtlinien zum sozialen Wohnungsbau fast nichts zu, was ihn eigentlich sozial macht.

Christiane Werth

Die Ziele sind hoch gesteckt: Auf dem 3.770 m² großen Grundstück sollen günstige Wohnungen für bis zu 70 Menschen entstehen.

Viele Menschen im Innenhof der Alten Feuerwache in Weimar.
Im Sommer letzten Jahres wurde der Start des Projekts gefeiert. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Büros, Läden und Veranstaltungsräume werden Platz bieten für lokales Gewerbe, Kultur- und Vereinsleben. Das Ganze im kollektiven Eigentum derer, die vor Ort leben. "Das Haus gehört sich quasi selbst", so Christiane Werth, Geschäftsführerin der GmbH. Das bedeutet, dass immer nur Mieter auch Vereinsmitglieder sind. Wenn man auszieht, tritt man auch aus dem Haus-Verein aus. Man kann die Wohnungen nicht verkaufen oder vererben, eben weil sie nicht den Mietern gehören.

Pläne sind schon sehr konkret

Anstelle der eingestürzten ehemaligen Turnhalle ist ein Multifunktionssaal geplant. Der wird Weimarer Vereinen und Initiativen für Kunst, Kultur, Soziales und Sport zur Verfügung gestellt. Vor dem Saal sieht der Verein als zentralen Treffpunkt ein Café vor.

Der Schlauchturm, das alte und neue Wahrzeichen der Feuerwache, wird ein Atelier- und Ausstellungsturm. Dadurch kann der denkmalgeschützte Turm außen und innen in seiner jetzigen Charakteristik erhalten, schonend saniert und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Grafik - Nutzungsplan
Plan der künftigen Nutung der Gebäude und des Geländes. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Im Erdgeschoss der Fahrzeughalle und in Teilen des Verwaltungsgebäudes entstehen kleinteilige Gewerbeeinheiten. Auf etwa 600 m² Mietfläche soll Raum geschaffen werden für lokalen Handel, Handwerk, Existenzgründungen und Kunst. Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigung entstehen in Kooperation mit dem Lebenshilfe-Werk. Zukünftig werden 20 bis 40 Menschen in der Feuerwache arbeiten.

Durch Um- und Ausbau der bestehenden Wohnungen sowie die Aufstockung der Fahrzeughalle und der Verwaltungsbauten entstehen zukünftig auf etwa 2.000 m² Fläche moderne, bezahlbare und bedarfsgerechte Mietwohnungen für Menschen in allen Lebensphasen. In Zusammenarbeit mit dem Lebenshilfe-Werk richten die Initiatoren behindertengerechte Appartements ein. Baubeginn ist für Mitte 2020 geplant und bereits ab 2022 können die ersten Mieter in die Alte Feuerwache einziehen.

Rechtlicher Rahmen ist abgesteckt

Die Mitgliedschaft im Mietshäuser-Syndikat garantiert, dass die Häuser dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen werden und keine Umwandlung in Privateigentum stattfinden kann. Im Jahr 2018 war es an 135 Hausprojekten in Deutschland beteiligt.

Grafik - Eigentums- und Nutzerstruktur
Schematische Darstellung der rechtlichen Struktur. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Das Mietshäuser Syndikat unterstützt und berät die Projekte bei der Finanzierung und in rechtlichen Fragen und sorgt für einen Wissenstransfer. Das Syndikat versteht sich als Netzwerk mit Knotenpunkten in ganz Deutschland. Die Alte Feuerwache ist Eigentum einer eigenen GmbH, in der der Hausverein und das Mietshäuser Syndikat vertreten sind. Über den Verein verwalten die Nutzer ihr Objekt eigenverantwortlich. Hausverein und Mietshäuser Syndikat haben in der GmbH Stimmenparität, so dass Verkauf oder Umwandlung nur einvernehmlich möglich sind und damit verhindert werden können. Entscheidungen wie Wohnungsvergabe, Gestaltung, Finanzierung und Miethöhe obliegen im Rahmen der Wirtschaftlichkeit ausschließlich dem Hausverein, also den dort lebenden Menschen.

Finanzierung ist durchgeplant

Wie jedes Wohnungsunternehmen deckt auch diese Haus-GmbH den größten Teil, konkret etwa 5,4 Mio. Euro (das sind etwa 80 Prozent der Investitionen), über Bankdarlehen.

Die Haus-GmbH muss jedoch gegenüber den finanzierenden Banken mindestens 20 Prozent Eigenkapital nachweisen. Dies entspricht etwa 1.4 Mio. Euro. Dieses Eigenkapital wird über so genannte Direktkredite zusammen getragen. Diese Kredite stammen zum größten Teil von Freunden und Bekannten sowie Menschen, die das Projekt gut finden und gerne auch finanziell unterstützen möchten, indem sie der Alten Feuerwache für eine Zeit Geld leihen, das dann aus den Mieteinnahmen zurückgezahlt wird.

Grafik - Investitionsanteile
Darstellung der Finazierung des Projekts. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Auf die zinsgünstigen Kredite der Thüringer Aufbaubank kann man erst zugreifen, wenn man ins Wohnungsbauförderprogramm des Landes aufgenommen wurde. Mithilfe dieser Förderung und einem Baukostenzuschuss kann die "Alte Feuerwache" zukünftig Sozialwohnungen ab 5,90 €/m² Nettokaltmiete anbieten. Zum Vergleich: In Weimar zahlt man sonst bei Neuvermietung zwischen sieben und zehn Euro, einen Mietspiegel gibt es nicht.

Zu wenig Sozialer Wohnungsbau

Trotz Milliardenförderung des Bundes verharrt der soziale Wohnungsbau in Deutschland auf niedrigem Niveau. Das geht aus einem Bericht des Bundesbauministeriums hervor. Danach wurden 2018 bundesweit 27.040 geförderte Sozialwohnungen neu gebaut. Aus Sicht des Mieterbundes wären jährlich rund 80.000 zusätzliche Sozialwohnungen nötig, um den Bedarf zu decken.

Mann auf Leiter
Noch vor Baubeginn gibt es die ersten Sicherungsmaßnahmen. Bildrechte: MDR/Alte Feuerwache Weimar e.V.

Der zuständige Minister, Horst Seehofer (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat) nimmt hier die Länder in die Pflicht. Die Verantwortung für die soziale Wohnraumförderung liege ausschließlich bei diesen. Er betonte, der Bund habe den Ländern 2018 und 2019 jeweils 1,5 Milliarden Euro für die soziale Wohnraumförderung zur Verfügung gestellt. Insgesamt stünden fünf Milliarden Euro Bundesmittel für die soziale Wohnraumförderung zur Verfügung. Gemeinsam mit den Mitteln von Ländern und Kommunen könnten damit über 100.000 Sozialwohnungen gebaut werden. Denn mit dem Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes vom 28. März 2019, wird es dem Bund ermöglicht, den Ländern ab 2020 zweckgebundene Finanzhilfen für den sozialen Wohnungsbau zu gewähren. Für den Zeitraum 2020 bis 2021 hat der Bund dafür 2 Milliarden Euro vorgesehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 03. Januar 2020 | 19:30 Uhr

9 Kommentare

Stefan Der vor 41 Wochen

Evtl. liegt das daran, dass die von Ihnen genannten "üblichen Verdächtigen" aus dem Knick kommen und etwas in die Hand nehmen, anstatt immer nur zu jammer und zu nörgeln. Das Projekt ist sehr interessant und ich werde es auch positiv begleiten. Das Problem in Weimar ist, dass die Innenstadt immer mehr von wohlhabenden Rentnern bewohnt wird und somit die Quadratmeterpreise immer weiter steigen. Wohl dem, der in den 90ern Eigentum erwerben konnte. Jetzt ist dies grundsätzlich zu normalen Preisen in WE nicht mehr möglich. Man vergleiche die Preise für Wohneigentum bei den aktuellen Projekten "Wohnen am Webicht" und "Wohnpark Belvedere". Und diese Objekt liegen nicht in der Innenstadt. Wohin das alles führt bleibt abzuwarten. Das Projekt "Alte Feuerwache" ist ein Anfang zu einer anderen Wohnweise. Das Projekt Ro70 ind Weimar war auch schon ein guter Anfang.

CrizzleMyNizzle vor 41 Wochen

schön einfach mal eine Zahl in den Raum geworfen und sich ausgekotzt. War bestimmt befreiend, gell. Beitrag zum Artikel oder gar Start für eine Diskussion? Fehlanzeige.

B. W-R vor 41 Wochen

Nach den Mieten die man zurzeit bezahlt wird man sich zurück sehnen, wenn die Nebenkosten wegen der CO2 Steuer erst einmal explodieren. Da gehen dann 60 % des Einkommens drauf!

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