"Jetzt auch noch Lehrerin" Corona verschärft Lage alleinerziehender Mütter und Väter

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Alleinerziehende sind bisher schon Helden im Alltagskampf. Corona hat die Herausforderungen noch mal gesteigert. Unsere Reporterin hörte sich um, was das für Eltern und ihre Kinder bedeutet - und für häusliche Regeln.

eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind Chaotische Kinderzimmer wegen Corona
Maria Böttcher: "Es ist ein Unterschied, ob du mal die Hausaufgaben kontrollierst oder den Stoff vermittelst. Ich bin eine schlechte Lehrerin. Ich bin super im Kuscheln und Blödsinnmachen, aber für das Erklären fehlt mir irgendwie die Geduld." Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Maria Böttcher lebt alleine mit ihren beiden Kindern. Es gibt nicht mal einen "Wochenendpapa". Sie ist also mit allem wirklich alleine. Als medizinische Fachangestellte kann sie zwar für den Kleinen eine Notbetreuung in Anspruch nehmen, das heißt aber nicht unbedingt, dass die Situation dadurch besser wird.

Mutter und Lehrerin zugleich

Zum Beispiel muss sie sich jetzt intensiv mit den Schulaufgaben befassen. Und das nach einem vollen Tag mit verunsicherten Patienten. "Es ist ein Unterschied, ob du mal die Hausaufgaben kontrollierst oder den Stoff vermittelst. Ich bin eine schlechte Lehrerin. Ich bin super im Kuscheln und Blödsinnmachen, aber für das Erklären fehlt mir irgendwie die Geduld." Und als Alleinerziehende kann sie eben nichts an jemand anderen abgeben. Sie war deshalb froh, dass es zum Thema Corona-Virus, Verhaltensregeln und Verbote so viele gute, kindgerechte Videos im Internet gibt.

Grundwut aufs Leben

eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind Chaotische Kinderzimmer wegen Corona
"Sobald ich mich umgedreht habe, ist wieder der tasmanische Teufel durchgezogen." Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Aber auch der Haushalt bleibt zu erledigen. Und das ist im Moment ein Kampf gegen Windmühlen, sagt Maria: "Gerade ist alles aufgeräumt und sobald ich mich umgedreht habe, ist wieder der tasmanische Teufel durchgezogen." Und dann ging auch noch die Waschmaschine kaputt. "Da entwickelt sich schon so eine Grundwut aufs Leben." Allerdings ist sie, wenn auch notgedrungen, etwas lockerer geworden, was Ordnung betrifft, die Regeln sind etwas ausgehebelt.

Maria findet aber auch Positives in der Situation: "Mein großes Kind kann jetzt auch mal um Hilfe bitten, die holt sie sich sonst woanders. Sie ist schon sehr selbständig." Jetzt haben die beiden ganz andere Gespräche, deren hohe Qualität die Mutter extrem schätzt. Gerade ist die Tochter 15 geworden. Die Party musste natürlich ausfallen. Allerdings nimmt sie das recht gelassen. "Das holen wir irgendwann nach." Schwieriger ist es für sie, dass das ganze Leben irgendwie unstrukturierter geworden ist. "Da ist es schwer, freiwillig Schulkram zu machen." Dass die Familienzeit jetzt intensiver ist, mag sie eigentlich ganz gerne. Nur um Oma sorgt sie sich.

Für immer Wochenende

Franziska S. ist nicht "systemrelevant". Sie verkauft normalerweise Kleidung. Jetzt ist sie mit ihren beiden Kindern (vier und sechs Jahre alt) zu Hause. "Am Anfang haben wir versucht, normal weiterzumachen. Nur, dass jetzt eben länger Wochenende ist. Das geht aber so nicht. Denn wir sind es nicht gewöhnt, immer alle zu Hause zu sein. Jede Mahlzeit zu Hause zu kochen." Jede Mutter wird das kennen: Nach anstrengenden Wochenenden ist man froh, wenn es Montag wieder in die Kita geht. Aber jetzt gibt es diesen Montag eben nicht mehr.

Neue Ordnungsregeln eingeführt

eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind Chaotische Kinderzimmer wegen Corona
Nur der Weg zum Bett muss abends freigeräumt sein Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In den ersten Tagen saß Franziska abends, wenn die Kinder endlich im Bett waren, völlig erschöpft im Wohnzimmer. "Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich das durchhalte." Aber als sie beschlossen hat, dass es eben jetzt nicht so weiter geht wie immer, sondern dass man das Leben ganz anders ordnen und den Tag anders strukturieren muss, wurde es leichter. Beispielsweise gibt es die neue Regel, dass das Kinderzimmer nicht mehr aufgeräumt werden muss. Nur der Weg zum Bett muss abends freigeräumt werden und alle Spielzeuge aus Wohnzimmer und Küche wandern zum Schlafen zurück an ihren Platz.

Anstatt ständig wegen des Händewaschens zu schimpfen, hat sie letzte Woche mit den Kindern Seife gemacht und seitdem waschen die sich ständig freiwillig und lange die Hände. Morgens ziehen sich alle ganz normal an, aber Franziska muss nicht drängeln. "Es gibt eben Frühstück, wenn alle am Tisch sitzen." Und erstaunlicherweise geht das recht zügig. Die junge Frau versucht, den Tag trotz allem zu strukturieren. Und auch wenn an Mittagsschlaf nicht zu denken ist, gibt es für alle eine Stunde Ruhe stattdessen. Der Alltag pegelt sich langsam ein. "Wir müssen ja nicht schnell noch Abendbrot und die Wäsche machen, wir haben ja jetzt mehr Zeit für alles." Und Franziska staunt, wie gern die Kinder helfen. Und was sie alles schon können. "Man erlebt seine Kinder tatsächlich anders. Das ist wirklich schön."

Kommunen versuchen, zu unterstützen

Die Städte und Landkreise in Thüringen versuchen, die Familien trotz allem so gut es geht zu unterstützen. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen durch die Coronavirus-Pandemie sind zwar alle Veranstaltungen und Kurse für Familien abgesagt. Aber viele Pädagoginnen, Pädagogen und Mitarbeitende der Beratungsstellen und Einrichtungen sind mit ihren Angeboten virtuell oder telefonisch erreichbar. Das Kinderbüro Weimar beispielsweise hat eine Liste erstellt, wie und wann die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit derzeit erreichbar sind. Hier können die Mädchen und Jungen ihre gewohnten Ansprechpersonen erreichen. Außerdem gibt es Beratungsangebote für Eltern. Einige Einrichtungen bieten online Kurse, Videobotschaften oder Tipps für die Zeit zu Hause an.

Alltagshelden in Thüringen Hier erzählen wir in loser Folge Geschichten von Menschen aus Thüringen, die während der Corona-Krise für andere da sind. #miteinanderstark

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 25. März 2020 | 12:00 Uhr

2 Kommentare

karel vor 26 Wochen

Das sehe ich auch so...

Meuselbacher 2007 vor 26 Wochen

Mit Verlaub: ungeachtet des inhaltlich wertschätzenden Artikels: aber es umfasst u.a. auch alleinerziehende Väter.

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