Medizintechnik So läuft die Produktion des Corona-Schnelltests in Weimar

Die mittelständische Firma Senova aus Weimar stellt einen Corona-Antikörper-Schnelltest her. Er zeigt binnen weniger Minuten eine überstandene Infektion mit dem Coronavirus an. Wie Senova die Produktion organisiert hat.

Corona-Antikörper-Schnelltest der Firma Senova aus Weimar.
Corona-Antikörper-Schnelltest der Firma Senova aus Weimar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kein Besucher darf derzeit die Firmenräume von Senova in Weimar betreten. Und keiner der 30 Mitarbeiter nimmt derzeit Außentermine wahr, auch nicht Geschäftsführer Hans Herrmann Söffing. "Nein, kein Besuch, wir fahren auch nirgendwo hin", sagt Söffing am Telefon. Denn würde sich einer seiner Beschäftigen mit dem Coronavirus anstecken, wäre das eine Katastrophe. Weil alle hier gebraucht werden: Die mittelständische Firma Senova stellt einen Corona-Schnelltest her, einen Antikörpertest, der weltweit dringend nachgefragt ist. Das Besondere daran: Innerhalb von zehn Minuten ist klar, ob eine Person infiziert ist.

"Endlich mal ein Test, den auch Männer machen können", scherzt Hans Herrmann Söffing. Zwar ist er nur für medizinisch geschulte Anwender, niedergelassene Ärzte und Kliniken freigegeben und zugelassen, nicht für den Hausgebrauch. Doch tatsächlich funktioniert der Test ähnlich wie ein Schwangerschaftstest, nur mit Blut statt mit Urin. Zwei Tropfen, beispielsweise aus dem Finger, die auf den Teststreifen getropft werden, genügen. Ist nach kurzer Zeit nur ein Strich zu erkennen, ist der Getestete nicht infiziert oder das Immunsystem hat noch nicht reagiert. Sind es mehr als einer, ist man akut infiziert oder hat die Krankheit bereits durchgemacht.

Negatives Testergebnis auch bei Coronavirus-Infektion möglich

Im Gegensatz zum PCR-Test, also dem gängigen Labortest, der das Virus selbst oder Teile davon erkennt, prüft der immunologische Corona-Schnelltest das Vorhandensein der Antikörper. Das sind jene Stoffe, die das Immunsystem als Antwort auf eine Infektion bildet. "Es ist wichtig zu verstehen, dass wir hier zwei unterschiedliche klinische Fragestellungen haben", betont Hans Herrmann Söffing. "Sie müssen auf jeden Fall eine Latenz beachten, also die Zeit, die zwischen der Ansteckung und der Bildung von Antikörpern vergeht." Mit anderen Worten: Ist der Test negativ, kann es trotzdem sein, dass man gerade akut an Covid-19 erkrankt ist. Umgekehrt ist es aber so, dass man auf jeden Fall Covid-19 hatte, wenn der Test positiv ausfällt. "Dann ist man mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit immun", meint Söffing.

Und darin liegt die große Bedeutung des Corona-Schnelltests: zu ermitteln, welche und wie viele Menschen bereits immun gegen das Virus sind. Denn, so Söffing: "Diese Infektion hat die Eigenschaft, in großer Zahl still zu verlaufen. Es gibt viele Symptome, die man leicht mit anderen Krankheiten verwechseln kann."

Klarheit für medizinisches Personal: Immun oder nicht?

Vor allem für das klinische und Pflegepersonal, für niedergelassene Ärzte und deren Mitarbeiter, aber auch für Menschen, die häusliche Pflege leisten, sei dieser Test jetzt wichtig. Söffing: "Wir wollen natürlich dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem so weit wie möglich entlastet wird. Dass wir den Pflegern, Krankenschwestern und Ärzten ein Hilfsmittel in die Hand geben, das ihnen ermöglicht, ihren eigenen Immunstatus zu ermitteln und dadurch ein Gefühl der Sicherheit zu erlangen." Denn diese Berufsgruppen kommen zuallererst mit Covid-19-Patienten oder Risikopersonen in Berührung. Da ist es von wesentlicher Bedeutung zu wissen, ob man bereits immun ist.

Der weltweite Bedarf an den Tests ist außerordentlich hoch. Söffing: "Unsere Aufgabe ist es, die Tests in großer Stückzahl zu produzieren." Er als Unternehmer sagt sogar: "Glücklicherweise sind wir nicht die einzigen. Wir sind ein Glied in der Kette, inzwischen gibt es viele Hersteller." Er fühlt sich nicht als Krisengewinnler. Jetzt gehe es vor allem darum, die Pandemie zu meistern und international zusammenzuarbeiten. Senova vertreibt den Test nicht selbst, deshalb weiß Söffing nicht, wer genau die Kunden sind.

Hilfe von Wissenschaftlern aus China

Die Weimarer Firma hatte bereits im Januar reagiert, nachdem die ersten Corona-Fälle aus China bekannt wurden. Basierend auf den Vorarbeiten chinesischer Kollegen wurde der Antikörper-Test gemeinsam mit Jenaer Wissenschaftlern für den europäischen Markt entwickelt. "Aus China konnten wir Reagenzien und Rohmaterialien beziehen, auf denen wir den Test aufbauen konnten", erzählt Hans Herrmann Söffing.

Inzwischen ist der Test der Weimarer Firma verfügbar und anwendungsbereit. Senova stellt 10.000 bis 15.000 Corona-Antikörper-Schnelltests pro Tag her. "Das hinkt dem Bedarf weit hinterher. Wir arbeiten fieberhaft daran, die Kapazitäten zu steigern und die extrem hohe Nachfrage von den niedergelassenen Ärzten und Kliniken zu bewältigen." So herrscht in diesen Wochen in der Firma, die in normalen Zeiten medizinische Diagnostik wie Influenza-, Herzinfarkt- oder Thrombose-Tests herstellt, der Ausnahmezustand. Von Montag bis Sonnabend, von 7 bis 22 Uhr, läuft zurzeit die Produktion.

Wie die Produktion der Corona-Tests organisiert ist

Und alle seine Leute ziehen mit. "Einen Mangel an gutem Personal haben wir nicht, ich bin wahnsinnig stolz auf meine Leute", sagt Söffing. Unermüdlich würden sie arbeiten, damit der Bedarf gedeckt werden kann. Der Geschäftsführer hat seine Mitarbeiter in fünf Teams eingeteilt, die untereinander keinen Kontakt haben sollen - damit nicht alle in Quarantäne müssen, sobald sich einer von ihnen mit dem Coronavirus ansteckt. "Das ist für uns die größte Sorge, dass wir auch noch in zwei Wochen arbeitsfähig sind", erklärt er. Man sei zwar bereits krisenerprobt, habe die Firma doch vor einigen Jahren den ersten Ebola-Schnelltest überhaupt entwickelt. "Dadurch kennt das Team diese Situation schon. Aber es fühlt sich anders an als alles, was wir bisher gemacht haben, weil es direkt vor unserer Haustür stattfindet. Jeder unserer Mitarbeiter, auch ich selbst, wird früher oder später die Infektion haben."

Hergestellt werden die Tests in einem Trockenraum, in dem nicht mehr als zehn Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen dürfen. Das sei wichtig, damit die Tests ungefähr zwei Jahre lang halten. Doch für das Personal stellen diese Produktionsbedingungen eine Herausforderung dar. Länger als fünf Stunden kann man so nicht arbeiten.

Vier Tage Pause über Ostern

Hans Herrmann Söffing selbst ist fast ununterbrochen vor Ort. "Wenn zum Beispiel was in der Anlage klemmt, geht es auch mal bis 4 Uhr morgens und um 8 Uhr geht es dann wieder weiter." Dem gebürtigen Weimarer Söffing fehlt im Moment vor allem Schlaf. "Ich sah meinem Vater noch nie ähnlicher." Er leitet das Unternehmen, das 1997 gegründet wurde, seit 2009. Immerhin genehmigt der 37-Jährige sich und seinen Mitarbeitern über Ostern eine viertägige Verschnaufpause. Danach wird die Produktion weiter auf Hochtouren laufen.

Der Test soll irgendwann für alle verfügbar sein. Schon jetzt kann den Test jeder Hausarzt anwenden - wenn er ihn denn bekommt. Senova-Chef Söffing hat den Corona-Schnelltest übrigens schon durchgeführt. Mit negativem Ergebnis.

Weitere Informationen zum Coronavirus in Thüringen

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. April 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

MDR-Team vor 28 Wochen

Hallo Trulla,
wir sind keine Zertifizierungsbehörde, sondern Berichterstatter. Angesichts der Quellenlage haben wir keinen Anhaltspunkt für Ihre indirekte Fälschungsunterstellung, bei der sich das Institut in dieser Mitteilung https://www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2020/200323-covid-19-nat-tests.html auch auf freiverkäufliche Tests bezog. Der Test aus Weimar und Jena ist nach den bisherigen Informationen (vorerst) nicht in Apotheken erhältlich. Interessant wird es vermutlich eher bei der Genauigkeit, die aus statistischen Gründen im obersten 90-Prozent-Bereich liegen muss. Dafür braucht es natürlich auch erst eine große Zahl an durchgeführten Tests.

Trulla vor 28 Wochen

Laut Paul-Ehrlich-Institut seien "die Validierung der Tests, die im Internet und in Apotheken angeboten werden, nicht gesichert". Es gebe "nachweislich auch Fälschungen". Die medizinischen Diagnostika dürfen aktuell noch ohne unabhängige Prüfung auf den Markt gebracht werden, sie prüfen sich quasi nur selbst, ab 2021 soll sich das allerdings ändern. Kann der MDR garantieren, dass das hier vorgestellte Medizinprodukt unabhängigen Qualitätskriterien genügt?

Dieter Frank vor 28 Wochen

Zitat: " Innerhalb von zehn Minuten ist klar, ob eine Person mit Covid-19 infiziert ist." Nein. Man kann eine überstandene wie auch eine fortgeschrittene Infektion erkennen, aber keine frische. Erst nach einigen Tagen ist das möglich. Ein negatives Ergebnis heißt also nicht, daß der Getestete virusfrei ist.

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