Das Apotheken-Logo ist auf einer Scheibe einer Apothekezu sehen.
2030 gehen in Ostdeutschland die letzten Pharmazie-Ingenieure in Rente. Apotheker sehen das mit Sorge. Bildrechte: dpa

Personalmangel Apotheker in Sorge: Experten mit DDR-Ausbildung fehlen

Fast 30 Jahre nach der deutschen Einheit zeigen sich Apotheker in Ostdeutschland besorgt über das zunehmende Ausscheiden von Pharmazie-Ingenieuren, die so nur in der DDR ausgebildet wurden. In Thüringen arbeiten nach Angaben der hiesigen Kammer derzeit noch gut 700 Pharmazie-Ingenieure, mehr als die Hälfte ist zwischen 56 und 65 Jahre alt.

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2030 gehen in Ostdeutschland die letzten Pharmazie-Ingenieure in Rente. Apotheker sehen das mit Sorge. Bildrechte: dpa

Im weißgefliesten Labor hinter dem Verkaufsraum der Weimarer Classic-Apotheke rührt Sabine Fink eine Salbe an. Die 52-Jährige hat reichlich Erfahrung in der Fertigung von Medikamenten per Hand. Die hat trotz der industriellen Produktion von Arzneimitteln weiter ihren Platz in hiesigen Apotheken. Seit 1989 arbeitet Fink als Pharmazie-Ingenieurin - ein Berufsbild, das es nur in der DDR gab. 30 Jahre nach der deutsch-deutschen Grenzöffnung verschwindet es allmählich - immer mehr der Ingenieure gehen in Rente. Ostdeutsche Apothekenkammern sehen das mit Sorge, sie fürchten Personalengpässe. Denn mit diesen Fachkräften geht eine Art "Apotheker light".

Pharmazie-Ingenieure entlasten Apotheker

Pharmazie-Ingenieure, deren Qualifikation mit einem Fachhochschulabschluss vergleichbar ist, dürfen mehr als pharmazeutisch-technisches oder kaufmännisches Apothekenpersonal mit einer klassischen Berufsschulausbildung. "Neben der Anfertigung von Medikamenten wie Salben, Cremes, Lösungen, Kapseln und Pulver, der Beratung der Kunden und der Abgabe von Medikamenten dürfen sie auch den Notdienst in einer Apotheke übernehmen und bis zu vier Wochen die Inhaber vertreten - wozu sonst nur approbierte Apotheker berechtigt sind", erläutert Stefan Fink, der Vorsitzende des Thüringer Apothekerverbandes. Letzteres ist für ihn der wichtigste Vorzug des DDR-Berufsbildes.

Umfassende Ausbildung in der DDR - Studiengang nach 1990 eingestellt

Diese Fachkräfte bedeuteten für die Inhaber eine große Entlastung, bekräftigt Christine Heinrich, Geschäftsführerin der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt. "Anderenfalls müssten sie Apotheker einstellen, die aber gerade auf dem Land schwer zu kriegen sind." Noch etwa 4400 Pharmazie-Ingenieure "Made in GDR" sind laut Bundesapothekerkammer heute noch in Deutschland tätig.

Apotheke
Das Aufgabenfeld von Pharmazie-Ingenieuren ähnelt dem von approbierten Apothekern, anders als etwa kaufmännisches Personal dürfen sie auch den Notdienst übernehmen und Apothekeninhaber für eine bestimmte Zeit vertreten. Bildrechte: colourbox

Sabine Fink hat ihre Ausbildung kurz vor dem Mauerfall 1989 beendet. "Erst zwei Jahre Lehre bis zum Facharbeiter, danach ein Jahr Arbeit in der Apotheke, anschließend zwei Jahre Direktstudium an der Ingenieurschule in Leipzig plus ein halbes Jahr praktische Ausbildung", beschreibt sie ihren beruflichen Start. Auch die Variante als Fernstudium sei möglich gewesen. Anfang der 1990er-Jahre sei der Ingenieur-Studiengang eingestellt worden.

Hälfte der Pharmazie-Ingenieure in Thüringen älter als 56

Die Anerkennung von in der DDR erworbenen schulischen, beruflichen und akademischen Abschlüssen nach 1990 als gleichwertig regelte der deutsch-deutsche Einigungsvertrag. Fink stellte auf dieser Grundlage einen Antrag auf Anerkennung und Nachdiplomierung bei der zuständigen sächsischen Behörde. "Es kostete eine Gebühr, war aber problemlos", erzählt sie. "Man musste nur wissen, dass man das beantragen kann." Zehntausende von DDR-Fachschulabsolventen der verschiedensten Fachgebiete gingen diesen Weg.

In Thüringen arbeiten derzeit noch gut 700 Pharmazie-Ingenieure in rund 530 Apotheken - bei etwa 3700 Beschäftigten vom Apotheker bis zum Azubi insgesamt. 2007 waren es noch 935 Ingenieure. Von den verbliebenen ist mehr als die Hälfte zwischen 56 und 65 Jahre alt. "2030 gehen in Ostdeutschland die letzten Pharmazie-Ingenieure in Rente", sagt die Kammergeschäftsführerin aus Sachsen-Anhalt.

Apothekermangel: Forderung nach Pharmazie-Studienplätzen in Jena

Die Lücke müsse mit mehr Apothekern gefüllt werden, was schwierig sei. "Es herrscht ohnehin Apothekermangel", findet der Geschäftsführer der Kammer in Mecklenburg-Vorpommern, Bernd Stahlhacke. In allen ostdeutschen Ländern sei dies eine Herausforderung, ergänzt sein Kollege aus Sachsen, Frank Bendas. Wie auch der Thüringer Apothekerverband plädiert er für mehr Pharmazie-Studienplätze, konkret an den Universitäten in Jena und Leipzig. In Brandenburg, wo es bislang keinen Pharmazie-Studiengang gibt, müsse ein solcher dringend aufgebaut werden, fordert die dortige Kammer.

Ob dies etwas bringt, ist aber auch in Pharmazeutenkreisen umstritten. Mit mehr Studienplätzen allein sei es nicht getan, findet Heinrich. "Es hängt auch von den Rahmenbedingungen ab, etwa Entlohnung, Infrastruktur und Konkurrenz durch ausländischen Online-Versandhandel."

Quelle: MDR THÜRINGEN/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 09. August 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2019, 15:20 Uhr

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18 Kommentare

11.08.2019 15:31 Wiese 18

Das ist nicht die einzige Berufsgruppe, die sinnloserweise mit der Wende abgewickelt wurde. Und heute fehlt dann der Nachwuchs.
Schauen Sie mal bitte in den Kreis der Archivare und Archivarinnen. Zu DDR- Zeiten wurde gut ausgebildet und nach einheitlichen Standards, die heute immer noch gelten. Es gab eine Facharbeiterausbildubg sowie Fachschul- und Hochschulabschlüsse übrigens auch im Fernstudium.
Heute werden in der gesamten Bundesrepublik ca. 50 Archivare ausgebildet! Auch hier das gleiche Problem. Die alten Fachleute gehen in Rente, fachlich ausgebildeter Nachwuchs fehlt überall. Nach dem Motto "Archiv kann jeder". Und diese überhebliche Denkweise funktioniert in Zeiten einer digitaler Langzeitarchivierung wichtiger Informationen, denkt man allein an Informationen, die lange vorgehalten werden müssen, und der verlangten enormen Fachkenntnisse schon lange nicht mehr. Wäre schön, wenn darüber auch mal berichtet werden würde. Der nächste Archivtag ist übrigens in Suhl.

11.08.2019 13:35 Mediator an JMBB (16) 17

Sorry, aber ihre Gedanken sind unrealistisch! Die DDR Bevölkerung hat mit den Füßen abgestimmt und teilweise sind pro Woche über zehntausend Menschen in den Westen übergesiedelt. Warum noch einmal wurde die Mauer gebaut?

Ansonsten kann ich gerne auf ein Bildungssystem mit politischer Indoktrination verzichten, bei dem Berufs- und Bildungschancen gerne mal vom Staat verwehrt wurden, wenn man nicht linientreu war und brav nachgeplappert hat was es über den Sozialismus zu sagen galt.

Mir wäre neu, dass unser aktuelles Bildungssystem nicht das gewünschte Resultat liefert, so dass Deutschland in der Weltspitze locker mitmischen kann.

Hier geht es übrigens um eine ersichtliche Lücke in der Versorgung mit Apothekern durch das Aussscheiden der in der DDR ausgebildeten Pharmzie-Ingenieure in die Rente.

Übrigens ein schönes Beispiel für die DDR Titelflut die nichts kostetet und schön klang. Ingenieur mit 2 Jahren Studium. Respekt!

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