Museums-Exponat
Ein Frachtaufkleber der ersten Fluglinie Deutschlands von Weimar nach Berlin. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Vor 100 Jahren Erste Fluglinie Deutschlands: Berlin - Weimar

Vor 100 Jahren war die Verbindung zwischen Weimar und Berlin schneller als heute. Weil die Nationalversammlung in der Provinz tagte, gab es zwischen den Städten täglich zwei Flüge. Weimar-Berlin war die erste Fluglinie Deutschlands.

von Rainer Erices

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Ein Frachtaufkleber der ersten Fluglinie Deutschlands von Weimar nach Berlin. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

"O Weimar! dir fiel ein besonder Los: Wie Bethlehem in Juda, klein und groß!", bemerkte einst Goethe. Nicht minder bedeutsam drückte sich 1919 ein Zeitgenosse aus:

In einer Hinsicht aber ist Weimar wirklich Großstadt geworden, denn Weimar ist die erste Stadt, nach der ein regelmäßiger Luftpostverkehr eingerichtet ist.

Tatsächlich bekam die Kleinstadt mit der ersten Luftlinie einen Hauch von Metropole. Der 5. Februar 1919 gilt als Auftakt für Deutschland in die zivile Luftfahrt. Täglich verkehrten zwei Flugzeuge zwischen Berlin und Weimar.

In wenigen Stunden in die Kleinstadt

Auch wenn Fliegen seinerzeit durchaus Mut erforderte - sowohl für Piloten als auch Passagiere – einen entscheidenden Vorteil hatte es. Die Flugzeuge waren schnell. Die Eisenbahn stand in der Gunst der Menschen nicht sonderlich vorteilhaft da. Streiks und Kohlemangel behinderten in den Nachkriegsjahren einen geordneten Ablauf. Ganze 15 Stunden (oder mehr) dauert die 200 Kilometer lange Fahrt zwischen Berlin und Weimar in jener harten Zeit. Nicht so mit dem Flugzeug. Und das hatte spürbare Folgen. Post gelangte nunmehr statt innerhalb von Tagen in Stunden zum Empfänger, wenn die Zeit eilte.

Flugplatz Weimar seit 1909

Stadtplan von Weimar aus dem Jahr 1927 mit dem Flugplatz am Webicht
Auf diesem Stadtplan von Weimar aus dem Jahr 1927 ist der Flugplatz am Webicht eingezeichnet. Bildrechte: MDR/Katja Werner

Der Flugplatz von Weimar existierte damals bereits einige Jahre. 1909 hatte sich ein "Verein für Luftverkehr eV" in der Stadt zusammengefunden. Dieser errichtete im Webicht, an den so genannten "Neunzig Äckern" an der Jenaer Straße einen Luftschifflandeplatz. Erste Flugzeuge landeten kurz darauf. 1911 wurde die Mitteldeutsche Fliegerschule eröffnet. Im folgenden Krieg wurde der Flugplatz rege durch das Militär genutzt.

Zum Start der Weimarer Nationalversammlung wurde eine sichere und schnelle Postverbindung in die deutsche Hauptstadt gebraucht. Historischen Quellen zufolge erhielt die Deutsche Luftreederei (DLR) im Januar 1919 die Genehmigung zur Aufnahme des Luftverkehrsbetriebs. Die DLR war eine Verkehrsgesellschaft, die von AEG, der HAPAG und dem Zeppelinkonzern gegründet worden war.

Das zweite Flugzeug kam nicht an

Am frühen Morgen der ersten Parlamentstages von Weimar hoben zwei Maschinen in Berlin-Joachimsthal ab. Genutzt wurden umgebaute Doppeldecker aus Militärbeständen - eine AEG J II und eine LVG CV. Die erste Maschine landete gegen 10:45 Uhr in Weimar. "Auf der weißen Schneefläche vor der Halle ist ein Kreuz aufgeschaufelt, das trotz der dunstigen Luft ein sehr gut sichtbares Landungszeichen ist", heißt es in einem Bericht.

Das zweite Flugzeug kam nicht an. Es hatte im südlichen Berlin eine Kirchturmspitze gestreift und hatte dann in Bitterfeld notlanden müssen. Fliegen war damals längst nicht so sicher wie heute. Die "BZ am Mittag" schrieb aufgeregt:

Die verbogene Kirchturmspitze

Heute Vormittag stieß ein Flugzeug, das von Berlin nach Weimar fliegen sollte, in Lankwitz gegen den Kirchturm. Der Führer konnte das Flugzeug im letzten Augenblick noch hochreißen, so dass nur die Kirchturmspitze verbogen wurde. Das Flugzeug musste notlanden. Als Passagier fuhr ein Regierungsvertreter, der nach Weimar zur Eröffnung der Nationalversammlung wollte.

Die notdürftig umgebauten Militärmaschinen brachten von nun an täglich Post und Zeitungen nach Thüringen - und gelegentlich mutige Passagiere. Jeweils 500 Zeitungen sollen zu einzelnen Paketen zusammengeschnürt gewesen sein. Sie wurden kurz vor der Landung abgeworfen.

Konflikte unter den Piloten

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Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Auf den Straßen Weimars, so lautet es in einem Bericht, priesen die Zeitungsjungen die gerade erst gedruckten Blätter an: "Die neuesten Berliner Zeitungen, soeben in Berlin ausgegeben, frisch mit der Flugpost eingetroffen!" Das Luftkonzept hatte Erfolg. Und so blieben die zivilen Flugzeuge der DLR nicht die einzigen, die in Weimar landeten. Am Reichskurierdienst beteiligte sich auch eine Fliegerabteilung des Freiwilligen Landjägerkorps. Das sorgte für Konflikte. Manch einer sah einen militärisch operierenden Luftdienst eher als Gefahr für die Sicherheit der Nationalversammlung ein. Schließlich würden Militärpiloten das "Gegenteil verantwortungsbewusster Verkehrspiloten", heißt es in Berichten. Tatsächlich jedoch kamen die ersten zivilen Piloten vom Militär und hatten sich dort einen Namen gemacht.

Nach zwei Jahren Ende der Fluglinie

Im August 1919 zog das deutsche Parlament zurück nach Berlin. Die Fluglinie nach Weimar blieb noch einige Zeit bestehen. 1921 jedoch schloss sie, sie rentierte sich nicht mehr. Die zivile Luftfahrt entwickelte sich trotzdem weiter. Längst existierten etliche Linien innerhalb des Reiches, von Berlin nach Warnemünde, Hamburg oder Gelsenkirchen. 1922 beispielsweise trauten sich nach Statistiken bereits fast 8.000 Menschen in Deutschland, ein Flugzeug zu nutzen. Vor allem aber standen die Flieger im Dienste der Post.

Anmerkung der Redaktion: In einem früheren Text wurde der Flugplatz Weimar zwischen Jenaer Straße und Tieffurter Allee platziert. Das inzwischen aufgefundene Kartenmaterial aus der Zeit lokalisiert den Flugplatz südlich der Jenaer Straße, heute Lindenberg.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 06. Februar 2019 | 11:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2019, 18:09 Uhr

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6 Kommentare

06.02.2019 11:56 Christian Handwerck 6

@5 Vor Ort erinnert nur noch der besagte Hallenboden daran, sonst nichts. Und das fällt nur demjenigen auf, der es auch weiß. Hier die Koordinaten für Google Earth:
50.979184, 11.353507
Das Gebäude links der Freifläche ist das ehemalige "Flughafen-Hotel". Bis zur Sanierung war die Aufschrift immer noch lesbar. Die Gebäude an der westlichen Seite der Straße "Am Sportlplatz" (früher "Am Flughafen") befinden sich auf dem Gelände der früheren Flugzeughallen. Diese Wohnbebauung als auch die am östlichen Straßenrand muss man sich wegdenken. Das Feld war der Flugplatz.

06.02.2019 11:08 Flight Tracker 5

@4 überhaupt scheint ja die sache mit dem 100 Jubiläum niemand gerafft zu haben . seltsam eigentlich, wo doch heute alles fliegt selbst innerdeutsch- und dann geht hier der flugplatz der ersten linie so klanglos unter. gibts da denn irgenwo eine Hinweisttafel vor Ort oder ein Gedenkstein? Schade eigentlich
guter Artikel

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