Postkarte mit drei Frauen, die an einem Tisch sitzen
"Exotisches" Postkartenmotiv im Stadtmuseum Weimar - die ersten Politikerinnen. Bildrechte: Weimar/ Rainer Erices

100 Jahre Nationalversammlung Frauen in der Politik: Weimar 1919 - ein schwerer Start

Es war ein kleine Revolution: Vor 100 Jahren nahmen in der Nationalversammlung erstmals Frauen ihre Sitze ein. Kritisch beäugt von der damaligen Öffentlichkeit und Presse. Die Frauen hatten zu bestehen: Hut und Kleid waren dabei oft wichtiger als die Inhalte ihrer Reden.

von Rainer Erices

Postkarte mit drei Frauen, die an einem Tisch sitzen
"Exotisches" Postkartenmotiv im Stadtmuseum Weimar - die ersten Politikerinnen. Bildrechte: Weimar/ Rainer Erices

Knapp zwei Wochen debattierten bereits die Abgeordneten aller Fraktionen im Deutschen Nationaltheater in Weimar. Dann endlich, am 19. Februar, ging zum ersten Mal in der Geschichte eines gesamtdeutschen Parlaments eine Frau ans Rednerpult. Nicht gerade zum Entzücken manches Beobachters.

Kritische Blicke auf Erstrednerin

Auszug aus dem Protokoll der ersten Rede einer Frau im Parlament) Bildquelle: Rainer Erices Bildrechte MDR / Rainer Erices  3. weibliche Abgeordnete Bild zeigt alte Postkarte mit drei Frauen, die an einem Tisch sitzen Bildquelle Stadtmuseum Weimar Bildrechte Stadtmuseum Weimar/ Rainer Erices
Im Parlamentshandbuch die Rede von Marie Juchacz Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Marie Juchacz war die einzige Frau, die in der ersten Plenarsitzung der Weimaer Nationalversammlung ganz vorne sitzen durfte. Die SPD war in den Januarwahlen stärkste Fraktion geworden - und ganz offensichtlich zählte Juchacz zu den respektiertesten Abgeordneten ihrer Partei. Für einen eigenen Redebeitrag allerdings musste sie sich gedulden. Eigentlich hätte sie am 13. Februar sprechen sollen, was aus organisatorischen Gründen abgesagt wurde. Dann, wenige Tage später, war es soweit. Jedoch wurde, glaubt man den Berichten der Parteikollegen von einst, die Rede mit einiger Skepsis aufgenommen. "Genossin Juchacz, die guten Eindruck macht, wenn sie auch gerade nicht überwältigend sprach", meinte Fraktionskollege Paul Löbe.

An Marie Juchacz schieden sich eben die Geister. Juchacz war die, "die mit ihrer sorgfältig einstudierten, übertrieben deutlich artikulierten Rede kein sehr günstiges Vorurteil für die weiblichen politischen Sprachleistungen weckte"; übrigens kein ganz unberechtigtes Vorurteil, so die Wertung eines Zeitzeugen. Sie endet mit den Worten: "Nicht gerade ein liebliches Bild".

Was hat sie an, wie sieht sie aus

Der Unterton war oft spöttisch, wenn Journalisten über die neuen Frauen-Abgeordneten erzählten. Über Kleidung ließen sie sich aus, über Wesensart und gern über "Fraulichkeit" - was immer das bedeutete. Zwar schossen Reporter auch gegen männliche Abgeordnete, aber anders. Sie beurteilten Politiker nicht nur als solche, sondern eben im Rahmen ihrer Geschlechterrolle. Das musste nicht bösartig sein, es spiegelte den Zeitgeist wider. Wohl meinte es ein Berichterstatter, als er auf die Abgeordnete Lore Agnes zu sprechen kam.

In einer Vitrine sind Ersttagsbriefe mit Briefmarken und Bildnissen von Politikerinnen, darunter Marie Juchacz.
Politikerinnen auf Briefmarken im Stadtmuseum Weimar Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Lore Agnes saß als Schriftführerin gleich neben dem Präsidenten im Parlament. Als einzige Frau. Die 42 Jahre alte "Hausfrau aus Düsseldorf", so ist in einem Bericht zu lesen: "...macht in der Tat, was unter den weiblichen Abgeordneten nicht gerade die Regel ist, einen sehr fraulichen Eindruck."

Wenn man sie in ihrer weißen Bluse sehe, frage man sich wie sie unter "die wilden Horden" der USPD geraten konnte. "Einfach, adrett, blitzsauber" - nicht so "schlafrockmäßig" wie die meisten anderen Frauen.

Mütterlich, aber politisch unmündig

"Gemütlich-mütterlich" dagegen der Eindruck bei der Oberlehrerin Maria Schmitz vom konservativen Zentrum. Die Aachenerin fiel auf wegen "der Pracht ihrer gesunden roten Backen" - und überhaupt wirkte sie auf Zeitzeugen gar nicht "lehrerinnenhaft". Letztlich, schrieb ein anderer Beobachter, hätten die Zentrumsdamen alle etwas "Mütterliches". Politisch seien sie eher "unmündig" und orientierten sich am Nachbarn.

Weibliche Solidarität über Parteigrenzen hinweg

Besonderen Eindruck machte das "Fräulein Dr. Gertrud Bäumer…oder vielmehr Frau Dr. Bäumer". Denn, so merkte der Journalist an, die "abgeordneten Weiblichkeiten haben beschlossen, sich allgemein Frau zu nennen, ob sie das standesamtliche Anrecht auf die Bezeichnung haben oder nicht".

Nur zwei Frauen hätten das abgelehnt, darunter die konservative Anna von Gierke von den Deutschnationalen. Jedoch habe das "weibliche Solidaritätsgefühl" gesiegt, so dass im Parlamentshandbuch alle Frauen auch Frauen heißen dürften. Damit nicht genug.

Auch Gertrud Bäumer polarisiert

Die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer von der Deutschen Demokratischen Partei fiel bald auf durch eine zwar "geschickte Rede" - jedoch mit viel Polemik.

So wetterte sie in aller Öffentlichkeit bitter gegen den "hoch verdienten" altehrwürdigen Grafen von Posadowsky - jenes langbärtige politikerfahrene Urgestein schlesischen Altadels - was, so bemerkte der Berichterstatter, "noch ein ungewohntes Erleben ist".

Um von sich als einer "wirklich großen Leuchte" zu überzeugen, müsse, ergänzte der Schreiber, Frau Bäumer "noch sehr viel heller brennen".

Ein anderer Beobachter fand zwar lobende Worte für Frau Bäumer (nicht nur die Sprache sondern auch die Kleidung sei am gewähltesten), die Rede der Schriftstellerin sei jedoch nur ein "laues Bad, angenehm, aber nicht herzhaft". An Sachlichkeit reichte ihre Rede nicht an die "eines beliebigen männlichen Abgeordneten."

Fast alle Frauen "zu leise"

Einen gewissen Heimvorteil hatte Clara Mende, eine gebürtige Erfurterin mit gut betuchter Verwandtschaft in Weimar. "Hoch gewachsen, sehr schlank, den Klemmer auf der Nase und mit einer Vorliebe für grünliche Gewandungen reformlichen Zuschnitts", fiel die Lehrerin von der Deutschen Volkspartei durchaus auf. Positiv an ihr war offensichtlich, dass sie "stets gefasst, ruhig und liebenswürdig" war. "Leider", meinte ein anderer Schreiberling, sei ihr Verstand "durchdringender, als im Plenum ihre Stimme". Aber das sei ja ohnehin das Problem fast aller Frauen. Man verstehe sie schlecht.

Dagegen sei Frau Dr. Käthe Schirmacher von den Deutschnationalen das blanke Gegenteil gewesen. Sie hatte zwar auch eine Vorliebe fürs Grün, galt aber als radikale Frauenrechtlerin, "ein Feuerkopf" und "die geborene Kratzbürste, eine jener widerspenstigen Käthen, wie Shakespeare deren eine zähmen" ließ. Wo sie auftauchte, raunte es angeblich: "Der Hut!", "Das Kleid!" Ja, ihr Kleid - das "typische Frauenrechtlerkostüm" im "Arsenikgrün". Zugute hielten es ihr die Konservativen, dass sie von Grund auf "Preußen-Deutschland wieder zu Macht und Ansehen verhelfen will".

Das "Muttl" und Zwischenruferin Frau Zietz

Dagegen herzensgut soll Fraktionskollegin Margarete Behm gewesen sein - die allerdings auch "sehr niedliche kleine Bosheiten zu sagen weiß". Immerhin wurde sie von den anderen Frauen im Parlament "Muttl" genannt. In den Reihen der USPD, also der am weitest links stehenden Fraktion, fiel vor allem Luise Zietz auf - oder besser ihr "schrilles Organ". Ein herzliches "Zietzietzietzietzietz" der Politikkollegen schallte oft durch das Theater oder auch:

Hier ziehts, Frau Zietz!

Nationalversammlung Weimar

Luise Zietz galt als zuverlässige Zwischenruferin, und ansonsten machte sie, so hieß es, "einen schlechtweg hysterischen Eindruck". Pausenlos habe sie sich über Gott, Welt, Menschheit, das "blutbefleckte System" und überhaupt die Regierung, die "ihr ihre Revolution" gestohlen hätten, entrüstet. Gibt es irgendeinen Konflikt in einer Debatte, "kreischt" Zietz "natürlich auch gleich los". Ein konservativer Journalist schrieb: "Anmut ist…die Schönheit in der Bewegung. Sie fehlt der Frau Zietz neben manchem anderen, sicher."

Das Parlament als Theaterersatz

Gegenwind oder Belustigung kamen sicher nicht nur von Männern. Eine Anekdote besagte, dass die Damen der Gesellschaft von Weimar ihr Theater weiter als solches betrachteten. Also versuchten sie Besucherkarten für die Debatten zu bekommen, wenn die Zietz "auf dem Programm" stand. Die Zietz galt als Garant für einen wollüstigen Schauer über den Rücken. Insgesamt sei die Zietz, so der Journalist, lediglich eine "beschränkte Proletarierfrau" mit einer übergroßen Menge an "männlichen Molekülen".

In der deutschen Frauenbewegung war umstritten, wie hoch die mit Weimar 1919 erkämpften Rechte wogen. Sicher ist, dass die gesellschaftliche Gleichberechtigung, so wie wir sie heute kennen, damals in vielen Köpfen noch nicht angekommen war. Besonders nicht unter denen von Konservativen.

Man könnte sämtliche in Weimar gehaltenen Frauenreden streichen, niemand würde den Mangel merken.

Ein Kommentator der Nationalversammlung

Hermann Luppe, Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei urteilte im Zeitgeist: "Schützer des umfriedeten Heims ist und bleibt der Mann, und nicht draußen, sondern drinnen waltet die züchtige Hausfrau; hinaus ins feindliche Leben muss immer noch vorzugsweise der Mann."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Weimar 1919 - Wiege und Bahre der Demokratie | 06. Februar 2019 | 11:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2019, 14:25 Uhr

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3 Kommentare

17.02.2019 20:04 woman forever 3

Ja ist es heute anders?

Cooler Beitrag.
Ist doch gut, wenns zieht
Nix gegen "Arsenikgrün"

17.02.2019 17:54 Willy 2

die Gleichberechtigung werden wir bald nicht mehr haben für unsere Frauen weil uns der Islam eingeholt hat, schlimm aber wahr.

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