Kaserne, Klinik, Wohnprojekt Neue Mieter ziehen ins ehemalige Weimarer Krankenhaus

Nach dreieinhalb Jahren Bauzeit ist der Umbau des ehemaligen Weimarer Krankenhauses zum Wohnhaus geglückt. Allerdings haben sich nicht alle ehrgeizigen Ziele der jungen Weimarer Genossenschaft erfüllt. Sowohl die Baukosten als auch die Mieten sind deutlich gestiegen.

"Wir sind schon drin, gleich geht’s los." So stand es im März 2016 in großen Lettern an der Fassade des alten Weimarer Krankenhauses. 18 Jahre stand der Gebäudekomplex zu diesem Zeitpunkt leer. Viele Investoren schreckte die Ruine ab. So hatte zum Beispiel die stadteigene Hufeland-Träger-Gesellschaft, Eigentümerin der Immobilie, den Komplex bereits 2013 an einen Investor aus Erfurt verkauft. Doch der kam mit seinen Umbauplänen nicht voran, die Stadt zog die Reißleine und machte den Verkauf rückgängig.

Statt die Gebäude erneut meistbietend zu veräußern, entschied sich die Stadtverwaltung für ein Wagnis. Das alte Krankenhaus ging zum günstigen Bodenrichtwert an die neu gegründete Genossenschaft "Wohnprojekt Ro70", in Anlehnung an die Anschrift des Hauses, die Eduard-Rosenthal-Straße 70 in Weimar.

Bauzeit mehr als verdoppelt

Nun, genau vier Jahre später, ziehen im März die letzten Genossenschaftsmitglieder in ihr neues Zuhause ein. 76 Wohnungen sind in der alten Klinik entstanden, dazu Gemeinschafts- und Arbeitsräume. Unter den Mietern ist auch eine Wohngruppe der Lebenshilfe. Dreieinhalb Jahre dauerten die Bauarbeiten, bei denen aus Kranken- und Röntgenzimmern helle und gemütliche Wohnräume wurden. Geplant waren ursprünglich eineinhalb Jahre, sagt Michael März, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft. Allerdings lief der Zeitplan von Anfang an aus dem Ruder.

Bauprobleme und Planungsfehler

Schon beim Entkernen des Hauses gab es den ersten Bauverzug. 1950 wurde die ehemalige Militärkaserne zu einem Krankenhaus umgebaut. Neue Wände wurden eingezogen. Die standen allerdings direkt auf dem Parkett. Eine Bausünde, sagt Michael März, die man so nicht lassen kann. Die Wände wurden herausgerissen und erneuert. Auch die Planungen des Architekten sorgten immer wieder für Probleme. So wurden Türen zu schmal berechnet oder Fußböden zu hoch, sodass sich nach dem Ausbringen des Estrichs die zu vor eingebauten Balkontüren nicht mehr öffnen ließen.

Baukosten explodieren

Mit jedem weiteren Monat stiegen auch die Baukosten. Aus veranschlagten 15 Millionen Euro wurden 21. Vier Jahre lang trafen sich Michael März und die anderen Vorstandsmitglieder jeden Sonntag zu stundenlangen Gesprächen. Das Privatleben blieb in dieser Zeit weitestgehend auf der Strecke. Mit den gestiegenen Baukosten hat die Gemeinschaft leider auch ein weiteres Ziel verfehlt: günstig zu wohnen. 6,50 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete waren anvisiert. Inzwischen liegt der Mietpreis bei 8,70 Euro. Für viele Mieter an der Schmerzgrenze. Das Wohnprojekt ist ein Konzept für Jung und Alt und gerade so manche Senioren müssen nun mit ihrer knappen Rente haushalten.

Das Dorf in der Stadt

Gelohnt hat es sich dennoch, meint Michael März. Zwar gab es Phasen, wo er "am liebsten alles hingeschmissen" hätte, doch was für ihn zählt, ist die Gemeinschaft, die Menschen, die sich hier ein neues Zuhause gebaut haben. Alle kennen sich, sind über die Jahre zusammengewachsen und nur wenige Mitglieder haben trotz längerer Bauzeiten und gestiegener Kosten die Genossenschaft verlassen.

Einige haben für die "Ro70" sogar ihre alte Heimat aufgegeben, kommen aus Berlin, Angermünde oder Wolfenbüttel nach Weimar. In diesem Punkt hat das Wohnprojekt sein Ziel voll erfüllt. Es ist zu einem kleinen Dorf in der Stadt geworden, wo man sich gegenseitig unterstützt und hilft.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - entdecke wo du lebst | 28. Januar 2020 | 21:00 Uhr

5 Kommentare

didi0715 vor 51 Wochen

Als Einer, der"dazu gehört",muß ich dem Macher dieser Dokumentation ein großes Kompliment aussprechen.Fast schonungslos hat er den Werdegang unseres Projektes dargestellt.Toll, Alexander Reißland.Als Bauherren und gleichzeitig Mieterkönnen wir heute nachvollziehen, was es heißt, ein derart altes, großes Gebäude zu sanieren.Dank an unsere Leute, welche uns immer wieder motiviert haben, Dank an die fernen Berliner,welche mit Rat und Tat zur Seite standen, Dank an die Stadt, welche das Grundstück eben nicht an den Meistbietenden verkauft hat, Dank an die Bauarbeiter und die Bauleitung, welche immer "Äste u.ä. unter die Reifen unseres Wagens gepackt haben, wenn er im Schlamm steckenzubleiben drohte".Wir haben während des Filmes öfter gelacht, als unsere optimistischen Vorhersagen und die dann auftretenden "nackten Tatsachen" völlig auseinander liefen.Es war aber ein befreiendes Lachen, weil nun in den nächsten Tagen die letzten Wohnungen bezugsfertig werden.

Quantix vor 51 Wochen

Ein tolles Projekt. In der Dokumentation konnte man die sprichwörtliche "Siedler"-Atmosphäre fast greifen. Auch wenn am Ende trotz bester Bemühungen ein Mietpreis von EUR 8,70 angesetzt werden musste, ist es klasse, dass die Genossenschaft durchgehalten und ihr Projekt zu einem erfolgreichen Ende geführt hat. Meine Hochachtung, insbesondere wenn man bedenkt, wie viel ehrenamtliche Lebenszeit hier investiert worden ist!

Wimares vor 51 Wochen

Glückwunsch an die Bewohner und Macher! Tolles Projekt, tolle Gemeinschaft und gutes Vorbild wie es auch anders gehen kann. Das mit besonderen Wünschen auch die Kosten steigen, sollte klar sein. Schön zu sehen wie sich eine so große Bauherrengemeinschaft einigen kann und so ein riesen Projekt durchzieht.

@Klaus: Über Geschmack kann man streiten, aber keine 100m weiter vermietet die Wohnstätte ein deutlich einfacheres Gebäude für 8,90 kalt. Das Gebäude musste nicht gekauft werden und wurde bei weitem nicht so aufwendig saniert. So schlecht kann die Kalkulation nicht gewesen sein.

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