Rollstuhlfechten Kann Julius Haupt sich für die Paralympics qualifizieren?

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Die Musketiere tun es, die Piraten auch. In fast allen historischen Romanen kommt es vor - das Fechten. Ein junger Mann aus Weimar ist mit dem Florett und dem Säbel mittlerweile so erfolgreich, dass er sich vielleicht sogar für die Paralympics in Tokio qualifizieren kann. Das bedeutet aber auch viel Arbeit für den 19-jährigen Julius Haupt.

Julius Haupt beißt auf Medaille
Er ist noch nicht mal 20 Jahre alt und schon mehrfacher Weltmeister und Vize-Weltmeister. Julius Haupt aus Weimar. Bildrechte: MDR/Holger Haupt

Auf dieser Seite:

Seine große Schwester hat schon gefochten und Julius hat ihr oft beim Training zugeschaut. Und als Kind hat er am liebsten mit Rittern gespielt. Da war es irgendwie klar, dass er selber auch bei diesem Sport landet. Mit sieben Jahren hat er angefangen, gewann mit dem Florett auch schon die ersten Titel. Julius trainiert beim Polizeisportverein (PSV) Weimar.

Allerdings wurde irgendwann klar, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht die erforderliche Schnelligkeit für eine Fecht-Karriere entwickeln könnte. Julius Haupt leidet an einer spastischen Hemiparese. Und so hatte er schweren Herzens beschlossen, selbst  weniger zu trainieren und statt dessen den Trainerschein zu machen.

Doch dann kam alles anders: Auf einem Wettkampf wurde Julius gefragt, ob er nicht Lust hätte, das Rollstuhlfechten auszuprobieren. Nach langem Überlegen und vielen Gesprächen mit seiner Familie und seinem Trainer Alexander Panneck wagte Julius den Schritt. Und dann gewann er gleich seinen ersten Wettkampf, den Weltcup 2017 in Holland.

Ich konnte alles, was ich vorher gelernt habe, ins Rollstuhlfechten einbringen. Das war hilfreich.

Julius Haupt

Dennoch hat es fast ein Jahr gedauert, sich an die veränderten Bewegungsabläufe zu gewöhnen, erzählt er. Die Beine dürfen nicht bewegt werden, mit der linken Hand hält sich der Sportler am Rollstuhl fest, während die rechte ficht. (Hier kann man sehen, wie Rollstuhlfechten funktioniert.)

Sein Trainer, Alexander Panneck, betreut seit vielen Jahren ehrenamtlich die Fechter des PSV. Er hatte mit dem Rollstuhlfechten absolut keine Erfahrungen. Nach und nach hat er sich alles angeeignet. Denn für Julius und seine Eltern war klar, dass er weiter in Weimar trainieren sollte. "Das soziale Umfeld und die Familie sind gerade für Leistungssportler sehr wichtig“, sagt Vater Holger Haupt.

In Bildern: Fechten im Rollstuhl

Julius Haupt mit Medaillen
2018: Julius Haupt wird Weltmeister U17 im Florett und holt sich WM-Bronze im Degen. Bildrechte: MDR/Holger Haupt
Julius Haupt mit Medaillen
2018: Julius Haupt wird Weltmeister U17 im Florett und holt sich WM-Bronze im Degen. Bildrechte: MDR/Holger Haupt
Blick auf die Wettkampfbühne
September 2018: erste Teilnahme an einer Europameisterschaft in Terni (Italien). Bildrechte: MDR/Holger Haupt
Julius Haupt beißt auf Medaille
2019: wird er U23-Vizeweltmeister im Florett in Sharjha (Vereinigte Arabische Emirate). Bildrechte: MDR/Holger Haupt
Julius Haupt beim training
Julius Haupt trainiert jede Woche mindestens zehn Stunden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Julius Haupt hinter Fechtmaske in Flaggenfarbe
Als Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft hat Julius Haupt auch eine eigene Maske. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Julius Haupt während des Trainings
Die Füße dürfen beim Rollstuhlfechten nicht das Brett verlassen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Nahaufnahme: Handgriff eones Floretts
Julius Haupts Lieblingswaffe ist das Florett. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Hand hält Degen
Seine zweite Wettkampf-Waffe ist der Säbel. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Julius Haupt, Rollstuhlfechter vom PSV Weimar
Schon seit 2007 trainiert Alexander Panneck (rechts) Julius Haupt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Fechtmasken
Der Polizeisportverein Weimar hat eine sehr aktive Fecht-Abteilung. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Alle (10) Bilder anzeigen

Der 19-Jährige ist bereits Weltmeister

Inzwischen war Julius Haupt mit Florett und Säbel auf fast jedem Kontinent. Er sammelt Titel wie andere Leute Briefmarken. Thüringer Meister, Weltmeister, mehrfacher Deutscher Meister.

Und jetzt fährt er vielleicht sogar zu den Paralympics nach Tokio. Die Qualifikation dafür erfolgt über eine Rangliste. Allerdings muss Julius erst noch einige wichtige Wettkämpfe hinter sich bringen: den Weltcup in Ungarn, die U23-Weltmeisterschaft in Thailand und die Deutsche Meisterschaft in Böblingen im März.

Mehr als zehn Stunden trainiert er jede Woche, vor den Wettkämpfen noch mehr. Und als wäre das alles nicht schon genug, steckt Julius auch noch mitten im Abi: "Das ist schon ganz schön anstrengend, aber meine Schwester hilft mir und auch die Schule unterstützt mich sehr.“

Trotzdem hatte die Familie überlegt, die Schule für ein Jahr zu unterbrechen und sich auf den Sport zu konzentrieren. Am Ende haben sie sich dagegen entschieden.

Mit Sport verdient man in Deutschland kein Geld, nicht mal als Olympiasieger.

Holger Haupt Vater

Und so kämpft Julius Haupt sich mit der gleichen Energie durch den Schulstoff wie durchs Training. Er will nach dem Abi Wirtschaft studieren oder BWL. Aber auf jeden Fall in Thüringen. In Erfurt oder Jena. "Aber es ist schon extrem anstrengend. Morgens Schule, dann nach Hause, zum Training, dann wieder Hausaufgaben und versäumten Stoff nachholen und morgens wieder früh raus wegen der Schule", sagt er. Zum Glück unterstützt ihn die ganze Familie und auch seine Freundin hat viel Verständnis.

Und der Lohn für die Mühe sind natürlich die Erfolge. Julius Haupt: "Wenn ich fechte, bin ich wie in einem Tunnel. Da vergisst du alles um dich rum. Bei der WM in Warschau habe ich erst realisiert, dass ich Weltmeister bin, als ich meinen Vater angeschaut habe."

Dabei ist es nicht selbstverständlich, dass sein Vater bei den Wettkämpfen dabei ist. Denn der muss alles selber zahlen – Anreise, Übernachtung, sogar Eintrittskarten für die Halle. Sein Trainer übrigens auch. Denn international ist der Bundestrainer für Julius zuständig. Der sagt dazu: "Für mich ist es trotzdem wichtig, dass Alexander dabei ist, selbst wenn er nur auf der Tribüne sitzt.“

Wenn Julius Haupt im Sommer nach Tokio fährt, hat diese Karriere die Familie fast 100.000 Euro und jede Menge Zeit gekostet. Holger Haupt: "Aber das ist es auf alle Fälle wert. Als Julius 2018 zum ersten Mal Weltmeister wurde – man hört die Nationalhymne, die Fahnen gehen hoch und da vorne steht dein Sohn! Das ist unbeschreiblich.“

Und so wird er auch mit seinem Sohn nach Tokio fahren im Sommer. Falls Julius Haupt sich für Olympia qualifiziert.

Definition Hemiparese Hemiparese ist die medizinische Bezeichnung für eine bestimmte Art von Lähmung. Es handelt sich dabei um eine leichte oder unvollständige Lähmung einer einzelnen Muskelgruppe in Armen oder Beinen bzw. einer ganzen Extremität auf nur einer Körperhälfte. Eine Hemiparese ist also eine teilweise Lähmung. Sie betrifft entweder die rechte oder linke Körperseite. Allerdings gilt sie nicht als eigenständige Krankheit, sondern als Begleiterscheinung oder als Symptom einer anderen Erkrankung. Hemiparesen entstehen meist aufgrund von Schädigungen im Gehirn. Dessen Nervengewebe ist beschädigt oder zerstört. Betroffen haben in der Folge meist Schwierigkeiten beim Laufen. Auch die Bewegung anderer Extremitäten kann stark eingeschränkt sein.

Die Paralympics

Die Paralympischen Spiele, auch Paralympics genannt, sind das Pendant zu den Olympischen Spielen für Menschen mit Behinderung. Die ersten Wettkämpfe fanden 1948 in Stoke Mandeville statt. Sie gehen auf den Neurologen Sir Ludwig Guttmann zurück, der Sport als Rehabilitationsmaßnahme für Verletze aus dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich einsetzte.

Seit 1960 werden die Wettkämpfe regelmäßig ausgetragen und seit 1992 sind die Paralympischen Spiele organisatorisch mit den Olympischen Sommerspielen verbunden. Sie finden jeweils drei Wochen nach den Olympischen Spielen am gleichen Ort statt. Die ersten Winterspiele wurden 1976 in Schweden ausgetragen.

Die 25. Paralympischen Sommerspiele finden vom 25. August bis zum 6. September in Tokio statt. Rund 4400 Athletinnen und Athleten mit Behinderung aus etwa 160 Nationen werden in 22 Sportarten am Start sein und in 540 Medaillenentscheidungen um Edelmetall kämpfen. Diese Zahlen unterstreichen die Bedeutung, die die Paralympics inzwischen erlangt haben.

Der Fachbereich Rollstuhlfechten

Der Fachbereich Rollstuhlfechten vertritt die Interessen der Rollstuhlfechter in Deutschland. Er ist ein Fachbereich innerhalb des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes (DRS e.V.), der wiederum als Fachverband im Deutschen Behinderten-Sportverband (DBS e.V.) organisiert ist.

Geleitet wird der Fachbereich von einem Vorstand, bestehend aus 1. Vorsitzendem, 2. Vorsitzendem und Kassenwart. Er ist u.a. verantwortlich für die Durchführung von Leistungs- und Sichtungsmaßnahmen, die Präsentation und Verbreitung des Rollstuhlfechtens. In Abstimmung mit dem Cheftrainer und der Verbandsärztin erstellt der Vorstand einen Nominierungsvorschlag der Sportler und Betreuer für das jeweilige Großereignis des Jahres, an Hand dessen der DBS die Nominierung vornimmt.

Um an Rollstuhlfechtturnieren, die von DBS, DRS oder dem Fachbereich organisiert werden, teilnehmen zu können, ist die Mitgliedschaft im DRS bzw. in einem DBS- oder DRS-Verein notwendig.

Der Thüringer Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband e.V. (TBRSV e.V.)ist der Zusammenschluss aller Behinderten- und Rehabilitationssportvereine sowie -abteilungen zu einem starken Dachverband, der die Interessen aller Mitgliedsvereine gegenüber Parlament, Regierung, Medien, Kostenträgern der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung, Förderern und Sponsoren sowie weiteren Partnern vertritt.

Hauptanliegen des Fachverbandes ist es, behinderten, chronisch-kranken, leistungsgeminderten und älteren Menschen Möglichkeiten einer regelmäßigen sportlichen Betätigung mit medizinischer Überwachung im Rahmen eines vor Ort befindlichen Sportvereins zu bieten. Sport im Sinne von Bewegung und Spiel kann helfen, mit einer Behinderung bzw. Erkrankung besser umzugehen, sie akzeptieren zu lernen und somit das psycho-soziale Wohlbefinden zu verbessern.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 09. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus der Region Weimar - Apolda - Naumburg

Mehr aus Thüringen

Einsatzkräfte am Pumpspeicherwerk Goldisthal 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sonne Mond und Sterne 2017 3 min
Bildrechte: ©SonneMondSterne 2017, Tony Günther

Das SonneMondSterne 2020 ist wegen Corona abgesagt. Seit 1997 findet das Elektro-Festival im August an der Thüringer Bleilochtalsperre statt. Zur Entschädigung hier ein paar Klänge und Bilder aus früheren SMS-Jahren.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 08.08.2020 08:10Uhr 03:08 min

https://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/saale-orla/video-sms-sonne-mond-sterne-bleilochtalsperre-abgesagt-corona-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Autoscooter 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Gera findet seit Freitagmittag erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie eine Art "Rummel" statt. Die Aktion "Sommer in der Stadt" umfasst vielfältige kleinere Veranstaltungen und könnte bis zum Herbst andauern.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 07.08.2020 13:30Uhr 01:03 min

https://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/gera/video-sommer-gera-rummel-schausteller-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video