Weimar Kinderbüro kämpft mit Kindern für ihre Rechte

Kinderrechte müssen nicht nur durchgesetzt, sondern auch bekannt gemacht werden. Immer mehr Kommunen setzen dafür Kinderbeauftragte ein. Weimar war die erste Ostdeutsche Stadt, in der das passiert ist: Seit 1991 gibt es hier das Kinderbüro. Leiterin Sina Solaß erzählt von ihrer Arbeit.

von Grit Hasselmann

Eine Frau zieht einen Ordner aus einem Regal voller Ordner mit bunten Aufklebern.
Sina Solaß leitet das Kinderbüro seit 2011. Bildrechte: MDR / Grit Hasselmann

Fast kann man die Farbe noch riechen, so neu sind die Räume des Weimarer Kinderbüros. Es liegt mitten in der Stadt im Kulturzentrum "Mon Ami" am Goetheplatz. Hausherrin Sina Solaß begrüßt mich ausgesprochen fröhlich. Vielleicht liegt das daran, dass sie viel mit Kindern arbeitet. Oder sie ist einfach so. Seit 2011 ist sie die Kinderbeauftragte der Stadt Weimar und leitet in dieser Funktion das Kinderbüro.

Kämpferin für Kinderrechte

Sina Solaß war auch mal Kind und das ziemlich gern. Aufgewachsen ist sie auf einem kleinen Dorf in der Nähe von Eisenach. Als Teenager entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Theater. Die Berufswahl war dann auch schnell getroffen. Nach dem Studium arbeitete sie fast 10 Jahre als Theaterpädagogin an verschiedenen Theatern. 2006 verschlug es sie nach Weimar. Als sie das erste mal zu Besuch im Kinderbüro war, wurde klar, das ist genau das, was sie machen will: die Interessen von Kindern und Jugendlichen in der Stadt vertreten.

Vorreiter in Ostdeutschland

Eine Frau mit kurzen Haaren steht vor einer Pyramide aus bunt bemalten Dreiecken.
Steffi Engelsädter hat das Kinderbüro in Weimar gegründet. Die Pyramide aus Kinderbildern war ein Projekt zum Kulutrstadtjahr "Weimar 99". Bildrechte: MDR / Grit Hasselmann

Das Kinderbüro mit der Kinderbeauftragten der Stadt Weimar wurde am 1. August 1991 als erste Institution dieser Art in den neuen Bundesländern eröffnet. Gegründet wurde es damals von Steffi Engelstädter. Die ist noch heute in Weimar bekannt wie ein bunter Hund und sie hat es den Stadträten und Bürgermeistern nie leicht gemacht. Ganz schön große Fußstapfen, die da auf Sina Solaß gewartet haben: "Wir haben hier ja auch einiges umgestellt und Richtung Jugend erweitert. Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, an Steffi Engelstädter gemessen zu werden." Eher hat sie von deren Erfahrungen profitiert.

Riesiger Aufgabenbereich

Das Kinderbüro ist für alle zuständig, die die UN-Kinderrechtskonvention betrifft - von 0 bis 18 Jahren quasi. Egal, ob in Schulen, Jugendclubs oder Kindergärten.

Außerdem macht es Angebote für Projekttage und Gespräche an Schulen und bietet Weiterbildung und Beratung für Menschen an, die mit Kindern und Jugendlichen leben und arbeiten. Besonders wichtig ist es Sina Solaß, die Kinder als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen. Nicht sie gibt ihnen Themen und Projekte vor, sondern sie unterstützt sie bei deren Umsetzung.

 Ein Spielbrett, auf dem Straßen und Gebäude aufgezeichnet sind, darauf stehen Spielzeugautos.
Mit diesem Modell haben sich die Kinder und Jugendlichen an der Neugestaltung einer Kreuzung in Weimar beteiligt. (Sophienstiftsplatz) Bildrechte: MDR / Grit Hasselmann

Projekte aus allen Richtungen

Kinder kommen mit ihren Problemen und Wünschen zu ihr, andere Projekte kommen aus der Verwaltung. Denn Weimar hat sich dazu verpflichtet, Kinder wirklich zu beteiligen. Seit September 2016 gibt es einen Stadtratsbeschluss, der die Projektbezogene Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an sie betreffenden Entscheidungen in der Kommune regelt. Bei der Neugestaltung des Sophienstiftsplatzes beispielsweise mussten die Kinder einbezogen werden, da dort gleich zwei Schulen liegen und die Schülerinnen den Platz täglich mehrfach überqueren.

Da geht es dann eben nicht darum, sie lediglich anzuhören, sondern die Bedürfnisse der Kinder müssen in die Planung einfließen.

Sina Solaß, Kinderbeauftragte Stadt Weimar
Drei Kinder sitzen an einem Tisch und beugen sich über ein Blatt Papier.
Die Beteiligung der Kinder erfolgt projektbezogen. Das heißt, je nach Inhalt arbeiten verschiedene Gruppen an verschiedenen Themen. Bildrechte: MDR / Grit Hasselmann

Und da Kinder laut UN-Kinderrechtskonvention auch ein "Recht auf Spiel und Freizeit" haben, bietet das Kinderbüro auch immer wieder Ferienaktionen an.

So richtig eingrenzen lässt sich also die Funktion der Kinderbeauftragten nicht. Sie ist Ansprechpartnerin, Beraterin, Integrationsstelle, Projektentwicklerin, Mutmacherin, Ideengeberin und manchmal auch Psychologin. Übrigens: Das Gegenteil von Recht ist nicht die Pflicht, sondern das Unrecht.

Formale Struktur funktioniert

Kinder- und Jugendbeauftragte sind formal Verwaltungsangestellte, gleichzeitig aber kommunale Kinderpolitiker. Ein Kinderbüro hat weniger Verwaltungs-, sondern mehr Gestaltungsaufgaben. Es kann und muss unkonventionell und flexibel reagieren.

Eine Frau schreibt mit einem Kugelschreiber auf eine Karte der Stadt Weimar.
Gerade ist eine Karte der Weimarer Spielplätze fertig geworden. Erstellt von Kindern und Jugendlichen der Stadt. Bildrechte: MDR / Grit Hasselmann

Sina Solaß ist bei der Stadt angestellt und mit der Zusammenarbeit ziemlich zufrieden, auch wenn sie eine Einzelkämpferin ist. Es gibt mittlerweile noch eine Kinderbeauftragte in Eisenach. Umso wichtiger ist der Austausch und die Vernetzung bundesweit. Oft bekommt Sina Solaß auch Anfragen von anderen Kommunen, die wissen wollen, was sie hier macht und vor allem wie. "Wenn dann die Pflicht zur Beteiligung irgendwann kommt, ist Weimar ganz vorne", sagt sie.

Beteiligungsprojekte nicht als Alibi

In einem Büro schauen zwei Frauen vor einem Schrank mit vielen bunen Ordnern in einen Computerbildschirm.
Im Kinderbüro kann man neuerdings auch ein "Freiwilliges Soziales Jahr Politik" absolvieren. Janis Rexhäuser (links) lernt hier viel. Bildrechte: MDR / Grit Hasselmann

Eine der wichtigsten Aufgaben des Kinderbüros ist die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungen, die sie betreffen. Dabei ist es für Sina Solaß Voraussetzung, dass diese Beteiligung nicht nur als Alibi oder für die Profilierung von Erwachsenen missbraucht wird. Ernsthaftes Nachdenken über die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen verlangt, deren Wünsche, Denkweisen, Handlungs- und Ausdrucksformen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Erwachsene müssen erkennen, dass Heranwachsenden kompetent sind, ihre Interessen selbst zu vertreten.

Das heißt nicht, dass sich Kinder an allem beteiligen müssen. Deshalb wollen wir auch keine festen Struktur aufbauen, wie beispielsweise ein Jugendparlament. Die Erfahrung zeigt, dass konkrete Projekte von den Kindern viel engagierter bearbeitet werden.

Sina Solaß, Kinderbeauftragte Stadt Weimar

Antrag zu Kinderrechten gescheitert

Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht eigentlich vor, dass die Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden. Ende letzten Jahres stand deshalb ein Antrag zur Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz auf der Tagesordnung des Bundestages. Einige Kinder aus Weimar waren mit dem Kinderbüro als Besucher hingefahren und hatten auch ein Bild zum Thema mitgenommen.

Gruppenfoto mehrerer Erwachsener und Kinder vor einem bunten Kunst-Bild.
Ende 2019 war das Kinderbüro in Berlin, um für die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz zu demonstrieren. Bildrechte: MDR/Achim Melde

Der Antrag wurde allerdings in den zuständigen Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe verwiesen und der hat ihn im Dezember behandelt. In der anschließenden Abstimmung lehnte der Ausschuss die Vorlage mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und AfD ab. Linksfraktion und Bündnis 90/Die Grünen votierten für eine Annahme des Antrags, während die FDP sich enthielt.

Für das Kinderbüro in Weimar ist das Thema damit allerdings noch längst nicht erledigt. Sina Solaß jedenfalls ist gespannt, mit welchen Ideen die Kinder und Jugendlichen die Politik künftig beeinflussen werden.

Wenn Kinder jetzt sehen, dass das funktioniert, wenn man sich einbringt, dann machen sie das natürlich auch später. Und genau so entsteht in der Zukunft bürgerschaftliches Engagement.

Sina Solaß, Kinderbeauftragte Stadt Weimar

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 16:01 Uhr

5 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 5 Wochen

Etwas erschreckt habe ich die ersten Kommentare auf diesen Artikel zur Kenntnis genommen. Über Rechte und deren Verankerung in Landesverfassungen oder im Grundgesetz kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Wer sich jedoch nicht dazu bekennt, dass Kinder (und Jugendliche) in unserer Zeit eines besonderen Schutzes und einer besonderen Fürsorge bedürfen, hat die Anliegen eines solchen Büros scheinbar nicht verstanden.

...oder habe am Ende ich die „Bedenkentäger“ nicht richtig verstanden ??

Ja, es geht unseren Kindern einigermaßen gut. Zumindest leben sie hier im Frieden.

Ich wünschte mir mehr Beispielfunktion unserer lieben Erwachsenen ! Wer jedoch selbst keine gute Kinderstube gehabt hat oder aus anderen Gründen nicht gut auf seine Mitmenschen zu sprechen ist, der möge doch - bitte - einmal darüber nachdenken, warum das so ist...

Liebe Dich selbst - dann klappt’s auch mit dem (kindlichen) Nachbarn !
( Aber bitte die „Liebe zum Kinde“ nicht absichtlich falsch verstehen... )

ach ja vor 5 Wochen

DOCH!!! Mehr ist dazu nicht zu schreiben, gerade wenn das aus der rumpelhaften rechten Ecke wie bei Ihnen kommt.
Mein Kind lebt in Weimar und es ist eine gute Sache, sollte jeder kleinen und großen Stadt ein Selbstverständniss sein. Danke

Demokrat vor 5 Wochen

Rechte der Kinder, ihr Schutz und Gerechtigkeit für sie stecken in Deutschland leider noch arg in den Kinderschuhen! Um so begrüßenswerter ist dieses Projekt und sein Erfolg. Wobei die Widerstände ja auch bezeichnend sind.
Kinder sind genauso wie Erwachsene Bürger und können in vielem bereits mitdenken und gestalten. Obendrein sind sie die gesellschaftliche Zukunft. Nicht nur aus demographischen Gründen kommt man an Kinder nicht vorbei. Daher ist es unabdingbar, sie einzubeziehen, anstelle etwa nur ältere Männer zum alleinigen Maßstab zu machen oder Autos mehr als Kinder zählen. Das ist auch eine Frage der Demokratie.
Zur Dringlichkeit sei nur an den Klimaschutz und die Kinderarmut erinnert. Vermutlich sind es aber gerade auch die kleineren alltäglichen Fragestellungen, die das Kinderbüro sinnvoll machen!
Der allgemeine gesetzliche Feiertag in Thüringen und irgendwann auch die Kinderrechte im Grundgesetz sind wichtige Meilensteine, aber wohl auch das Kinderbüro und andere Ansätze.

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