Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung 1919
Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung 1919. Bildrechte: dpa

Wahl zur Deutschen Nationalversammlung 1919 Weimar vor 100 Jahren das Machtzentrum deutscher Politik

Vor 100 Jahren, am 19. Januar 1919, fand die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung statt. Sie war nicht nur die erste reichsweite Wahl nach Weltkrieg und Novemberrevolution, sondern auch die erste, bei der Frauen ein aktives und passives Wahlrecht hatten. Die Wahl fand zu einer Zeit erheblicher politischer Unsicherheit statt.

Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung 1919
Eine Zeichnung von der Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in Weimar, abgedruckt in der Berliner Illustrierten Zeitung 1919. Bildrechte: dpa

Wochen zuvor hatte sich die KPD gegründet, deren Mitglieder eine Beteiligung an der Wahl ablehnten. Ihre führenden Köpfe, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, wurden nur Tage vor dem Wahlgang in Berlin ermordet. Unter diesen Eindrücken fällte das bestehende Kabinett die Entscheidung, dass sich die Nationalversammlung nicht in der Hauptstadt Berlin, sondern in Weimar konstituieren sollte.

Zu dieser Zeit war Weimar - gemessen an der Einwohnerzahl, etwa halb so groß wie heute. Viele Beamte lebten hier, mittlere Angestellte, Pensionäre - es herrschte eine gemäßigte national-liberale Stimmung. Dagegen tobten in Berlin Straßenkämpfe, der Reichstag war beschädigt, die innenpolitische Lage äußerst instabil. Weimar war das Gegenteil. Die zentral gelegene Kleinstadt war besser zu sichern als die Vier-Millionen-Metropole Berlin. Ein konservativer Journalist bemerkte trotzdem, dass die Verlegung der Regierung und des Parlaments den Bewohnern Weimars nicht ganz geheuer sei. "Die Familien, die in der Nähe des Nationaltheaters wohnen, möchten für die nächsten Wochen am liebsten verreisen, weil allerlei wilde Gerüchte erzählen, die Nationalversammlung werde 'gesprengt' werden und dabei könnten auch die umliegenden Häuser in die Luft fliegen." Später in der DDR-Zeit wurde argumentiert, dass Weimar nur gewählt worden sei, da hier der Einfluss der revolutionären "Arbeitermassen" wenig zu fürchten sei. Ganz aus der Luft gegriffen war das nicht.

Ein eigener Salon für die Damen

Für die Stadt selbst bedeutete die Entscheidung eine große Umstellung. Zweitausend Gäste wurden erwartet, darunter Hunderte Parlamentarier, zusätzlich Regierung, Beamte der Ministerien und die Presse. Die Menschen mussten innerhalb kurzer Zeit untergebracht und dann versorgt werden - all das in der Mangelsituation kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs. Der Großherzog stellte das Weimarer Schloss der Regierung, dem sogenannten Rat der Volksbeauftragten, zur Verfügung. Das Parlament sollte seinen Platz im 1907 erbauten Nationaltheater finden. Das Theater bot Platz für reichlich 400 Abgeordnete. Bühne und Zuschauerraum wurden umgebaut, die Stühle wurden eigens aus dem Berliner Reichstag gebracht. Das eigentliche Theater spielte in dieser Zeit selbstverständlich nicht im Gebäude, sondern wurde ausgelagert ins Volkshaus und andere kleinere Spielstätten. Die Abgeordneten befürchteten, dass das Theater den Ansprüchen der parlamentarischen Arbeit nicht genügen würde - es fehlten Arbeitsräume oder auch eine staatsrechtliche Bibliothek. Doch Weimar war eben nicht Berlin. Im Foyer wurde eine kleine Cafeteria eingerichtet und daneben ein Damensalon.

Funkstation und Pendelzug nach Berlin für die Abgeordneten

Mit der Entscheidung für Weimar setzte eine rege Bautätigkeit in der gesamten Stadt ein. Das Telegrafenamt wurde in der Mädchenoberschule am Theater, dem einstigen Sophienstift, untergebracht. Im Tagungsort selbst wurde eine Post und ein Fernsprechamt eingerichtet. Eine eigene Funkstation wurde aufgebaut - sie war für den direkten Draht nach Berlin dringend nötig. Beispielsweise besetzten Spartakisten ein Telegrafenamt in Westthüringen und stoppten damit die Leitungen.

Die Eisenbahn-Verbindungen von Berlin nach Weimar wurden ausgebaut. Täglich fuhr der sogenannte Parlamentszug zwischen den beiden Städten. Früh startete er in Berlin, abends gegen 18 Uhr fuhr er zurück. Die Fahrtzeit betrug in jenem Jahr rund viereinhalb Stunden. Dank einer eigens etablierten Luftverbindung gab es fortan in Weimar tagesfrische Zeitungen aus Berlin. Täglich landeten ein- bis zweimotorige Flugzeuge in Weimar am Webicht, südlich der heutigen Jenaer Straße.

Blick ins Nationaltheater Weimar 1919
Blick in die Nationalversammlung im Nationaltheater Weimar 1919 Bildrechte: Stadtarchiv Weimar

Eine schwieriges Problem stellte die Unterbringung der Abgeordneten und Beamten dar. Weimar hatte nur eine beschränkte Zahl von Hotels. Zeitungen behaupteten, damit ließe sich maximal Platz für 280 Gäste finden. Wohnungseigentümer wurden aufgerufen, Zimmer zur Verfügung zu stellen. Freilich blieben die Kapazitäten trotzdem begrenzt. Ein Großteil der gewählten Abgeordneten wohnte in der Weimarer Zeit in Privatwohnungen. Im Mietpreis der Gäste enthalten waren Frühstück, Telefonnutzung, Heizung und Licht. Den Vermietern wurden ausreichend Kohlelieferungen zugesichert. Ein Korrespondent spottete: "Man sieht die Einquartierung, soweit man selber an ihr beteiligt ist, gern. Auch wenn 'nur' die Höchstpreise bezahlt werden, stehen sich die Vermieter nicht schlecht. Außerdem soll jeder, der einen Regierungsbeamten, einen Abgeordneten, einen Pressevertreter beherbergt, reichlich Kohlen erhalten, und das ist augenblicklich eine sehr ersehnte Sache. Nur sind noch nicht Kohlen da." Das Weimarer Wohnungsamt wies den Gästen auch Speiselokale zu, wo sie mittags und abends ihr Essen serviert bekommen sollten. Die Restaurants wurden in drei Stufen eingeteilt. Im erstklassigen "Elefant" oder im "Erbprinz" beispielsweise kostete der Mittagstisch 5 Mark, das Abendessen war etwas günstiger.

Einschränkungen für die Bevölkerung

Auch wenn vermutlich viele Menschen in Weimar stolz auf die Ehre waren, dass die Nationalversammlung nun im "geistigen Zentrums Deutschlands" tagen sollte, plagten sie doch weiter enorme Alltagssorgen. Die Versorgungslage war in der Zeit nach dem Krieg im gesamten Deutschland katastrophal. Zwar sollten die Gäste ihre Essen mit Marken aus Zusatzkontingenten beziehen, dennoch zogen die Preise für das tägliche Leben deutlich an. Kohlen zum Heizen waren rar. Auch in Weimar starben während der verheerenden Grippeepidemie im Winter 1918/19 zahlreiche Menschen.
Die Menschen von Weimar mussten mit dem Umzug des Parlaments noch ein weiteres Übel auf sich nehmen. Die Innenstadt wurde in einzelne Schutzzonen eingeteilt. Der Zugang zu Straßen wurde erschwert, die Menschen mussten einen Pass mit sich führen.
Die Sicherung der Nationalversammlung wurde dem Landesjägerkorps unter General von Maercker übertragen. Anfang Februar trafen mehrere Eisenbahnzüge mit den Truppen in der Stadt ein. Rund 7.000 Mann wurden in der Stadt und im Umkreis stationiert. Sämtliche Zufahrtswege und Eisenbahnlinien sollten kontrolliert werden. Zum Schutz vor Übergriffen und Attentaten wurden rund um das Theater Maschinengewehrposten stationiert.

Wahlergebnisse zur Deutschen Nationalversammlung

Ergebnisse in Thüringen 1919
Partei Stimmen
SPD 387.056
USPD 251.764
Deutsche Demokratische Partei            246.984
DNVP 176.187
Christliche Volkspartei (Zentrum) 55.748
Ergebnisse 1919 im Deutschen Reich insgesamt
Partei Stimmen Prozent
SPD 11.400.000        37,9
Christliche Volkspartei (Zentrum) 6.000.000        19,7
DDP 5.600.000         18,5
DNVP 3.200.000         10,3
USPD 2.300.000         7,6
Sonstige 1.595.000       6,0

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2019, 06:00 Uhr

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2 Kommentare

22.01.2019 20:05 Horst Schmidt 2

Der Flugplatz war am östlichen Stadtrand Weimars rechts der Jenaer Straße. Das ehemalige Flughafengebäude steht noch (wegen Neubaus heute das 2. Haus der Stadt). Zwischen Jenaer Straße und Tiefurter Allee kann kein noch so kleines Flugzeug landen. Dort ist das Gelände entweder bewaldet oder stark abschüssig.

MDR THÜRINGEN:
Hallo Horst Schmidt, wir haben jetzt nach Ihrem Hinweis auch noch mal nachrecherchiert und sagen vielen Dank für den Hinweis. Ergänzend fanden wir dabei diesen zeitgenössischen Hinweis: "Der Flugplatz ist ca. 200 x 600 m groß. Auf der einen Längsseite ist der Wald am Webicht, die andere Längsseite fällt sehr steil nach Weimar ab. ... Der Anflug von Osten nach Westen ist sehr schön. Dagegen erfordert der Anflug von Westen nach Osten wegen hoher Hallen, die niedrig überflogen werden müssen und einen hohen Funkermast mehr Aufmerksamkeit. Es wird empfehlenswert sein, daß sich jeder Flugzeugführer den Platz vorher einmal ansieht."
https://www.junkers.de/kalenderblatt/26-april-1919-er%C3%B6ffnung-des-luftverkehrs-dessau-weimar

19.01.2019 13:07 Yvonne S 1

hallo mdr: sehr intressanter text zu weimar 1919, ich kenne die literatur ziemlich gut, aber manche details sind mir neu, wer ist autorin vom beitrag, dass ich mal anfragen kann wegen der quellen, danke


MDR THÜRINGEN:
Hallo Yvonne S! Herzlichen Dank für das nette Kompliment. Der Artikel ist von Rainer Erices.
Grüße aus dem Landesfunkhaus in Erfurt! /ls

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