Denkmalpflege Restauratoren - moderne Schatzsucher oder Künstler?

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Seit mehr als 35 Jahren arbeitet Ludwig Volkmann als Restaurator. Was fasziniert ihn so an diesem Beruf? Was tut ein Restaurator überhaupt und wie offen sind die Thüringer Bauherren für seine Ideen? Derzeit arbeitet er in Pößneck an einem ganz besonderen Schmuckstück. Diesen Samstag wird es zum ersten Mal geöffnet.

Ludwig Volkmann
Auch das Planen und Zeichnen gehört zur Arbeit des Restaurators. Bildrechte: MDR/Ludwig Volkmann

Ein solches Projekt wie das in Pößneck ist selbst für den erfahrenen Restaurator ungewöhnlich. Zum einen, weil unter dem Zementputz unglaublich viele spannende Entdeckungen konserviert wurden, zum anderen, weil nicht alle Bauherren so offen und mutig sind wie die Stadt Pößneck.

Als Ludwig Volkmann sein Konzept vorgelegt hatte, waren der Bürgermeister und die Stadträte nämlich sofort entschlossen, am Kirchplatz 15 ein Schmuckstück für ihre Stadt entstehen zu lassen. Und dass, obwohl das Ganze am Ende etwa 900.000 Euro kosten soll.

Kirchplatz 15 in Pößneck Vor der Sanierung und danach

Ein unsaniertes Haus
Bildrechte: MDR/KEWOG Städtebau GmbH
Ein unsaniertes Haus
Bildrechte: MDR/KEWOG Städtebau GmbH
Ein Haus
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Entdeckungsreise in einer Ruine

Der schönste Augenblick ist es für Ludwig Volkmann, wenn er zum allerersten Mal die Türen eines solchen Hauses öffnet: "Du weißt ja nicht, was dich erwartet. Und dann sind da plötzlich barocke Fenster oder Ornamente aus drei Epochen an den Wänden!" Aber diese Ornamente sind für den Laien lediglich Flecken - oder er sieht sie gar nichts. Es bedarf schon langer Erfahrung und einer fundierten Ausbildung, um solche Schätze zu erkennen.

Gründliche Ausbildung und viel Erfahrung

Schon während seiner Schulzeit in Pößneck hat sich Ludwig Volkmann für Kunst interessiert, für alte Sachen, für Farben und fürs Zeichnen.

Studiert hat er an der "Fachschule für Werbung und Gestaltung" in Potsdam. Volkmann erinnert sich: "Wir waren sehr autark. Irgendwie war das Studium vergleichbar mit der Situation am Bauhaus: eine gute Ausbildung, ein Chef, der hinter uns stand, die Atmosphäre, die Feste, ein politisch problematisches Umfeld."

Ein Mann deutet auf das Fenster eines Hauses
Wenn Volkmann ein solches Barock-Fenster in einem alten Haus entdeckt, begeistert ihn das. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Direkt nach seinem Abschluss begann er in Erfurt beim VEB Denkmalpflege zu arbeiten. Seit 1975 gab es ein Denkmalschutzgesetz in der DDR. Und die Architekten seien damals auch sehr sensibel mit Denkmalen umgegangen, erinnert sich Volkmann.

Als Ludwig Volkmann sich dann 1990 selbständig machte, hatte vor allem in Erfurt viele Projekte. Weil er sich schon vor 1987 in der Bürgerinitiative zum Schutz des Andreasviertels in Erfurt engagiert hatte, kannte er die Substanz der Gebäude gut.

Restaurator ist nicht gleich Restaurator

Ein Restaurator braucht nicht nur handwerkliche Fähigkeiten. Er muss sich in Kunstgeschichte auskennen, historische und gestalterische Zusammenhänge verstehen und auch Pläne lesen und zeichnen können.

Ein Restaurator untersucht mit einem Skalpell eine Türzarge.
Mit dem Skalpell wird Schicht um Schicht vorsichtig abgetragen. Quasi eine "Reise durch die Baugeschichte". Bildrechte: MDR/Jan Kobel

Eine akademische Ausbildung für seinen Beruf gibt es erst seit 1975. Vorher waren Restauratoren Autodidakten. "Dadurch wurden schon wirklich viele Originale stark beeinträchtigt, weil es noch keine so ausgeprägten methodischen Ansätze gegeben hat, wie das heute der Fall ist" sagt Volkmann.

Heute gibt es neben den Diplom-Restauratoren noch die "Restauratoren im Handwerk" - Maler und Zimmerleute beispielsweise, die über sehr fundierte Kenntnisse verfügen. Das Problem: sie sind sehr spezialisiert und sehen oft nicht das ganze Objekt.

Bürgerhaus in Pößneck wird zum Schmuckstück

Regelrechte bauhistorische Schätze hat man unter den alten Putzschichten entdeckt. Jetzt ist der erste Bauabschnitt abgeschlossen und die neue Fassade kann am Kirchplatz in Pößneck bewundert werden.

Kirchplatz Pößneck
Dieses Bild des Hauses fand Ludwig Volkmann im Stadtarchiv. Bildrechte: MDR/Ludwig Volkmann
Kirchplatz Pößneck
Dieses Bild des Hauses fand Ludwig Volkmann im Stadtarchiv. Bildrechte: MDR/Ludwig Volkmann
Ein unsaniertes Haus
Am Erker des Hauses zeigte sich unter dickem Zementputz Erstaunliches. Bildrechte: KEWOG Städtebau GmbH
Der Erker eines Hauses
Die Farben und Ornamente waren quasi konserviert worden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Der Innenhof eines Hauses
Blick in den Hinterhof: Auch hier ist die Fassade fertig. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Zimmer im Rohbau
Hier entstehen Wohnungen. Den Innenausbau übernimmt dann der künftige Vermieter. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Unsanierte Wand
Ob solche "Fenster in die Vergangenheit" sichtbar bleiben, ist noch nicht klar. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das Fenster eines Hauses
Außen wird aber an die verschiedenen Umbauten des Hauses erinnert. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Raum in einem unsanierten Haus
Wandschmuck aus verschiedenen Epochen kam während der Sanierung zum Vorschein. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Raum in einem unsanierten Haus
Das Dach war mit alten Zeitungen gedämmt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Raum in einem unsanierten Haus
Die alten Türen wurden gesichert. Auch sie sind Zeitdokumente. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Raum in einem unsanierten Haus
Beim Abriss kamen immer wieder solche Schmuckstücke zum Vorschein. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Raum in einem unsanierten Haus
Das Treppengeländer sieht aus wie aus dem Barock. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ornament über einer Tür
Das Portal kann sich jetzt wieder sehen lassen. Am Samstag öffnet es sich erstmals für Besucher. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Beratung spart Kosten

Immer öfter werden Restauratoren um eine erste Einschätzung gebeten, wenn ein altes Gemäuer saniert werden soll. Denn das kann Bauherren vor bösen Überraschungen bewahren. Und es kann helfen, wenn man beispielsweise Fördermittel beantragen möchte. Der Restaurator untersucht dann Schicht für Schicht und gemeinsam mit dem Denkmalamt und dem Bauherren wird dann entschieden, welche der Schichten die wichtigste ist. Und was tatsächlich restauriert werden kann und muss.

Das Bürgerhaus in Pößneck

So war es auch in Pößneck. Eines der historisch wichtigsten Gebäude der Stadt steht am Kirchplatz 15. Im Jahr 2008 stand es noch zu 90 Prozent leer. 2013 hat sich die Stadt dann des Hauses angenommen.

Ein Mann steht in der Tür eines Hauses
Frank Bachmann, Bauamtsleiter in Pößneck, vor dem Portal seines neuen Schmuckstücks. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Es wurde beraten und geplant, im Archiv recherchiert und schließlich entschieden. Und jetzt ist der erste Bauabschnitt beendet. 2021 soll der Rohbau fertig sein, danach entstehen Wohnungen im Inneren. Frank Bachmann ist in Pößneck verantwortlich für Bau und Stadtentwicklung. Er versichert, dass die Wohnungen günstig zu haben sein werden. Für ihn ist dieses Projekt ein Höhepunkt seiner Arbeit: "Ich bin schon stolz darauf, dass Pößneck solche Schätze hat und auch, dass unser Stadtrat den Mut hatte, so ein Projekt anzugehen."

Mit der Arbeit seines Restaurators ist er sehr zufrieden. Zumal Ludwig Volkmann sogar aus Pößneck stammt. Und er hat hier schon andere Projekte betreut und sich einen guten Ruf aufgebaut. Trotzdem ist die Zusammenarbeit nicht immer einfach. Denn schließlich muss der Bauherr auch immer aufs Geld achten. Doch eins ist klar: "Abgerissen ist sowas schnell. Aber Identität und Verbindung zur Region schaffen Sie über solche Objekte. Und das ist es, was Menschen stolz auf ihre Stadt macht."

Recherche und Schatzsuche

Oft beginnt die Recherche direkt am Objekt, ohne, dass man sich näher mit den historischen Voraussetzungen auseinandersetzt. So begann Volkmann, den Putz Schicht für Schicht abzutragen, um zu sehen, was dieses Haus für Schätze versteckt. Er fand beispielsweise Schichten aus dem Jugendstil und aus dem Barock.

Dazu kam dann die einzigartige Malerei an der Fassade. Es ist schon sehr selten, dass eine solch besondere Farbgestaltung an einer Fassade noch anzutreffen ist, berichtet er. Und schließlich wollte er sich tiefer einfühlen in die Geschichte des Hauses und begann auf eigene Faust erste Recherchen im Stadtarchiv.

Dabei stieß Volkmann auf den Pößnecker Heimatforscher Hans­Walter Enkelmann, mit dem er sich traf und dessen eigene Neugier auf das Haus weiter anfachen und mobilisieren konnte, so dass es heute zur Nutzungsgeschichte einige neue Erkenntnisse gibt.

Restaurierte Farbdetails an der Fassade

Kirchplatz Pößneck
Bildrechte: MDR/Ludwig Volkmann
Kirchplatz Pößneck
Bildrechte: MDR/Ludwig Volkmann
Kirchplatz Pößneck
Bildrechte: MDR/Ludwig Volkmann
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Mein ganz besonderer Anspruch ist es dann zu erfahren, was waren das für Leute, die so etwas gebaut haben? Was gehört da an Geschichte noch dazu?  

Ludwig Volkmann

Nicht alles ist erhaltenswert und machbar. Wie kann dieser Ort genutzt werden? Und wie können Kosten ausgewogen werden? Aus all dem entwickelt der Restaurator ein Konzept, das dem Bauherren vorgelegt wird. Der muss dann am Ende entscheiden, was davon umsetzt wird. Am Kirchplatz 15 in Pößneck kann jetzt jeder sehen, wie das im besten Fall gelingen kann.

Ludwig Volkmann - Werdegang Schulausbildung in Pößneck
Malerlehre in Weimar beim VEB Denkmalpflege
Vergebliche Bewerbung an der "Fachschule für Werbung und Gestaltung" in Potsdam
Armeezeit
Erneute Bewerbung in Potsdam, diesmal erfolgreich
Nach Abschluss des Studiums:
VEB Denkmalpflege in Erfurt (Arbeit an den Schlössern in Gotha und Weimar und am historischen Kern von Erfurt)
Aufnahme in den Restauratorenfachverband im VbK, heute VDR (Verband der Restauratoren)
1990 Gründung des Atelier COREON mit mehreren Angestellten

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 30. November 2019 | 18:00 Uhr

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