Eine Frau, deren Gesicht nicht zu erkennen ist, weil sie Angst hat, es zu zeigen, blickt aus dem Fenster.
Die Lehrerin möchte ihr Gesicht nicht zeigen. Sie hat Angst. Nahezu alle ihre Bekannten wählen die AfD. Bildrechte: Grit Hasselmann / MDR

Wahlkampf in sozialen Medien AfD wirbt offensiv um Russlanddeutsche

Seit 1950 siedelten 2,5 Millionen Menschen aus Russland und den alten Sowjetrepubliken nach Deutschland über. Heute leben etwa 3,5 Millionen Russlanddeutsche in der Bundesrepublik. Die AfD wirbt sehr um diese Wählergruppe. Inzwischen gibt es in der Partei sogar ein eigenes Netzwerk für Russlanddeutsche. Auch bei den Pegida-Demos laufen sehr viele mit. Warum das so ist, darüber sprachen wir mit einer Frau aus Kasachstan. Eine Freundin war zum Übersetzen dabei.

von Grit Hasselmann

Eine Frau, deren Gesicht nicht zu erkennen ist, weil sie Angst hat, es zu zeigen, blickt aus dem Fenster.
Die Lehrerin möchte ihr Gesicht nicht zeigen. Sie hat Angst. Nahezu alle ihre Bekannten wählen die AfD. Bildrechte: Grit Hasselmann / MDR

Die beiden Frauen wirken nervös, als wir uns zu unserem Gespräch treffen. Ob es auch wirklich sicher sei, dass niemand sie erkennen würde, wollen sie wissen. Während wir reden, wird klar, warum das so ist. Erst die extreme Aggressivität der AfD hätte ihr die Augen geöffnet, erzählt Natascha R. (Namen geändert). Nachdem sie das Wahlprogramm gelesen hatte, wollte sie ja selber diese Partei wählen. "Mir hat gefallen, dass die AfD sich so um die Familie kümmert. Dass mehr Wert auf Kinder gelegt werden soll, dass Mütter und ihre Leistung anerkannt werden. Und dass Familien sicher leben sollen in Deutschland." Doch dann tauchten bei "odnoklassniki" (einem sozialen Netzwerk) immer wieder und immer mehr Posts der AfD auf, die sie zum Nachdenken brachten. 

Politik war ihr immer völlig gleichgültig

Dabei hat Natascha sich früher nie für Politik interessiert. Seit sie Kinder hat, ist das anders. Die Lehrerin fühlt sich aber verantwortlich für die Zukunft ihrer Töchter und deshalb findet sie das heute schon wichtig.

Screenshot der Website https://ok.ru/afdrus
Auf der Seite "odnoklassniki" wird der Ton der AfD immer rauher. Das Russisch allerdings ist perfekt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Mein Interesse für die AfD wurde geweckt, weil da endlich jemand ein Konzept hatte, wie man mit der massenhaften Zuwanderung von Ausländern umgehen sollte. Außerdem waren alle meine Bekannten und Freunde unter den Russlanddeutschen für die AfD. Aber wirklich alle. Junge wie Alte."

Doch dann wurde sie stutzig. Immer aggressiver wurde der Ton der Texte. Sie fühlte sich regelrecht unter Druck gesetzt. " Täglich wurde gegen Flüchtlinge gewettert. Immer wieder gab es unbewiesene Berichte von Straftaten. Man wurde aufgerufen, auf die Straße zu gehen, zu demonstrieren, selbst für Sicherheit zu sorgen." Nur die AfD schien bereit und fähig zu sein, das "Ausländer-Problem" zu lösen. "Sie sagten, die müssten alle wieder zurück. Erst dann würde wieder Ruhe einkehren in Deutschland. Aber man kann doch nicht alle rauswerfen." Auch ihr Umfeld wurde zunehmend von dieser Aggressivität angesteckt. Das brachte Natascha schließlich dazu, sich von der AfD abzuwenden. Zumal außer den Slogans nicht wirklich inhaltlich tragbare Vorschläge kamen.

Die zunehmende Gewalt macht ihr Sorgen

Aber wie können Menschen, die selbst aus fremden Ländern hierherkamen, so positiv auf die Ausländerfeindlichkeit der AfD reagieren? Fühlen sie sich nicht selbst davon angegriffen? "Nein, auf keinen Fall." sagt Natascha. "Ich habe einen deutschen Pass, meine kleine Tochter ist hier geboren, ich habe mich da nie angegriffen gefühlt. Ich habe nur Angst vor einem Krieg. Denn Gewalt erzeugt immer nur mehr Gewalt."

Für Natascha liegt der Grund für den Erfolg unter Russlanddeutschen auf der Hand: "Die russischen Menschen betrachten die AfD tatsächlich als beste Alternative für Deutschland. Sie haben Angst vor dieser Ausländerflut und fühlen sich in ihrem Leben nicht mehr sicher. Und sie wollen keine Angst mehr haben.

Es ging immer nur um dieses eine Thema." Andere Parteien hatten im Netzwerk keinen Kontakt zu den Russlanddeutschen gesucht. Natascha hatte intensiv danach gesucht. Gefunden hat sie nichts. Immer nur neue Texte von der AfD.

Leben in Sicherheit und ohne Angst

Diese Texte waren übrigens aus Nataschas Sicht eindeutig von einem Muttersprachler geschrieben. Das Russisch war perfekt. Und Natascha kann das als Lehrerin gut einschätzen. Sie kam mit ihrer Familie 2005 nach Thüringen. In Kasachstan war sie als Russin mit deutschen Wurzeln immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Als sogar die Rede davon war, dass alle Russen enteignet und verjagt werden sollten, floh sie zunächst nach Russland. Doch seit dem Ende der Sowjetunion hatte sich auch dort vieles verändert: "Die Kriminalität wuchs. Wir hatten tatsächlich Angst um unser Leben, um das unserer Familien. Es gab Explosionen, viele Männer hatten plötzlich Waffen, Bürgerwehren gründeten sich. Die Politik war völlig korrupt." Da klang das Versprechen der AfD für Sicherheit zu sorgen, für Ordnung, für Ruhe natürlich besonders gut. Denn das hatten die Russlanddeutschen vor ihrer Auswanderung am meisten vermisst.

Sehnsucht nach einer starken Führung

Aber die Sowjetunion hat die Nazis bekämpft, unglaublich viele Menschen waren in diesem Kampf umgekommen. Gerade deshalb überrascht die große Begeisterung der Russlanddeutschen für die AfD.

Natascha wundert das nicht: "Niemand sieht die AfD als Nazis. Man sieht sie bei uns als starke Partei, die uns schützt und uns Sicherheit bringt. Frau Merkel wird als schwach dargestellt, in Deutschland scheint alles drunter und drüber zu gehen. Videos von Straftaten der Ausländer sieht man immer wieder im Netzwerk."

Die Angst ist überall, sagt Natascha. Eine Freundin von ihr ist in München gerade extra umgezogen, weil sie sich in einem russischen Wohnviertel sicherer fühlt und ihre Kinder dort besser beschützt werden können. So schlimm empfindet sie es hier nicht. Aber dennoch macht sie sich zunehmend Sorgen um die Sicherheit ihrer Töchter. "Und je mehr ich im Netz die Texte der AfD über die Probleme mit den Ausländern und ihrer Kriminalität lese, umso schlimmer wird das." Aus den russischen sozialen Netzwerken abmelden will sie sich dennoch nicht. "Das ist schließlich meine einzige Verbindung zur alten Heimat."

Gewählt hat sie dann aber doch eine andere Partei. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Zuletzt aktualisiert: 28. April 2018, 14:33 Uhr

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47 Kommentare

30.04.2018 11:22 andre 47

Billiger als die AFD es macht, geht es wohl kaum noch! Armeseliger Haufen, manipulieren Menschen mit deren Ängsten, weswegen die zu uns gekommen sind um sie dann zu ihren Wählern zu machen, unterste Schublade!!!

30.04.2018 02:02 Ex - Thüringerin Jg. 1948 46

Echte "Patrioten" wie @45. Agnostiker lassen selbst bei Personen mit (nachzuweisenden) deutschen Wurzeln nicht die Gelegenheit vorüberziehen, den Bogen zu ihrem Lieblingsthema "Flüchtlinge" zu spannen.

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