Soforthilfe Solo-Selbstständige: Corona-Krise vernichtet komplette Existenz

Matthias Eckerts fotografiert schon seit über 20 Jahren. Künstler, wie die bundesweit erfolgreiche Alin-Coen-Band, die Schauspielerin Rosemarie Deibel oder die Schriftsteller Wolfgang Held und Eva Schloss standen schon vor seiner Kamera, ebenso wie die Politiker Gregor Gysi, Bodo Ramelow, Mike Mohring, Jörg Geibert und Stefan Wolf. Menschen faszinieren ihn einfach und seine Fotos waren von den USA über Kroatien bis nach Australien schon auf der ganzen Welt zu sehen.

Fotograf Matthias Eckert in Weimar
Wenn man zum Innehalten gezwungen ist, muss man so viel Kraft tanken wie möglich, findet Matthias Eckert. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

"Mein Büro war noch nie so ordentlich wie jetzt" erzählt er und klingt dabei ziemlich traurig. Für jemanden, der es gewohnt ist, immer unter Strom zu stehen, ist die Ruhe derzeit manchmal kaum zu ertragen. Manchmal klingelt das Telefon den ganzen Tag nicht, das Mail-Postfach bleibt leer.

Es ist einfach ein komisches Gefühl, so gar nicht gefragt zu sein.

Matthias Eckert

Und dann kommen die wirtschaftlichen Sorgen dazu. Inzwischen sind alle Rücklagen aufgebraucht. Aufträge gibt es keine. Und vor allem keine Vision, wie es weitergehen soll. Schon Ende März hatte Matthias Eckert die Soforthilfe für Solo-Selbständige bei der IHK beantragt. In Thüringen prüft zunächst die IHK die Unterlagen, bevor sie an die Aufbaubank weiter geleitet werden.

Solo-Selbständig Matthias Eckert: Solo-Selbständiger aus Weimar

Seit zwanzig Jahren arbeitet Matthias Eckert schon selbständig. Die Vielseitigkeit ist das Spannendste an seinem Job.

Matthias Eckerts Fotoarchiv
So hat damals alles angefangen: Matthias Eckert in seinem ersten Büro. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
Matthias Eckerts Fotoarchiv
So hat damals alles angefangen: Matthias Eckert in seinem ersten Büro. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
Matthias Eckerts Fotoarchiv
Als Fotograf beim "Apolda European Design Award". Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
Fotograf Matthias Eckert in Weimar
Das Büro ist leer, der Schreibtisch auch. Matthias Eckert kommt trotzdem jeden Tag her. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Bei einer Ausstellungseröffnung mit seinen Fotos im Businessloft Erfurt (2017). Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
Fotograf Matthias Eckert in Weimar
Im Garten des Kirms-Krackow-Hauses in Weimar findet er Entspannung. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Ministerpräsident Bodo Ramelow in Eckerts Fotostudio nach einem Fotoshooting (2017). Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
Ein Mann am Schlagzeug
In den 90er Jahren hat Matthias Eckert noch hauptberuflich Musik gemacht. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
Fotograf Matthias Eckert in Weimar
Die Kontaktsperre macht Matthias Eckert traurig. Ihm fehlen die Menschen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Beim Foto-Shooting für Petra Hermanns Buch "Weimarer Mundart" (Eckhaus-Verlag). Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Bei der Vorstellung der Chronik "20 Jahre Kunstverein Apolda". (v.l.: Hans Jürgen Giese, Geschäftsführer Kunstverein Apolda Avantgarde, Wolfgang Leißling, Autor, Matthias Eckert) Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Foto-Shooting in einer Jenaer Zahnarztpraxis. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Bei einem Model-Shooting in Hamm - auch das ist vorerst nicht mehr möglich. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Eckert gibt auch regelmäßig Fotokurse. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Hier ein Workshop im Jahr 2016. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Er selbst fotografiert sehr gerne Porträts. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Auch für die Stadtwerke Erfurt hat er 2015 gearbeitet. Bildrechte: eyespalast/Matthias Eckert
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Dann passierte erstmal nichts. Zumindest nicht auf seinem Konto. Stattdessen: fast täglich neue Informationen, Regelungen, Verordnungen. Die Verwirrung bei den Solo-Selbstständigen in Thüringen war groß. Zwischenbescheide kamen keine, Nachfragen sollte man aber auch nicht, da die Thüringer Aufbaubank einfach extrem viele Anträge zu bearbeiten hatte.

Wartezeit auf Soforthilfe sehr lang

An sich hatte Matthias Eckert es als angenehm empfunden, dass der Staat sofort erklärt hatte, zu helfen. Und auch der Antrag selbst sei überraschend einfach zu stellen gewesen, so Eckert. Dass aber wochenlang nichts passierte, war schwer auszuhalten. Das bestätigten ihm auch Freunde und Bekannte.

Fotograf Matthias Eckert in Weimar
Sein Büro ist aufgeräumt wie lange nicht. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Mieten mussten bezahlt werden, auch um Krankenversicherung und Altersvorsorge müssen Selbstständige sich alleine kümmern. "Ich bin derzeit wirklich froh, dass ich keine Angestellten habe, für die ich verantwortlich bin", sagt Eckert. Für ihn wird derzeit gerade klar, wie viel hierzulande auf Kante genäht ist. Matthias Eckert: "Ich fürchte nur leider, dass wir nichts daraus lernen, wir machen nach Corona einfach weiter wie vorher". Schon jetzt beobachtet er vieles, was ihn wirklich ärgert: "Die Leute sind nur so lange vernünftig, wie es sie nicht selber beeinträchtigt. Und dann gibt es tatsächlich welche, die die staatlichen Zuschüsse benutzen, um auszugleichen, dass sie schon vorher extrem schlecht gewirtschaftet haben."

Krisen sind ihm nicht neu

Matthias Eckert weiß, wovon er da spricht. Seit fast 20 Jahren ist er jetzt selbständig. In Apolda hatte damals alles angefangen - mit Werbung. Fotografie und Öffentlichkeitsarbeit kamen dazu, die Firma wuchs, hatte bald mehrere Angestellte. Und dann, vor etwa fünf Jahren, war das alles vorbei. Es kriselte heftig, das Wasser stand ihm buchstäblich bis zum Hals. Doch Aufgeben ist nicht seine Art. Er hat sich durchgebissen.

Das Geschäft hat er umstrukturiert und nach Weimar verlegt. Und sich dann durch wirklich schwierige Zeiten gekämpft. Das blieb auch gesundheitlich nicht ohne Folgen, er habe, so Eckert, im "Notmodus" funktioniert. Und ganz mühsam, Stück für Stück, Jahr für Jahr, hat er seine Schulden abgebaut. Hat jeden Auftrag angenommen, war ständig unter Druck. Ende 2019 war es dann geschafft: erstmals seit zehn Jahren schrieb er keine roten Zahlen mehr. Jetzt wollte Matthias Eckert endlich wieder kreativ arbeiten, so richtig durchstarten. Ein völlig neues Kapitel wollte er aufschlagen. Und mitten in diesem Schwung wird alles komplett gestoppt, von einem Tag auf den anderen total ausgebremst.

Plötzlich kannst du nicht mehr selbst agieren, alles wird dir aus der Hand genommen. Das war furchtbar.

Matthias Eckert

Eckert vergleicht Corona mit der Tschernobyl-Katastrophe oder mit der AIDS- Krise. Wenig Infos, keine Medikamente, die Gefahr wird von vielen unterschätzt, weil sie unsichtbar ist. Er stellt die Entscheidungen der Regierung definitiv nicht in Frage. Obwohl sie ihn natürlich extrem treffen.

Eckert vermisst die Menschen

Alle Rücklagen sind mittlerweile futsch, Ausstellungen, für die er Aufträge hatte, sind verschoben oder abgesagt. Über neue Aufträge redet noch niemand. Sein Mann arbeitet glücklicherweise im öffentlichen Dienst, die Lebenshaltungskosten sind also kein Thema. Und natürlich hätte er für die abgesagten Aufträge Ausfallhonorare stellen können. Aber das lässt sein Gewissen nicht zu: "Das sind teilweise langjährige Partner. Und die haben jetzt selber Probleme. Da kann ich das einfach nicht."

Fotograf Matthias Eckert in Weimar
Ungewohnte Position: Normalerweise sitzen hier seine Kunden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Schlimmer ist das Herzblut, das in den angefangenen Projekten steckt. Selbst wenn die eine oder andere Ausstellung nachgeholt wird, das ist dann nicht das Gleiche, so Eckert: "Weg ist weg, das kann man nicht nachholen". Was ihm aber so richtig zu schaffen macht, sind die Kontaktbeschränkungen. In seiner Arbeit hat er immer mit Menschen zu tun. Jeden Tag trifft er eigentlich völlig verschiedene Charaktere. Das ist etwas, was ihm wirklich fehlt derzeit. Und so versucht Matthias Eckert, geistig beweglich zu bleiben und Kraft zu tanken. Damit er dann, wenn es wieder losgeht, so richtig durchstarten kann. Ein weiteres Mal.

Soforthilfe mit Bedingungen

Seit 30. März stehen den Ländern die Soforthilfen des Bundes für kleine Unternehmen zur Verfügung, die zügig an Selbstständige ausgezahlt werden sollen. Zentrales Problem der Bundeshilfe ist der Grundsatz "kein Geld für Lebenshaltungskosten". Das gilt bis auf wenige Ausnahmen und einige Sondermittel für Kulturschaffende inzwischen bundesweit. In Thüringen sind zumindest Beiträge zur Krankenversicherung und Altersvorsorge anrechenbar.

Alltagshelden in Thüringen Hier - unter dem Label "Alltagshelden in Thüringen" - erzählen wir in loser Folge Geschichten von Menschen aus Thüringen, die während der Corona-Krise für andere da sind. #miteinanderstark

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 01. Mai 2020 | 19:00 Uhr

19 Kommentare

mattotaupa vor 20 Wochen

" ohne das die Schweden mit den gravierenden auch gesundheitlichen Folgen des shut downs leben müssen" korrekt, tote müssen nicht mit gesundheitlichen einschränkungen leben. "Herdenimmunität" wie oft muß dieser schmarrn noch widerlegt werden? die schweden zielen gar nicht darauf ab und deren "dax" schmierte vergleichbar ab.

mattotaupa vor 20 Wochen

"Ich weise darauf hin, das die Regierung mit ihren Entscheidungen auch für die Folgen ihrer Entscheidungen verantwortlich ist." und wenn die regierung gar nichts entschieden hätte? wäre die dann nicht verantwortlich? würden sie zustände wie in italien akzeptieren, weil ein shutdown keine perfekte lösung ist? jede regierung der welt ist sich im klaren, daß ein shutdown ungerechtigkeiten produziert aber ein "weiter so" ist viel ungerechter und für die toten auch endgültiger.

ralf meier vor 20 Wochen

@Peter: Schade, kaum bestätige ich Ihnen mal eine schlüssige Argumentation, beweisen Sie mir in der nächsten Rückmeldung mal wieder, das Sie es auch anders können. Ich meine selbstverständlich nicht, das die Schweden alles so laufen lassen und habe das auch nicht behauptet. Wenn Sie den von mir zitierten Artikel lesen, werden sie feststellen, das die Annahme einer Herdenimunität auf einer statistischen Analyse beruht. Das solche Statistiken sich wg der Inkubationszeit erst etwa 2 Wochen später validieren lassen, sollte Ihnen bekannt sein. Es wurde hier oft genug im Zusammenhang mit dem shutdown erwähnt, der erst beschlossen wurde, als die Corona Reproduktionsrate schon unter 1 war.

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