Stadtrat Wolfram Wiese im Kofferraum seines Autos.
Das Auto war wochenlang die "Wahlkampfzentrale": Wolfram Wiese ist als parteiloser Kandidat für den Weimarer Stadtrat angetreten, stand jedoch auf der Liste der SPD. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Kommunalwahl-Nachlese Wolfram Wiese: Ohne Wahlplakate zum Stadtrat in Weimar

Vom Elternsprecher zum Stadtrat: Wolfram Wiese ist als parteiloser Kandidat neu im Weimarer Rat. Wie sein Wahlkampf ablief, wie er ganz ohne Plakate 478 Stimmen holen konnte - und warum er dabei fünf Kilo abgenommen hat.

von Grit Hasselmann

Stadtrat Wolfram Wiese im Kofferraum seines Autos.
Das Auto war wochenlang die "Wahlkampfzentrale": Wolfram Wiese ist als parteiloser Kandidat für den Weimarer Stadtrat angetreten, stand jedoch auf der Liste der SPD. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Wolfram Wiese lebt seit zehn Jahren in Weimar. Fast genauso lange arbeitet er in der Stadt als Elternsprecher. Erst im Kindergarten, später in der Schule seiner Kinder. Eigentlich wollte er auf diesem Weg Leute kennenlernen, in der neuen Heimat ankommen. Doch Wolfram Wiese kann nichts nur "ein bisschen" machen. Am Ende war er sogar Stadt-Elternsprecher der Weimarer Grundschulen. "Meine Tochter dachte bis vor kurzem, das wäre mein Beruf", sagt Wiese schmunzelnd. Doch inzwischen sind die Kinder groß. Und so hat Wolfram Wiese entschieden, noch einen draufzulegen - und für den Stadtrat zu kandidieren. Seine Familie unterstützt ihn dabei voll und ganz.

Sein Thema: Probleme der Weimarer Eltern

Wolfram Wiese sitzt vor einer Karte von Weimar
Stadtrat Wolfram Wiese mit einer Karte von Weimar: Während des Wahlkampfes hat er seine Stadt noch besser kennen gelernt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Nach vielen Jahren als Elternsprecher wollte Wolfram Wiese in Weimar nicht länger an die immer gleichen Grenzen stoßen - und Einfluss nehmen auf die Geschicke der Stadt. Er will vor allem für die Belange von Eltern eintreten und für Bildungspolitik. Und das eben unparteiisch. Deshalb will er auch in keine Partei eintreten. Weil es dann aber doch zu schwierig ist, eine eigene Liste aufzustellen für die Kommunalwahl, hat er entschieden, sich einer Liste anzuschließen. So landete er auf Platz 37 der SPD-Liste. So richtig hat er nicht geglaubt, dass es am Ende wirklich für den Stadtrat reicht.

Wahlkampf als Einzelkämpfer

Trotzdem hat er sich mit aller Kraft in den Wahlkampf gestürzt. Eine Anleitung gibt es dafür nicht. Auch keine Kurse oder Budgets.

Karte von Weimar und Wahlkampf-Flyer von Wolfram Wiese.
10.000 Handzettel hat Wolfram Wiese drucken lassen. Verteilen musste er sie selbst, die Wege hat er auf einer Karte eingezeichnet. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

10.000 Flyer hat Wolfram Wiese zunächst drucken lassen. Weil es viel zu teuer gewesen wäre, die von Profis verteilen zu lassen, hat sich Wiese selber auf den Weg gemacht. Mit Unterstützung seines Sohnes, der sich damit auch ein bisschen sein Taschengeld aufbessern konnte, ist er durch Weimar gelaufen und hat die Flyer in die Briefkästen gesteckt. Als alle verteilt waren, hatte er schon so viel Spaß an der Tour, dass er Flyer nachbestellt hat. Wie viele Kilometer er durch die Stadt gelaufen ist, kann Wiese nicht genau sagen. Auf jeden Fall hat er fünf Kilogramm abgenommen dabei und Ecken von Weimar entdeckt, die ihm bisher völlig unbekannt waren. Und das, obwohl er seit zehn Jahren in der Stadt lebt.

Soziale Medien als neues Element

Über die Höhepunkte seiner Wanderung hielt er die Weimarer zusätzlich noch über die sozialen Medien auf dem Laufenden. Schließlich ist das auch sein Beruf. Er ist Unternehmensberater, spezialisiert auf Facebook. Und dieses Element ist noch relativ neu im Wahlkampf und vor allem interaktiv.

Wolfram Wiese musste auch Kritik verkraften. "Bei Facebook schreiben die Leute halt auch Sachen, die sie dir direkt nie sagen würden." Denn auch das hat er gemacht: sich am Stand in verschiedenen Stadtvierteln dem direkten Gespräch und den Fragen der Wähler gestellt. Lediglich auf eigene Plakate hat Wolfram Wiese im Wahlkampf verzichtet: "Das ist für mich irgendwie Verschwendung von Ressourcen. Auch wenn sie wiederverwendbar oder kompostierbar sind. Aber das Plakatieren wird wohl nur aufhören, wenn alle Parteien dabei mitmachen."

Wahlkampf-Zettel von Wolfram Wiese an einem Tor
Das Stadtgebiet von Weimar ist weitläufig. Um möglichst viele potenzielle Wähler zu erreichen, ist Wolfram Wiese viel gelaufen und hat seine Flyer selbst verteilt. Bildrechte: Wolfram Wiese

Wahltag: Die Mühe hat sich gelohnt

Am Sonntag war dann die Wahl. Die Auszählung zog sich hin. Aber irgendwann stand fest: Wolfram Wiese bekommt 478 Stimmen und damit einen der Sitze der SPD im Weimarer Stadtrat. Seine Familie hat er als Dankeschön für die Unterstützung und das Verständnis am Montag zum Essen eingeladen. Vielleicht auch ein wenig in dem Wissen, dass es ja jetzt eigentlich erst losgeht. Die Arbeit im Stadtrat beginnt.

Der parteilose Weimarer Stadtrat Wolfram Wiese.
Geschafft: Die Mühe hat sich gelohnt, Wolfram Wiese ist neues Mitglied im Stadtrat. Das hat er aus eigener Kraft geschafft, denn auf der SPD-Liste stand er "nur" auf Platz 37. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 01. Juni 2019 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2019, 11:06 Uhr

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7 Kommentare

03.06.2019 05:31 Karl Stülpner 7

Schade, wieder einer, der ein Ehrenamt als Sprungbrett genommen hat. Ich meine, dass er es ohne den "Elternsprecher" nicht geschafft hätte.
Über solche Verbindungen kann ich mich nicht freuen. Arme Eltern sozusagen.

02.06.2019 12:50 Mirko Kappe 6

Aber warum dies als Parteikader der SPD? So eine profillose Partei zieht einen in so einem engagierten Wahlkampf doch nur runter. Er hätte noch viel mehr Stimmen holen können.

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