Waldorfschule Weimar kommt nach Gewaltvorwürfen nicht zur Ruhe

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Die Freie Waldorfschule Weimar steckt in einer Krise. Von einem "tiefen Riss" berichten Betroffene, von großem Vertrauensverlust. Außerdem laufen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen einige Lehrer und eine schulaufsichtliche Prüfung. Die Existenz der Schule steht auf dem Spiel. In dieser Situation versuchen Trägerverein und Schulleitung, die Strukturen so zu verändern, dass die Schule künftig wieder ein guter Ort zum Lernen und Leben für die Kinder ist.

Das Gebäude der Freien Waldorfschule Weimar von außen
Die Freie Waldorfschule Weimar von außen Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Claudia P. hat ihren Schulvertrag fristlos gekündigt, ihr Sohn ist derzeit krankgeschrieben und wird nach dem Lockdown eine andere Schule besuchen. "Es kann doch nicht sein, dass die Lehrerin vor der ganzen Klasse sagt, mein Sohn wäre ein komisches Kind und man solle besser nicht mit ihm befreundet sein!" Laut Claudia P. war das der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Immer wieder war ihr Sohn weinend aus der Schule gekommen, wenn er bei dieser einen Lehrerin Unterricht hatte. "Ich habe mehrfach versucht, das im Gespräch zu klären", erzählt die Mutter. "Leider vergeblich. Deshalb habe ich jetzt die Notbremse gezogen."

Eine Frau und ein Kind sitzen an einem Tisch
Musste die "Notbremse ziehen" - Mutter Claudia P. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In einem offenen Brief an die Waldorfschule hatten vor einem Jahr zunächst Schüler und dann auch mehrere Eltern von "Übergriffigkeiten durch Lehrer und Lehrerinnen unserer Schule" berichtet und den Umgang der Schule mit dem Thema "körperliche und seelische Gewalt in der Erziehung" kritisiert. Auch das Bildungsministerium wurde damals informiert.

Laut dessen Aussage ist noch am selben Tag das Schulamt Mittelthüringen als Schulaufsichtsbehörde mit der Klärung der Vorwürfe beauftragt worden. Dabei kam es laut Ministerium zu weiteren "quantitativ und qualitativ substanziellen Elternbeschwerden". Deshalb wurde eine schulaufsichtliche Prüfung eingeleitet, die derzeit noch andauert. Aus dem Ministerium heißt es:

Gewalt auf dem Schulhof - Schülergruppe tritt einen wehrlos am Boden liegenden Jungen
Aufruf zum Mobbing durch den Lehrer? Bildrechte: imago/bonn-sequenz

Gegenstand der aktuellen Prüfung ist auch, ob die Voraussetzungen des § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 des Thüringer Gesetzes über Schulen in freier Trägerschaft (ThürSchfTG) noch gegeben ist.

Thüringer Bildungsministerium

Das heißt, sowohl die Genehmigung zum Schulbetrieb als auch die Eignung des Schulträgers werden geprüft, die Existenz der Waldorfschule Weimar steht auf dem Spiel.

Auf der Tagesordnung des Thüringer Landtags stand am Freitag auch die Änderung des Thüringer Gesetzes über Schulen in freier Trägerschaft. Es ging dabei vor allem um eine bessere finanzielle Ausstattung dieser Schulen. Ein Passus, der die Mittel für die Schulen in freier Trägerschaft an die Anerkennung von Rechtsstaats- und Demokratieprinzipien knüpft, war in der Beschlussempfehlung allerdings nicht enthalten.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lehrer der Waldorfschule Weimar

Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Erfurt gegen Lehrer der Freien Waldorfschule Weimar. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, geht es in den drei Ermittlungsverfahren um

  • vorsätzliche Körperverletzung
  • Beleidigung
  • und Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Suspendiert sind die betreffenden Lehrer nicht. Anett Jung von der Waldorfschule Weimar sagt:

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, werden wir ganz klar Konsequenzen ziehen. Bis dahin gilt allerdings die Unschuldsvermutung. Aber eins ist sicher: Gewalt hat an unserer Schule definitiv nichts zu suchen.

Annett Jung, Waldorfschule Weimar

Ein junges Mädchen schaut durch einen Türschlitz.
Gewalt hat an der Schule nichts zu suchen... Bildrechte: dpa

"Schweigende Mehrheit"

Das Thüringer Bildungsministerium muss laut eigener Aussage das Ergebnis der schulaufsichtlichen Prüfung abwarten und kann mit Blick auf das laufende Verfahren keine Auskünfte zu möglichen Disziplinarmaßnahmen machen. Allerdings hat das Schulamt bereits erste konkrete Veränderungen bei der Waldorfschule eingefordert. Die betreffen vor allem die Schulstruktur und die Beteiligung von Eltern und Schülern. Bisher ist ein Schülerrat erst ab Klasse neun in der Schulordnung vorgesehen. Der Vereinsvorstand soll eigentlich aus Eltern und Lehrern bestehen, zu viele Eltern wollen allerdings nicht so genau hinschauen, wollen selber nicht zu viel Energie in die Schule investieren. Claudia P. nennt sie die "schweigende Mehrheit". Für sie hat das auch dazu beigetragen, dass sie die Schule wechselt. "Es gibt dort überhaupt keine Solidarität zwischen den Eltern, keinen echten Austausch."

Erste Waldorfschule in Thüringen

Die Freie Waldorfschule Weimar wurde 1990 als erste Freie und Waldorfschule in Thüringen gegründet. Getragen wird sie von einem Verein, der Vereinigung Waldorfpädagogik Weimar e.V. Am Mittwoch hatte sich der Verein zu einer Online-Mitgliederversammlung getroffen und dort auch über das Thema gesprochen. Vereinsmitglied Michael Hasenbeck sieht das Hauptproblem der Weimarer Waldorfschule in ihrer Struktur. "Satzung und Schulordnung lassen es zu, dass die an der Schule angestellten Lehrenden u.a. die Schulleitung und fast jede Gremienarbeit dominieren."

Die im Raum stehenden Gewaltvorwürfe zeigen drastisch, dass und vor allem wo Selbstverwaltung Grenzen haben muss. Es bedarf transparenter und wirksamer Kontrollmechanismen.

Michael Hasenbeck, Vereinsmitglied Trägerverein

Allein das von der Schule vorgelegte Gewaltpräventionskonzept zeige, dass dies noch nicht überall durchgedrungen sei. So wird die vorgesehene Vertrauensstelle von zwei Lehrenden gebildet, die durch das Kollegium bestätigt werden. "So wird das nichts“, meint Hasenbeck, Vertrauensbildung sieht für ihn anderes aus. Dennoch hat er die jüngste Mitgliederversammlung als sehr konstruktiv wahrgenommen.

Die Abstimmungen hätten gezeigt, dass der Wille da sei, "Wagenburgmentalitäten" zu überwinden. "Gerade wir Eltern, die dem Trägerverein die Treue halten, obwohl unsere Kinder schon vor Jahren die Schule sehr erfolgreich verlassen haben, können hier mit einem gewissen Blick von außen unterstützen", so Hasenbeck. Er fügt hinzu:

Eines ist absolut klar - an keiner Schule in unserem Land ist Gewalt zu dulden, vor allem nicht als Erziehungsmittel.

Michael Hasenbeck, Vereinsmitglied Trägerverein

Hasenbecks sieht als Vereinsmitglied auch bei Schulen in freier Trägerschaft den Staat in der Pflicht. Die Idee der Bildungsvielfalt kann nicht bedeuten, dass sich die zuständigen Schulämter und Ministerien heraushalten. Aus dem für diese Schulen geltenden Gesetz (ThürSchfTG) ergeben sich sowohl Pflichten als auch Möglichkeiten, geltendes Recht durchzusetzen.

Lehrer
Warum wurden Lehrer offenbar gewalttätig? Bildrechte: IMAGO

Mit großem Vertrauen sehe er daher die Begleitung des Weges aus der Krise durch die Aufsichtsbehörden. Die Frage, warum Lehrende, gegen die substantiierte Vorwürfe erhoben wurden oder sogar staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren laufen, nicht von ihren Verpflichtungen vorläufig entbunden werden, will er weiter auf der Agenda wissen.

Es kann nicht sein, dass potentielle Opfer weichen und potentielle Täter und Täterinnen allein unter Verweis auf die strafrechtliche 'Unschuldsvermutung' einfach weitermachen.  Was dies mit Kindern und Jugendlichen in einer betroffenen Klasse macht, muss man doch nicht vertiefen, zumal wenn sich am Ende herausstellt, dass die Vorwürfe berechtigt waren.

Michael Hasenbeck, Vereinsmitglied Trägerverein

Die Freie Waldorfschule in Weimar will die Gewaltvorwürfe intensiv aufarbeiten und ihre Strukturen erneuern. Auf der Website der Waldorf-Schule findet sich inzwischen ein Gewaltschutz-Konzept. In der Präambel heißt es:

"Das Ziel ist es, Situationen und Umstände zu erkennen, in denen Gewalt entstehen kann und sie durch Aufmerksamkeit und unterstützende, schützende und stärkende Maßnahmen so zu bearbeiten, dass ein friedliches Miteinander möglich ist."

Ein Mund- und Nasenschutz liegt am ersten Schultag des neuen Schuljahres in einer Grundschule auf der Federmappe.
Die Kinder sollen hier wieder friedlich lernen können. Bildrechte: dpa

Man will es Schülern so leicht wie möglich machen, sich zu öffnen, über Gewalterfahrungen zu reden. Zwei Ansprechpartner sind vom Vorstand dafür ausgewählt worden. Offen bleibt, ob externe Berater nicht besser gewesen wären. Außerdem ist ein Schulkonferenzgremium geschaffen worden, dass paritätisch aus Lehrern, Eltern und Schülern besteht. Das tagt am 9. Januar. Ob die Schule in der Lage ist, tatsächlich etwas zu verändern, das verlorene Vertrauen wiederherzustellen und für Kinder ein guter Ort zum Lernen und Leben zu sein, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Unabhängig davon, was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 19. Dezember 2020 | 11:30 Uhr

2 Kommentare

SirobVealokin vor 9 Wochen

Makarenko finde ich selber auch Klasse, jedoch ist auch ihm im Umgang mit einem kriminellen Jugendlichen die Hand ausgerutscht ...

Tamico161 vor 9 Wochen

Diese Art von Zauber Schulen braucht kein Mensch! Hoch lebe Anton Semjonowitsch Makarenko!

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