Ein Mann sitzt auf einem blauen Sessel
TLZ-Chefredakteur Nils Kawig Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Wendekinder in Führungspositionen Nils Kawig: Bei Umbrüchen zur Stelle

Nils Kawig ist 38 Jahre alt, als er Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung wird. Davor war er schon Jahrzehnte in der Redaktion. Wir haben den Mann getroffen, der bei äußeren Umbrüchen zur Stelle war.

von Julian Theilen

Ein Mann sitzt auf einem blauen Sessel
TLZ-Chefredakteur Nils Kawig Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Sein erster Artikel 1993 in der Thüringischen Landeszeitung sorgte gleich mal für Aufsehen. In einer Glosse der Gothaer Regionalausgabe machte sich der 16-Jährige Praktikant Nils Kawig über den Thüringer Wandertag lustig – und war am nächsten Schultag großes Thema auf dem Pausenhof. Heute, 26 Jahre später, ist Nils Kawig Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung. Jetzt muss er managen, Budgets verwalten – selbst Artikel schreiben hingegen immer weniger.

Vom Praktikanten zum Chefredakteur

Ein Mann steht vor einer Wand
Nils Kawig. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Das hat er viele Jahre zuvor gemacht, immer für die TLZ. Sich erst, wie er selbst sagt, als freier Mitarbeiter "auf Geflügelschauen und Feuerwehr-Vereinsfesten ausgetobt", anschließend volontiert und dann zehn Jahre als Sportreporter für die Gothaer Regionalausgabe gearbeitet: "Das war eine interessante Zeit, aber irgendwann hat sich alles wiederholt. Das wollte ich nicht mehr." Also macht Kawig erstmal Pause, nimmt ein Jahr Elternzeit und fragt sich: "Und jetzt?". Mehr Verantwortung soll es sein, da ist er sich sicher. Also bewirbt sich Kawig auf die Stelle der Redaktionsleiter in Gotha – und wird genommen. Dann geht es schnell: Erst wechselt er nach Weimar, wird dann Chef vom Dienst und schon kurz darauf Chefredakteur. Knapp drei Jahre ist das jetzt her. Der heute 41-Jährige hat es geschafft, sich vom Praktikanten zum Chefredakteur hochzuarbeiten. Job-Wechsel, im Journalismus sonst nicht unüblich, waren für Kawig nie ein Thema. Seine ganze Karriere lang war er beim selben Verlagshaus und bildet damit den Gegenentwurf zu Nadine Cunäus, die auf dem Weg zur Führungskraft häufiger den Job gewechselt hat.  

"Es ist selten, dass jemand aus dem eigenen Haus Chefredakteur wird", sagt Kawig und hält aber genau diese Treue zur TLZ für sein größtes Faustpfand: "Ich kenne in dieser Zeitung Hinz und Kunz. Ich habe von vielen Mitarbeitern Daten im Kopf. Ich weiß, wo sie hergekommen sind, was sie umtreibt, was ihre Steckenpferde sind. Von daher bin ich - glaube ich - ganz gut dort, wo ich jetzt bin."

Kawig möchte schon in der Schule Verantwortung übernehmen

Kawig ist zwölf Jahre alt, als die Mauer fällt. Das Schulsystem wird umstrukturiert, plötzlich gibt es in Gotha ein großes Gymnasium, ständig neue Bildungspläne. Es bleibt nicht die einzige Umstellung. Seine Eltern, beide Mediziner, trennen sich kurz nach der Wende. Für Kawig sind es im jungen Alter einschneidende Erlebnisse. Er möchte von nun an selbst Einfluss auf den Wandel nehmen - zumindest in der Schule. Kawig wird Schulsprecher für 1.200 Mitschüler. Eine Erfahrung, die Kawig nach eigener Einschätzung noch heute als Chefredakteur zu Gute kommt: "Ich kann Entscheidungen treffen und dann auch dazu stehen. Ich versuche immer, im Team Lösungen zu finden, doch ich muss auch autark sein können."

Im äußeren Wandel gibt der feste Job Struktur

Aber auch beruflich will er sich früh festbeißen, arbeitet noch vor dem Abitur als Reporter für die Gothaer Regionalausgabe. Im äußeren Wandel gibt ihm der feste Job eine Struktur – und finanzielle Unabhängigkeit: "Das war mir schon wichtig. Ich konnte mir schon als Schüler vieles selber kaufen, das hat mich auch dranbleiben lassen." Seine Eltern mussten sich nach der Wende hoch verschulden, eigenes Geld verschaffte Kawig Sicherheit.

Ein Mann gestikuliert im konferenzraum
Nils Kawig wusste früh, dass er Journalist werden will. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Kawigs Generation hatte zwar erstmals die Chance, aber auch die Herausforderung, sich beruflich früh zu orientieren: "Wir haben immer gedacht: ´ich muss Fuß fassen und etwas finden, das zu mir passt.´ Da war die Brandbreite der Möglichkeiten sehr groß." Viele seiner Freunde entscheiden sich für eine Ausbildung. Nicht untypisch für Wendekinder, die laut Soziologe Salheiser in Zeiten der Unsicherheit auf Sicherheit bauten.

Schwere Zeiten für den Zeitungsmarkt

Zwölf Stunden am Tag verbringt Kawig in der Redaktion, auch heute sind vieler seiner Mitarbeiter schon weg. An einer Pinnwand in Kawigs Büro hängen Titelblätter aller großen deutschen Tageszeitungen. Daneben auch das der TLZ. Kawig weiß, dass es für seine Zeitung immer schwerer wird, sich auf dem Markt zu behaupten. Sinkende Leserzahlen und schwindende Anzeigengelder treffen auch ihn. Ihn beschäftigt das, das ist schwer zu übersehen. "Das ist schon alles eine große Herausforderung. Vor uns liegt viel Arbeit." Auch für diese Umbrüche scheint Nils Kawig gewappnet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 10:42 Uhr

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1 Kommentar

18.06.2019 12:06 Wieviel Chefredakteur? 1

Schön und interessant, aber mich hätte schon interessiert, ob er sich wirklich Chefredakteur sieht... Er ist ja wohl eher Teil eines Chefredakteur-Trios, das EINE Thüringer Zeitung in mehreren Layouts (TA, TLZ, OTZ) erstellt. Da fragt man sich, wer hat da überhaupt etwas zu entscheiden und was eigentlich?

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