Weibliche Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung 1919 bei einer Kaffeepause im Deutschen-National Theater in Weimar.
Weibliche Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung 1919 bei einer Kaffeepause im Deutschen National Theater in Weimar. Bildrechte: Historisches Museum Frankfurt

100 Jahre Nationalversammlung So lebten die Abgeordneten 1919 in Weimar

Am Mittwoch steht in Weimar ein Festakt an, der an die Zusammenkunft zur Wahl zur Weimarer Nationalversammlung vor 100 Jahren erinnert. Damals reisten 400 Abgeordnete an. Wo kamen sie unter, wo wurden sie verköstigt?

von Rainer Erices

Weibliche Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung 1919 bei einer Kaffeepause im Deutschen-National Theater in Weimar.
Weibliche Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung 1919 bei einer Kaffeepause im Deutschen National Theater in Weimar. Bildrechte: Historisches Museum Frankfurt

Es wäre ein Irrglaube, zu meinen, dass Weimar vor 100 Jahren nicht auf einen Gäste-Ansturm vorbereitet war. Die Stadt der Dichter und Denker war schon immer ein touristischer Magnet gewesen. Vor Ort gab es etliche Hotels verschiedener Kategorien, ebenso Restaurants. Auch wenn die Versorgungslage in den Monaten nach Ende des Ersten Weltkriegs prekär war, existierten die Unterkünfte durchaus noch und die Lokale hofften auf Umsätze.

Interaktive Karte: Unterkünfte und Treffpunkte der Abgeordneten 1919 in Weimar

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In den Tagen vor dem denkwürdigen 6. Februar 1919 reisten die frisch gewählten Abgeordneten an. Tatsächlich fanden alle in kurzer Zeit eine Unterkunft. In Büchern finden sich heute immer wieder Hinweise darauf, dass die Parlamentarier getrennt nach Fraktionszugehörigkeit in den großen Hotels der Stadt wohnten. Diese offensichtliche Fehlinformation geht vermutlich auf die Berichte eines Berliner Journalisten zurück, der die Allgemeinheit später mit seinen Anekdoten aus Weimar versorgte:

Es ist alles behelfsmäßig, alles unzulänglich, aber trotzdem sind diejenigen Parlamentarier, denen es auf ernsthafte Arbeit ankommt, mit Weimar gar nicht unzufrieden. Das System der Kasernierung der Abgeordneten bewährt sich nämlich trefflich zur Förderung der Arbeit … die Führer haben ihre Leute vom ersten Frühstück bis zum Nachtmahl in der Hand. Die Sitzungen sind vollzählig besucht … Ablenkung gibt es wenig ...

Eine Adressenliste vom Februar 1919 jedoch erzählt eine andere Geschichte. Die meisten Parlamentarier wohnten zur Untermiete bei Privatvermietern. Lediglich im Hotel Erbprinz kam mit 12 Abgeordneten eine ansehnliche Anzahl jener Dauerbesucher zustande. Erstaunlicherweise gehörten diese Gäste fünf verschiedenen Fraktionen an. Von wegen politische Distanz!

So scheint die Vorliebe für ein Hotelzimmer eher eine Frage des Geldbeutels gewesen zu sein. Im genannten Erbprinz wohnte es sich seinerzeit besonders vornehm. Einen hervorragenden Ruf hatten auch Elephant, Fürstenhof oder das Kaiserin Augusta. Sie alle waren Hotels der oberen Kategorie. Besonders preiswert waren dagegen Betten im Thüringer Hof am Jakobsplan oder im Weißen Schwan, Am Frauentor. Im letzteren nächtigte als einziger Abgeordneter ein Tischler von der Zentrumspartei. Insgesamt wohnten gerade acht Prozent der Parlamentarier in zwölf verschiedenen Hotels der Stadt.

Reichspräsident und Kabinettsmitglieder wohnten im Schloss

Stadtschloss Weimar
Das Stadtschloss in Weimar - 1919 nächtigten hier der Reichspräsident und seine Kabinettsmitglieder. Bildrechte: MDR/Michaela Schenk

Eine besonders noble Unterbringung genossen Reichspräsident Friedrich Ebert und mit ihm einige jener Abgeordneten, die zugleich Mitglieder des Kabinetts waren, also Minister und Staatssekretäre. Philipp Scheidemann,  Gustav Noske oder Otto Landsberg - sie alle wohnten im Schloss. Reichsminister Eduard David beispielsweise legte Wert darauf, dass er in einem "ehemaligen Gemach einer Hofdame" nächtigte.

Der Rest kam privat unter - meist in Mehrfamilienhäusern der hiesigen Immobilienbesitzer. Auffällig viele Frauen unter den Abgeordneten wohnten zu zweit zur Untermiete. Gemeinsam kamen so auch die beiden Schwestern Marie Juchacz und Elisabeth Röhl von der SPD unter. Sie wohnten in der Bertuchstraße 29, im zweiten Stock. Auf dem Weg zum Theater dürften die beiden viele ihrer Fraktionskollegen getroffen haben - in der Bertuchstraße wohnten etliche SPD-Abgeordnete.  

Zentrums-Mitglieder kamen vor allem in der Erfurter Straße oder in der Schröterstraße (heute Washingtonstraße) unter. Organisiert wurden die Privatquartiere vom städtischen Wohnungsamt. In den Wochen zuvor hatte die Kommune allerorten Anzeigen geschaltet, und die Vermieter auch mit zusätzlichen Kohlekontingenten geködert. Im Mietpreis waren Frühstück, Heizung, Beleuchtung und auch Telefonbenutzung inbegriffen.

Die Abgeordneten brauchten selbstverständlich auch Räume, in denen sie sich treffen konnten. Irgendwo mussten sich die Politiker ja intern aussprechen. Das Theater war dafür nur beschränkt geeignet. Also dienten die größeren Hotels als Trefforte. Die Zentrumsfraktion traf sich im Chemnitius, die Deutschnationalen im noblen Erbprinz, die Nationalliberalen von der DVP im Elephant. Die linksliberale DDP kam im Fürstenhof zusammen und die USPD im Thüringer Hof. Die SPD als größte Fraktion hielt ihre Treffen zunächst im Volkshaus ab. Besonders angenehm war es dort sicher nicht: Bei minus 5 Grad Außentemperatur war der Saal ungeheizt. Später nutzte die Fraktion auch die Probenräume des Theaters.

Weinstube ordert 10.000 Austern

Auch für das leibliche Wohl war in Weimar gesorgt. Jeder Abgeordnete bekam für Mittags- und Abendessen eine Gaststätte zugewiesen. Die Preise der Restaurants war durchaus verschieden, ebenso das Angebot. Besonders beliebt waren jene Lokale, die wie das im "besseren" Fürstenhof, die über eine eigene Wein- und Bierabteilung verfügten. Von dem konservativen Journalist ist diese Anekdote überliefert:

... eine gute, alte Weinstube hat es riskiert, sich 10.000 Austern kommen zu lassen, aber so leicht entfernt sich niemand aus seinem behaglichen Gasthof in die Winterkälte, um irgendwo 'Betrieb' zu machen.

Ob alle Berichte in den deutschen Zeitungen der Wahrheit entsprachen, ist zweifelhaft. Mit Sicherheit machten die Restaurantbesitzer in dieser Zeit gute Geschäfte. Die Lokale waren in der Regel überfüllt, die Luft "rauch- und alkoholgeschwängert". Dazu berichtete Dr. Carl Petersen von der DDP, Senator und Rechtsanwalt aus Hamburg:

Als ich um 10 ½ Uhr nach Hause gehen wollte, sind dort die Volksbeauftragten Ebert, Scheidemann, Noske erschienen und haben weitergekneipt ... Die Sitzung hat bis tief in die Nacht gedauert und die Volksbeauftragten haben sich stark verunnüchtert.

Die Weinstube bekam 1919 den Beinamen "Präsidentenkeller".

Die weiblichen Abgeordneten dagegen, glaubt man ihren Berichten, genossen in Weimar in ihrer Freizeit vor allem Kultur und Parks. Sie trafen sich auch "überfraktionell" am Gartenhaus Goethes und im Tiefurter Park und erfrischten sich bei einer "bescheidenen Tasse Kaffee".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Weimar 1919 - Wiege und Bahre der Demokratie | 06. Februar 2019 | 11:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 19:01 Uhr

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12 Kommentare

06.02.2019 12:22 perdito 12

zu 10 - da hatte der MDR einen Artikel zur verteilung der Frauen damals und heute in politik, hatte ich vor ein paar tagen gelesen.
ich glaube gelesen zu haben, dass in Weimar die Frauenquote sehr hoch war und dann ein halbes Jahrhundert wegschrumpfte, mal von "Adolf" überhaupt abgesehen
mich würde mal interessieren, was nach dem abzug des parlaments im August 19 passierte - back to the roots weimar? tote hose oder atmete alles auf

06.02.2019 09:42 Halligalli 11

Aha, die Elite feiert sich wieder selbst, mit ausgesuchten Bürger!

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