Studie zur politischen Kultur Thüringen-Monitor: 24 Prozent der Befragten rechtsextrem eingestellt

Die große Mehrheit der Thüringer vertraut der Demokratie, aber deutlich weniger den Parteien und Politikern. Neun Prozent ziehen Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele zumindest in Erwägung.

Die Flagge Thüringens weht im Wind.
1.100 Thüringer wurden in der aktuellen Studie zu ihren politischen Einstellungen befragt. Die Ergebnisse seien teils widersprüchlich, resümieren die Forscher. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Vertrauen in politische Institutionen hat in Thüringen im Vergleich zum Vorjahr wieder zugenommen. Dies geht aus dem aktuellen Thüringen-Monitor zur politischen Kultur hervor - eine Studie, die jährlich von der Staatskanzlei in Auftrag gegeben wird.

Demnach wurden für die Polizei mit 73 Prozent und für die Landesregierung mit 43 Prozent jeweils die bisher höchsten Vertrauenswerte seit Beginn der Studie im Jahr 2000 registriert.

Spitzenwerte erreichte zudem die "abstrakte Demokratieunterstützung": 90 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die Demokratie "die beste aller Staatsideen" ist. Die Zufriedenheit mit der demokratischen Praxis erreichte – nach einem deutlichen Einbruch im vergangenen Jahr – mit 63 Prozent ebenfalls einen hohen Wert.

Viele fühlen sich nicht wirksam von Parteien vertreten

Trotz dieser Demokratie-Zufriedenheit befindet sich die Kritik an Parteien und Politikern weiterhin auf einem hohen Niveau, heißt es in den Studien-Ergebnissen. So fühlen fast drei Viertel der Befragten sich und ihre Anliegen nicht mehr wirksam vertreten.

Ebenfalls drei Viertel der Befragten sind der Ansicht, dass die Parteien nur die Stimmen der Wähler haben wollen, während deren Interessen nicht beachtet werden. Zwei Drittel der Befragten stimmten der Aussage zu, dass „Leute wie ich … so oder so keinen Einfluss darauf haben, was die Regierung tut“.

Positionen zu DDR und Nationalsozialismus

Insgesamt zeige sich erneut - wie schon in den drei Vorjahren - "ein ambivalentes und in Teilen inkonsistentes Bild der Einstellungen der Thüringer im Hinblick auf die Demokratie", heißt es in der Auswertung der Ergebnisse durch ein Forscherteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena um Professorin Marion Reiser.

So stimmten 26 Prozent der Befragten der Aussage zu „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“. 27 Prozent bejahten eine „Rückkehr zur sozialistischen Ordnung“ und 45 Prozent schrieben der DDR mehr gute als schlechte Seiten zu. Der überwiegende Teil dieser Personen empfinde Marion Reiser zufolge darin keinen Widerspruch zu dem Bekenntnis zur Demokratie als beste Staatsidee.

Rechtsextreme Einstellungen in Thüringen

Deutlich angestiegen ist die Zustimmung zu einzelnen rechtsextremen und antisemitischen Aussagen. 16 Prozent der befragten Thüringer stimmten der Aussage zu, Menschen jüdischen Glaubens hätten etwas besonderes an sich "und passen nicht so recht zu uns"

24 Prozent der befragten Thüringer werden von dem Forscherteam als rechtsextrem eingestuft. Neun Prozent ziehen Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele zumindest in Erwägung.

"Der Anstieg des einstellungsmäßigen Rechtsextremismus ist im Wesentlichen auf die zunehmende Unterstützung neo-nationalsozialistischer Ideologeme zurückzuführen", heißt es in den Ergebnissen des Thüringen-Monitors 2019 mit Bezug auf die gestiegene Zustimmung zu antisemitischen und geschichtsrevisionistischen Aussagen über die NS-Vergangenheit.

Hintergrund: Thüringen-Monitor Der Thüringen-Monitor ist eine Studie zu politischen Einstellungen und wird seit dem Jahr 2000 im Auftrag der Thüringer Staatskanzlei jährlich von einem Forscherteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena erarbeitet. Die Autoren befassen sich unter anderem mit der soziologischen Erforschung vorurteilsgeleiteter und abwertender Meinungen/Einstellungen gegenüber ethnischen, kulturellen und sozialen Minderheiten.

"In Hinblick auf die Erklärungsfaktoren ist hervorzuheben, dass weiterhin Autoritarismus, soziale Dominanzorientierung, Statusverlustangst und kollektive Deprivation die Ausbildung rechtsextremer Einstellungen begünstigen", heißt es in der Auswertung des Forscherteams. Die jüngsten Befragten und auch die älteste Befragtengruppe seien deutlich seltener rechtsextrem eingestellt als die mittleren Jahrgänge - unabhängig von ihrem Bildungsgrad.

In der aktuellen Untersuchung wurden 1.100 Thüringer telefonisch befragt. Die Daten wurden zwischen Mai und Juli 2019 erhoben. Am 3. Dezember werden die gesamten Ergebnisse des aktuellen Thüringen-Monitors in Erfurt vorgestellt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 29. November 2019 | 18:00 Uhr

57 Kommentare

martin vor 42 Wochen

@realist: Nun ja, wir profitieren von den gezahlten Steuern - aber es wird bekanntlich ja nur ein Teil des real erzielten Gewinns versteuert. Und nein, die Sozialisierung von Kosten geht weit über die Bankenrettung hinaus - auch wenn die selbstverständlich ein ziemlicher Kostenbrocken war. Ob die Bankenrettung in dem Umfang erforderlich war, ist selbst unter Ökonomen strittig - ich persönlich maße mir dazu kein Urteil an. Allerdings ist das Verhältnis "Engagement der Besitzer / Aktionäre" und "Engagement der öffentl. Hand" für meinen Geschmack zu sehr auf die zweite Seite verlagert worden.

Und ja - wir profitieren alle: allerdings in sehr unterschiedlichem Umfang. Die soziale Schere geht weiter auseinander - ich betrachte das als eindeutigen Indikator.

Esther R. vor 42 Wochen

Mein Gedanke galt nicht den Mitarbeitern dieser Konzerne, sondern der Diskrepanz zwischen dem Zustand der öffentlichen Einrichtungen und der enormen Fortschritt und wirtschaftlicher Potenz vor allem in der 4.0 Industrie. Die größten Firmen der Welt sind nicht mehr herkömmliche Industrieunternehmen, sondern Firmen, die mit unseren Daten Gewinne erzielen, ohne dass wir daran teilhaben können oder beeinflussen können. Meine Überlegung war, dass die Allgemeinheit von dem Fortschritt abgehängt wird. "Gewinne privatisieren - Kosten / Risiken sozialisieren" hat sehr viel mit ungenügend qualifiziertem Personal
auf der Seite der öffentlichen Hand zu tun. Zum Beispiel in Norwegen gibt es im Finanziministerium ein mehrköpfiges Team von den besten Wirtschaftswissenschaftler des Landes, die mit nichts anderem beschäftigen, als das Steuersystem nach der geänderten Wertschöpfung
in der globalisierten und digitalen Wirtschaft anzupassen.

Realist2014 vor 42 Wochen

Wir profitieren allerdings auch alle direkt oder indirekt von den Steuereinnahmen und den Arbeitsplätzen. Mit Kosten/Risiken sozialisieren meinen Sie vermutlich die Bankenrettung. Diese war mitnichten im Sinne der reinen wirtschaftsliberalen Lehre oder gar des viel beschimpften „Neoliberalismus“. Fraglich ist aber, was passiert wäre, hätte man es nicht getan. Eine Wirtschaftskrise wie in den 30ern wäre wohl möglich gewesen. Der Markt hätte sich zwar wieder selbst bereinigt und irgendwann hätte es wieder Wachstum und neue Jobs gegeben, aber bis dahin hätte es viel Elend gegeben. Das Krisenmanagement war damals aus meiner Sicht somit eher richtig. Ein perfektes System gibt es nicht. Das aktuelle System führt aber seit Jahrzehnten zu steigendem Lebensstandard, Innovationen und erwirtschaftet Wohlstand, von dem wir letztlich alle profitieren. Auch die Sozialisten und selbst die Ökopopulisten, die seit neustem in mittelalterlicher Wanderpredigermanier Verzicht, Rückbau und Askese predigen.

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