Weltreise Spannende Pannen: Thüringer fahren mit dem Motorrad nach New York

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Ihre Reise von Deutschland Richtung Osten bis nach New York liegt einige Zeit zurück, doch nun ist der Film darüber in den Kinos. Eine Gruppe Thüringer Kunststudenten hat sich mit alten Ural-Motorrädern Richtung Osten über den Landweg nach Amerika aufgemacht. Wer Pannen als spannend und die tägliche Reparatur als Bühne sieht, hat sogar Chancen anzukommen - selbst ohne viel Erfahrung.

Filmszene "972 Breakdowns" - Motorradgespanne auf einer matschigen Straße
Insgesamt 972 Pannen haben die Studenten auf ihrer Reise. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anne Knödler und Johannes Fötsch sind auf Film- und Vortragstour in Thüringen. Ihrem Heimatland. Anne wurde in Zeulenroda geboren, Johannes in Pößneck. Wir sind in Erfurt verabredet; beide reisen aber zum Interview nicht mit dem Motorrad an.

Zu unserer Schande müssen wir uns eingestehen, wir sind mit einem Bus unterwegs. Wir wären nicht pünktlich gewesen mit Motorrädern. Man sagt: Mit einer Ural kannst du um die Welt fahren, aber zum Bäcker kannst du nicht. Dann kommst du nicht vorm Mittagessen wieder.

Johannes Fötsch

Die Ural 650 ist ein altes Motorrad mit Beiwagen. Robust und gut zu reparieren, wenn man sowas kann. Anne, Johannes und die anderen drei Reisenden sind allerdings Motorradneulinge, als sie ihre Reise 2014 starten. Sie sind fertig mit dem Kunststudium an der Burg Giebichenstein in Halle. Sie sind keine Mechaniker. Aber sie müssen es werden. Denn beinahe jeden Tag geht irgendetwas kaputt. Mit gleich vier solcher reparaturanfälligen Beiwagen-Motorräder sind sie unterwegs. Es könnte einem auf den Keks gehen, nerven, als Sisyphosarbeit erscheinen. Aber die Künstler gehen da mit einer anderen Geisteshaltung ran:

Die Ural bietet mit ihren Pannen die Möglichkeit, andere Leute kennenzulernen. Man trifft sich auf einem Level, um ein Problem gemeinsam zu lösen und sobald die Ersatzteile und das Werkzeug aus dem Beiwagen kommen und sich alles auf dem Boden verteilt - auf einer Fläche von 20 Quadratmetern um ein Motorrad herum - dann ist das eine Bühne. Wir sind die Hauptakteure, andere kommen von außen dazu, dazu einige Komparsen. Das ist wie ein Theaterstück, was sofort beginnt. Es hat sich immer wie eine Performance angefühlt.

Anne Knödler

"Es war schön unplanbar"

Die Reisegruppe notiert alle Pannen. Alle "Breakdowns". Am Ende bekommt der Film sogar den Titel "972 Breakdowns". Die erste Panne lässt nicht lange auf sich warten. Nur 25 Kilometer nach Reisebeginn. Wer rund 40.000 Kilometer durch die Pampa vor sich hat, weiß, es könnte länger dauern.

Es war schön unplanbar. Wir haben schnell gemerkt, wir können keinen Plan machen. Wir wussten am Morgen nicht, wo der Abend endet. Das Motorrad hat vorgegeben, wo wir Pause machen und wo wir auf Leute treffen. Und das war so eine schöne Ungewissheit. Aber dabei haben wir einfach die tollsten Menschen getroffen.

Johannes Fötsch

Die Gruppe fuchst sich rein. Denkt sich in die Mechanik, löst Probleme und schafft vielleicht auch neue. Öl an der falschen Stelle, etwas nicht ganz korrekt eingebaut. Aus Fehlern lernen.

Wenn man alle vier Motorräder betrachtet, war bestimmt einmal jedes Teil kaputt. Ich könnte mich jetzt insgesamt an kein Teil erinnern, das nicht kaputt gegangen wäre. - Ich glaube aber, es war nie alles auf einmal kaputt. Es war aber auch nie alles auf einmal ganz.

Anne Knödler und Johannes Fötsch

Wenn es irgendwo zischt, raucht oder knallt, wird repariert. Nach dem Motto: "Lieber noch 100 Kilometer weiterfahren als drei Tage auf ein Ersatzteil warten", reist die Gruppe immer weiter Richtung Osten.

Bis es dann halt richtig geknallt hat. Und dann hast du auch meistens erst gemerkt, was es diesmal war. Wir hatten ja keine Ahnung. Der Motor und alles andere - es hat ja alles Geräusche gemacht!

Johannes Fötsch

Viele Reisende nutzen moderne Motorräder

Nach dem Prinzip: Man wächst mit seinen Aufgaben. Die riesigen, schweren und voll beladenen Beiwagen-Motorräder scheinen trotzdem eine gute Wahl für genau diese Reise zu sein. Denn im Osten fahren sie überall noch. Es sind dort Volks-Motorräder, Alltags-Motorräder. Auch wenn ein kleines, wendiges, neues Offroad-Motorrad für manche Strecke sicherlich die bessere Wahl (vieler Motorradreisender) gewesen wäre, so sind sich Anne und Johannes sicher:

Wir hätten es mit keinem anderen Motorrad geschafft! Irgendwann geht jedes Motorrad kaputt - bei diesen Strapazen auf so einer langen Strecke. Und wir hatten den Vorteil, wir hatten die erste Panne 25 Kilometer nach Halle. Wir haben elf Tage gebraucht bis Passau. Da fing es schon an katastrophal zu werden und wir mussten uns mit dem Motorrad auseinandersetzen. Wir waren dann schon Spezialisten und hatten alles durchrepariert, als es extrem wurde.

Anne Knödler und Johannes Fötsch

Unterwegs seien ihnen viele Reisende auf modernen Motorrädern begegnet, die abbrechen mussten, weil etwas kaputt und nicht zu reparieren war, erzählt Johannes. Doch für sie kam das nicht infrage, denn eine Ural hat kaum Elektronik. Sie hat einfache Technik, es gibt Ersatzteile und immer jemanden, der hilft.

Als Gruppe reisen ist von Vorteil

Bevor sie aufbrechen, kennen sich die Reisenden schon. Anne und Johannes studieren gemeinsam mit Elisabeth. Sie kommt aus Greiz. Die drei arbeiten gemeinsam an Kunstprojekten und sind "schnell ein gutes Team, bei dem alles Hand in Hand geht". Außerdem reisen noch Efi und Kaupo mit.

Szene aus dem Film "972 Breakdowns"
Die Gruppe muss während der Reise mehrere Flüsse überqueren. Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Uns verbindet auf jeden Fall auch die Kunst und wahrscheinlich die Fähigkeit, mit gewissen Ungewissheiten umzugehen und das eben auch aushalten zu können. Und ich denke, das macht uns ein gutes Team in der Hinsicht.

Anne Knödler

Fünf Reisende - das ist gut für demokratische Entscheidungen, erklärt Johannes. Und eine Gruppe habe gegenüber Alleinreisenden den großen Vorteil, dass nicht einer alles können und entscheiden muss.

Da gibt es die, die ein bisschen risikofreudiger sind, dann die, die ein bisschen rationaler und verantwortlicher denken. Und dann gibt's die, die einen komplett anderen Denkansatz haben in einer bestimmten Situation. Eine schöne, bunte Mischung. Und du kannst dich gut über deine eigenen Grenzen hinaus mitnehmen lassen.

Anne Knödler

Fast 1.000 Pannen

Dafür gibt es auf dieser Tour mehr als genügend Gelegenheiten. Fast 1.000 Pannen und offenbar keine, die die Truppe trennt oder zum Umkehren zwingt. Im Film allerdings gibt es einige Stellen, an denen man sich als Zuschauer nur wundern kann, über die Schutzengel, den Optimismus, dass dieses oder jenes klappt. Zum Beispiel als die Motorräder "schwimmen lernen". Nach mehreren Flussüberquerungen heißt es, Weiterfahrt auf dem Wasser und das mehr als 1.500 Kilometer!

Wir sind dann irgendwann an den Punkt gekommen, wo alle Straßen enden. Wir haben uns das ziemlich einfach vorgestellt. Wir wollten unsere Motorräder zu Booten machen. Mit Propeller und Schwimmkörpern. Und dann haben wir gedacht, wir fahren schön Kolonne und machen das genauso wie auf der Straße. Doch nach 30 Sekunden haben wir das erste Motorrad verloren. Und dann hieß es für uns, wir müssen uns zusammenbinden, ein riesengroßes Floß draus machen und ein Organismus werden.

Johannes Fötsch

Viele brenzlige Situationen

An einer anderen Stelle im Film nehmen die Reisenden eine vermeintliche "Abkürzung". Warnungen von Lkw-Fahrern und Einheimischen ignorieren sie (inzwischen.) Denn schon oft hieß es, etwas sei gefährlich oder gehe nicht. Sie haben sich angewöhnt, das selbst zu beurteilen. Aber dann wird es ziemlich ernst!

Da haben wir uns reichlich verschätzt. Es hieß, diese Straße sei in drei Tagen zu schaffen. Wir haben mit sechs Tagen geplant. Gedauert hat es zehn oder elf Tage. Davon hatten wir zwei Tage lang nichts zu essen. Wir hatten schon ein paar Tage Essen rationiert, dann hatten wir kein Benzin mehr. Wir haben das restliche Benzin abgelassen, in zwei Motorräder gefüllt und sind weitergefahren, bis sie leer waren. Ab da sind wir gelaufen, weil wir keine Kraft mehr hatten, die Motorräder noch mal durch einen Fluss zu ziehen. Keiner hat die Nerven verloren - aber es war plötzlich sehr ernst geworden.

Sie funken SOS zu einem der vielen neuen Bekannten und Helfer, die sie auf der Reise kennengelernt haben. Und kommen auch hier heil heraus. Nach diesen Erfahrungen wissen sie, dass sie die Behringstraße nicht auf den Bikes überqueren können und fliegen ein kleines Stück bis nach Alaska. Auf einen neuen Kontinent. Jeden Abend wird auch hier wieder der Schlafplatz aufgebaut. Ein großes Zeltdach - nicht mehrere einzelne Zelte. Damit wollen sie erreichen, dass abends alle zusammensitzen und reden, dass Konflikte gleich gelöst werden. Es klappt, sagt Johannes. Doch Privatsphäre ist so nicht möglich.

Motorräder fahren auf Straße
Insgesamt ist die Gruppe zweieinhalb Jahre unterwegs. Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Wenn die Motorräder mal liefen und jeder auf seinem Motorrad saß und seinen Helm auf hatte, war das das Maximum an Privatsphäre, was wir gekriegt haben. Manchmal wurden wir auch eingeladen zum Übernachten - wenn jeder ein Zimmer hatte, das war echter Luxus! Einfach mal eine Nacht allein in einem Raum schlafen mit einer Tür dran.

Anne Knödler

"Corona ist wie eine Panne"

Zweieinhalb Jahre dauert die Tour. Immer wieder schlagen die (Lebens-)künstler Lager auf, bleiben länger an einem Ort, um Geld zu verdienen, die Bikes zu reparieren, zu überwintern. Und schließlich kommen sie da an, wo sie hinwollten. Der Weg ist das Ziel, sagt eine Redewendung. Und bei solchen Reisen trifft sie zu. Man lernt fürs Leben - auch wahr.

Ich auf jeden Fall, dass man viele Sachen, die groß aussehen oder nicht schaffbar, mit vielen kleinen Schritten meistern kann, dass man einfach oftmals einen langen Atem haben muss und mit Geduld und Durchsetzungsvermögen viele Sachen erreichen kann. Nicht zu schnell aufgeben - und mit einer gewissen Zuversicht herangehen! Johannes ist geduldiger geworden. Es war eine harte Schule, aber auf jeden Fall bist du geduldiger geworden.

Anne Knödler

Es geht immer irgendwie weiter - auch das ist so eine Reise-Erkenntnis. Und doch gibt es in diesem Jahr eine Ausnahme. Durch Corona kommen Reisen zum Erliegen. Die fünf Künstler sind da schon wieder in Deutschland und arbeiten an ihrem Film.

Corona ist wie eine Panne. Es ist einfach ein Zustand, mit dem man sich arrangieren muss, zu dem man eine neue Haltung einnehmen muss und mit dem neue Bedingungen zum Leben dazukommen. Wir haben weitergearbeitet. Aber für viele Reisende war diese Zeit richtig hart! Du sagst ja nicht leichtfertig, ich verabschiede mich jetzt mal für ein Jahr und gehe reisen. Das wird in langer, akribischer Kleinarbeit detailliert geplant. Für ganz viele Leute ist wirklich ein Traum geplatzt. Aber wir haben im Moment keine Reisepläne.

Johannes Fötsch

Man wächst mit seinen Aufgaben

Die Fünf sind unterwegs zu Vorträgen und Filmvorführungen. Und zeigen, was alles dranhängt an so einer Tour. Das ist oft schonungslos, manchmal unfassbar, führt zu Kopfschütteln und Bewunderung - denn am Ende geht es gut aus. Sogar als sich Johannes mit einer Axt ins Bein hackt und aus Anne Knödler, die Künstlerin, eine Ärztin wird. Die ohne Betäubung näht. "Man wächst mit seinen Aufgaben." Noch so ein Spruch, in dem viel Wahrheit steckt.

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Szene aus dem Film "972 Breakdowns" 1 min
Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Mi 02.09.2020 08:08Uhr 01:29 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-radio/video-trailer-breakdowns-100.html

Rechte: leavinghomefunktion GbR

Video

Film-Vorstellungen in Thüringen: Erfurt - Cinestar - 16.9., 20:30 Uhr
Jena - Schillerhof - 15.9., 18 Uhr, 16.9., 17:15 Uhr
Weimar - Lichthauskino - 15.9., 21:30 Uhr, 16.9., 17:10 Uhr
Rudolstadt - Cineplex - 17.9., 19:30 Uhr, 20.09., 19:15 Uhr, 22.09., 19:30 Uhr

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. September 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Lyn vor 2 Wochen

Also ganz ernsthaft.

Filmmaterial von 2 1/2 Jahren, daraus lässt sich sich eine Doku Serie machen.
Ich gehöre zu den Leuten, die sowas gern auf DVD kaufen und sich dann Stück für Stück reinziehen.

Besteht da eine Chance?

Lyn vor 2 Wochen

2 1/2 Jahre unterwegs, das wäre eine Doku Reihe geworden.
Wann kann man die DVD kaufen?
Wann kommt es ins Fernsehen?

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