Thüringer Musikradar Mehr Lyrik als Gossensprache: der Rapper Jibba aus Leinefelde

Auch wenn Rapmusik noch nicht im Radioprogramm von MDR THÜRINGEN angekommen ist, so ist sie doch ein wichtiger Teil der Thüringer Musikszene. Ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Thüringer Rapper ist Jibba. Nicht nur, dass der Leinefelder unfassbare zehn Platten in sechs Jahren veröffentlicht hat, er tritt auch den Beweis an, dass Rap weit mehr ist als Gossensprache und sich Rapper auch für andere Dinge als Goldketten und Autos interessieren - für den Wald zum Beispiel.

Ein Mann in einem Wintermantel steht im Wald
Jibba im Wald auf dem Zehnsberg bei Leinefelde. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Was macht ein Journalist im Winter im Wald? Er friert. Und er trifft einen Künstler zum Interview: Wegen Corona habe ich mich mit Jibba zu einem Waldspaziergang auf dem Zehnsberg bei Leinefelde verabredet. Ich hielt das für eine gute Idee, weil der Rapper eine tiefe Verbundenheit für den Wald empfindet. Leider habe ich dabei nicht an den anbrechenden Winter gedacht, der dieses Interview zu Fuß doch unangenehm kalt gestaltet. Es sind wenige Grad über Null, es ist nass und neblig - englisches Wetter im Eichsfeld.

Der Woodboy

Jibba - der eigentlich Jim Huke heißt - scheint das Wetter nicht viel auszumachen. Er ist vielmehr fasziniert davon, wie der Nebel die Welt ringsum verschluckt. "Horizont weg", sagt er beeindruckt und starrt in das graue Nichts. "Geil!" Tatsächlich fühlt sich der 27-jährige Rapper hier im Wald auf dem Zehnsberg in seine Kindheit zurückversetzt. Früher hat er hier die Wochenenden mit seinem Vater verbracht. "Damals war's hier noch viel schöner, bevor sie die scheiß Autobahn hier durchgezogen haben", sagt er. Die "scheiß Autobahn" ist die A38, die seit 2006 eine Ost-West-Verbindung zwischen Leinefelde und Heiligenstadt herstellt. Wenn der Wind aus südlicher Richtung weht, ist die Autobahn hier oben kaum zu überhören.

Der Mensch und die Natur; das ist eines der Themen, an denen sich Jibba in seiner Musik abarbeitet. Eine seiner EPs heißt zum Beispiel "Woodboy" (engl. "Junge aus dem Wald"). Außerdem ist der Wald immer wieder Schauplatz seiner Musikvideos. Erst vor Kurzem hat er hier das Video zu "Neujahr" gedreht. Ein wirklich bemerkenswerter Song, aus diesem Themenkomplex ist "Baumhaus", der das Zeug zur Hymne für Baumbesetzer im Hambacher Forst oder Dannenröder Wald hätte, auch wenn Jibba selbst kein Umweltaktivist ist.

Rappen kann jeder (außer Thomas Gottschalk)

Im Grunde genommen ist er sogar alles andere als ein politischer Rapper. So finden sich in seinem Werk eine ganzen Reihe Battlerap-Songs, die hier nicht zitierfähig wären. Songs, die oft in weniger als einer Stunde entstehen und die er vor allem als sportliche Übung sieht. Denn Rappen kann - auch wenn es oft anders behauptet wird - nicht jeder: Punchlines (Pointierte Zweizeiler), Reime, Flow (Redefluss), Stimmbeherrschung, Rhytmusgefühl und Atemtechnik - das alles will gelernt sein. Wobei Jibba das selbst etwas anders formuliert: "Rappen kann natürlich jeder, aber ob das am Ende gut klingt, ist eine andere Frage."

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch vor einem Computer.
Jibba bei der Arbeit im Heimstudio. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Ein gutes Beispiel für Rap, der am Ende nicht so gut klingt, ist der mutmaßlich erste deutschsprachige Rapsong, der dem ZDF-Fernsehpublikum 1980 von keinem Geringeren als Thomas Gottschalk präsentiert wurde - aber das nur nebenbei.

Auf Mixtapes und Battlerap-Alben wie "Modus Clio" (2020) geht ihm deshalb um Skills (Raptechnik) und nicht darum ernsthafte Aussagen zu treffen.

Nur wenige Rapper meinen diese Battle- oder Gangstarap-Geschichten ernst. Und das wissen auch die Kids, die diese Musik hören. Da brauchen sich Eltern keine Sorgen machen. Oft unterstellt man der Hörerschaft da eine Dummheit, die nicht vorhanden ist.

Jibba

Mehr Lyrik als Gossensprache

Die meisten Songs, die Jibba produziert, haben mit Battlerap ohnehin wenig gemeinsam. Die meisten seiner Lieder widmen sich konkreten Themen und Stimmungslagen, so wie es auch in der herkömmlichen Rock- und Popmusik passiert. Seine Songs mäandern dann zwischen nachdenklicher Sozialkritik, düsterer Selbstreflexion und lyrischem Storytelling. So taucht er beispielsweise im Song "Der kleine Prinz" in die magische Welt von Antoine Saint-Exupérys Kinderbuch ein und verwebt die literarischen Bilder zu Musik.

Überhaupt haben viele seiner Raptexte große Schnittmengen mit Lyrik. Deutschlehrer - und vor allem ihre Schüler - hätten sicher großen Spaß daran, statt zum Millionsten Mal Goethes "Prometheus" einfach mal Jibbas "Novembertage im Sommer" zu analysieren. Sie würden darin mehr als 30 unterschiedliche sprachliche Bilder und Beschreibungen für einen Regentag finden. Ähnlich bildgewaltig ist "Glutsand", in dem er mit der Methapher "Sieh, wie der Flammenball erwacht und die Dünen erklimmt" einen Sonnenaufgang in der Wüste beschreibt. Wer sich an Sprache ergötzen kann, ist bei Jibba genau richtig.

Ich bewege mich sicherlich in einer Nische, weil meine Musik nicht Massenkompatibel ist. Aber es gibt Menschen, die damit etwas anfangen können, und genau die will ich erreichen.

Jibba

Workshops für Kinder und Geflüchtete

Was viele Kritiker moderner Rapmusik außerdem gern vergessen ist, dass Rap einen niedrigschwelligen Zugang zu kultureller und musikalischer Bildung bietet. Für Rap braucht es keine Instrumente, keine Gesangsausbildung oder Notenlehre. Wenn Jibba in der Villa Lampe in Heiligenstadt Rap-Workshops gibt, dann kommen Kinder mit Musik in Berührung, deren Eltern kein Geld für das Konservatorium haben. Immer wieder gibt er auch Workshops in Flüchlingsheimen und ebnet Geflüchtete einen Zugang zur deutschen Sprache: "Die wollen dann nämlich auch gern auf Deutsch rappen, kennen aber die Vokabeln nicht. Wenn Davut also ans Mic steppen will, dann kommt er erst zu mir und fragt: Jibba wie heißt…? Wie heißt…? Und so lernen sie unsere Sprache mit Rap."

Rap als Selbsttherapie

Wie einfach es sein kann, sich mit Rap kreativ und musikalisch zu betätigen, hat Jibba mit 13 festgestellt. In der sechsten Klasse hatte er angefangen, amerikanischen Gangster-Rap zu hören, weil es auf dem Schulhof cool war. Doch wenig später spielte ihm ein Freund deutschen Hip-Hop vor. Creutzfeld & Jakob und Torch mit "Blauer Samt" öffneten ihm die Augen. "Ich dachte: Wow da kann man Dinge aus seinem eigenen Leben erzählen. Das will ich auch!"

Seither verarbeitet er sein Leben in Rap-Texten. Er rappt über Freundschaften, über Literatur, Kunst, Philosophie und alles, was ihn beschäftigt. Er lässt dabei auch die Tiefpunkte seines Lebens nicht aus: seinen Selbstmordversuch, als er 15 war, seine mehrjährige Drogensucht und manches mehr. Rap half ihm dabei immer, sich die Dinge von der Seele zu reden.

"Viele Sätze in meinen Texten schreibe ich für mich und sage sie beim Rappen zu mir selbst, weil ich oft vergesse, wie gut das Leben ist", erklärt er. "Doch inzwischen versuche ich auch immmer öfter, das Positive herauszustellen." Rap als Selbsttherapie - wie das klingt, hört man im Song "Zurück zum Glück" oder bei "UPwärts" ("up", Englisch für "hoch"), der nachdenklich und verbittert beginnt, sich zum Ende hin aber ins Gegenteil verkehrt und den Hörer motiviert zurücklässt.

Neues Album "Endlich" in Arbeit

Seit 2014 veröffentlicht Jibba seine Musik, vor allem auf dem Youtube-Kanal seiner Crew "5ünfhundert" und der dazugehörigen Website auf Bandcamp. In den vergangenen sechs Jahren ist hier ein beeindruckendes musikalisches Werk entstanden: Zehn Alben, Mixtapes und EPs hat er bisher veröffentlicht, rund 50 Musikvideos und etwa 200 Songs. Noch in diesem Januar erscheint die EP "Crux", die einen kleinen Vorgeschmack auf das kommende Album "Endlich" geben wird.

Das Album ist auch für 2021 geplant, ein genaues Release-Datum gibt es aber noch nicht. Jibba wirkt etwas aufgeregt, wenn er darüber erzählt, denn auf "Endlich" wird er musikalisch neue Wege beschreiten. "Das Album wird alles außer gewöhnlich: Mal rappe ich auf einen langsamen Trap-Beat, mal auf einen Dreivierteltakt, dann singe ich und in einem Song, in dem ich aus der Perspektive eines Tigers auf der Jagd erzähle, besteht das Instrumental aus Sounds, die im Wald aufgenommen wurden."

Ein kleiner Teich im Wald. Es ist neblig.
Ein nebliger Tag auf dem Zehnsberg bei Leinefelde - ideales Wetter für ein Interview... Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

"Weil wir gerade wieder von Wald sprechen", sage ich immer noch fröstelnd, obwohl wir schon mindestens eine Stunde unterwegs sind. "Es ist langsam Zeit, dass wir umkehren. Weißt du, wie wir wieder zurückkommen?" Jibba nickt, zeigt irgendwo in den Nebel und sagt: "Da lang, immer dem Geräusch der scheiß Autobahn nach." 

Quelle: MDR THÜRINGEN

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