Eine Glocke mit der Inschrift ''Alles fuer s Vaterland - Adolf Hitler'' und einem Hakenkreuz.
Insgesamt sollen in Thüringen sechs Glocken mit Inschriften aus der NS-Zeit in Benutzung sein. Bildrechte: imago/epd

Umgang mit Geschichte Streit um Thüringer "Nazi-Kirchenglocken"

Die Thüringer Kirchenglocken mit Nazi-Symbolik sind zum Zankapfel zwischen Evangelischer Kirche und Denkmalschützern geworden. Sollen sie abgehängt, abgeflext, eingeschmolzen werden oder hängenbleiben, weil sie kulturhistorisch wertvoll sind? Ein "Runder Tisch" aller betroffenen Gemeinden Mitte April in Erfurt soll Klarheit schaffen.

von Gerd Nettelroth

Eine Glocke mit der Inschrift ''Alles fuer s Vaterland - Adolf Hitler'' und einem Hakenkreuz.
Insgesamt sollen in Thüringen sechs Glocken mit Inschriften aus der NS-Zeit in Benutzung sein. Bildrechte: imago/epd

In Thüringen wird um die Zukunft der sogenannten "Nazi-Glocken" in evangelischen Kirchen gestritten. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) hatte vorgeschlagen, die Glocken mit Nazi-Symbolik abzuhängen, die Aufschriften abzuschleifen, oder die Glocken einzuschmelzen. Den betroffenen Kirchgemeinden wurde dafür finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt.

Musikinstrumente sind keine Denkmäler

Dagegen regt sich bei Denkmalschützern erheblicher Widerstand. EKM-Sprecher Ralf-Uwe Beck sagte, die Landeskirche rechnet sogar damit, dass Denkmalschützer versuchen würden, den Erhalt der Glocken gerichtlich zu erstreiten. Wie das der Thüringer Staatskanzlei unterstellte Landesamt für Denkmalpflege MDR THÜRINGEN mitteilte, handelt es sich bei den Kirchenglocken zwar "nur" um Musikinstrumente und damit nicht um ein denkmalpflegerisches Problem.

Aber das Vorgehen der EKM sei der falsche Weg. In einer Stellungnahme für MDR THÜRINGEN heißt es: "Die Denkmalfachbehörde ist der Auffassung, dass die Entfernung der sog. 'Nazi-Glocken' oder das zumindest laut Presse von der Kirchenleitung der EKM präferierte Ausschleifen der nationalsozialistischen Embleme und Inschriften nicht der Weg für eine kritische Auseinandersetzung mit beschämenden Sachzeugnissen unserer Geschichte sein kann. Im Gegenteil, Verschweigen und Verdrängen befördern das Vergessen, wo doch Erinnerung, Sühne und bewusstes Eintreten gegen jegliche Humanität und Demokratie verachtende Ideologien sowie die kritische Auseinandersetzung mit deren Ursachen nötig sind. Diese Auseinandersetzungen müssen die betroffenen Kirchgemeinden zunächst selbst führen; sie müssen auch die Entscheidungen im Umgang mit diesen Instrumenten treffen."

Glockenmuseum sieht Handlungsbedarf

Auch das Deutsche Glockenmuseum im nordrhein-westfälischen Gescher hat erhebliche Einwände gegen das Vorgehen der Landeskirche. In einer MDR THÜRINGEN vorliegenden E-Mail an die EKM von Ende Januar heißt es, "grundsätzlich wird in der Glockenkunde und der Denkmalpflege allen Glocken ein Denkmalstatus zugesprochen. Eine Zerstörung dieser Denkmäler wäre der verzweifelte Versuch Geschichte ungeschehen zu machen und eine Flucht vor aufgeklärter Erinnerungskultur. Das Glockenmuseum sieht deshalb "dringlichen Handlungsbedarf", um die "Zerstörung denkmalwerter Objekte" zu verhindern.

Suche nach weiteren "Nazi-Glocken"

Auf dem Gebiet der Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) tauchen mittlerweile immer mehr Kirchenglocken mit Nazi-Symbolik auf. Wie die Landeskirche MDR THÜRINGEN mitteilte, sind bisher neun Glocken in acht Gemeinden bekannt. Davon hängen sechs Glocken in fünf Thüringer Kirchen, drei weitere wurden vor kurzem in drei Kirchen in Sachsen-Anhalt "entdeckt". Laut EKM wird derzeit in allen evangelischen Kirchen nach weiteren Glocken mit Nazi-Symbolik gesucht. Darum könne die Zahl noch weiter steigen. Am 12. April wird es im Erfurter Landeskirchenamt einen "Runden Tisch" mit allen betroffenen Gemeinden geben. Dabei soll laut EKM darüber diskutiert werden, wie es mit den Glocken weiter geht.

Anzeige brachte Stein ins Rollen

Die Thüringer "Nazi-Glocken" wurden laut EKM bereits bei einer Bestandsaufnahme im Frühjahr letzten Jahres "entdeckt". In welchen Kirchgemeinden die Glocken hängen, darüber wurde damals jedoch Stillschweigen vereinbart. In den Fokus der Öffentlichkeit gelangten die Glocken dann durch den Saarländer Gilbert Kallenborn, der Anfang Februar bei der Staatsanwaltschaft Erfurt Strafanzeige gegen die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM), die Landesbischöfin Ilse Junkermann und gegen "Unbekannt" erstattete.

Kallenborn war auch schon gegen die sogenannte "Hitlerglocke" im pfälzischen Herxheim juristisch vorgegangen - allerdings ohne Erfolg. Das zuständige Verwaltungsgericht in Neustadt wies die Klage im Oktober letzten Jahres ab, die Glocke darf in der Jakobs-Kirche hängenbleiben. Die dortige Kirchgemeinde hatte sich aber dazu entschlossen, die Glocke nicht mehr zu läuten. Sie hängt seit 1934 im Turm der Kirche. Sie ist mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift "Alles fuer's Vaterland - Adolf Hitler" versehen.

Glocken-Geläut als Straftat?

Kallenborn wendet sich in seinem Strafantrag in Thüringen gegen die andauernde Nutzung besagter sechs Glocken in fünf Kirchen auf EKM-Gebiet. Kallenberg sagte MDR THÜRINGEN, per Einschreiben habe er Anfang Februar die Erfurter Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Mit dem Bewahren und Weiternutzen der Glocken verstoße die EKM gegen das Strafgesetzbuch, das ein "Vorrätighalten und Nutzen von verfassungsfeindlichen, verbotenen Nazidevotionalien" unter Strafe stellt. Ob die Staatsanwaltschaft Erfurt ein Ermittlungsverfahren einleitet, ist noch nicht entschieden. Derzeit prüft die Ermittlungsbehörde noch, ob überhaupt eine Straftat vorliegt.

Eine Glocke mit der Inschrift ''Alles fuer s Vaterland - Adolf Hitler'' und einem Hakenkreuz.
Die jüdische Landesgemeinde fordert, die Glocken ganz abzuhängen. Bildrechte: imago/epd

Die Landeskirche hatte zunächst die sechs Glocken mit NS-Bezug in fünf Thüringer Kirchen bestätigt und deren weitere Benutzung nicht ausgeschlossen. Die Landeskirche selbst habe keinen direkten Zugriff auf die Glocken und deren Nutzung, sagte EKM-Sprecher Beck. Da die Glocken Eigentum der Kirchgemeinden seien. Nach früheren Meldungen trägt eine dieser Glocken die Inschrift "Gegossen im zweiten Jahre der nationalen Erhebung unter dem Fuehrer und Kanzler Adolf Hitler". Daneben befinde sich ein Kranz mit Hakenkreuz. Die Kirchenzeitung "Glaube und Heimat" hatte berichtet, dass auf einer Bronzeglocke aus dem Jahr 1934 mit Brustbildern von Adolf Hitler und Martin Luther das Hitler-Bildnis unkenntlich gemacht worden sei. Die jüdische Landesgemeinde hatte gefordert, die Glocken ganz abzuhängen.

Kirchgemeinden vor schwierigen Entscheidungen

Die EKM hatte zuvor erklärt, sehr sensibel mit diesem Thema umzugehen. Deshalb würden auch die Standorte der Kirchen nicht öffentlich gemacht, um einen Missbrauch ausschließen zu können. In den Kirchgemeinden laufe eine sehr bewusste und verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit diesem schmerzhaften Kapitel ihrer Geschichte, hieß es. Für die Entscheidung, ob die Aufschriften abgeschliffen, die Glocken stillgelegt oder eingeschmolzen und neu gegossen werden sollen, bräuchten die Gemeinden Zeit.

Knapp 4.000 Kirchen und Kapellen auf EKM-Gebiet

Die EKM hat nach eigenen Angaben aktuell 712.000 Mitglieder in Thüringen, Sachsen-Anhalt und kleinen Teilen Sachsens und Brandenburgs mit 3.139 Kirchengemeinden und verfügt über 3.971 Kirchen und Kapellen. Damit hat die EKM die meisten Gotteshäuser aller Landeskirchen in Deutschland. Etwa jede fünfte evangelische Kirche steht auf dem Gebiet der EKM. Zugleich stellen die Gemeindemitglieder nur etwa 3,3 Prozent der deutschen Protestanten dar.

Kein Nazi-Glocken-Problem in der Katholischen Kirche

Kirchenglocken mit Nazi-Symbolik sind offenbar nur ein Problem der evangelischen Kirche. Der Sprecher des Bistums Erfurt sagte MDR THÜRINGEN, im Gebiet des heutigen Bistums Erfurt seien zur Zeit des Dritten Reiches lediglich vier Kirchenglocken gegossen worden, die jedoch keine Bezüge oder Inschriften zum Naziregime aufwiesen. Auch darüber hinaus sei das Bistum nicht im Besitz solcher Glocken. Dem Sprecher ist auch deutschlandweit die katholische Kirche betreffend nur eine solche Glocke im Bistum Fulda bekannt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. März 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 12:03 Uhr

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95 Kommentare

08.03.2019 13:07 Dorfbewohner 95

“86

...Es macht wohl einen Unterschied ob man ganze Gebäudekomplexe entfernt, die keinerlei offensichtliche Kennzeichen des NS Systems enthalten, oder ob mit einer Glocke zum Gottesdienst ruft die AH preist und mit NS Symbolen verziert ist.”

Also, mir war das dort oben im Kehlsteinhaus nicht so ganz geheuer! Dort zu sitzen und zu speisen und dabei aus einem Fenster zu schauen, wo und wie vielleicht mal der Verbrecher H. das Gleiche tat. Wir wussten nichts von der Vorgeschichte erst ab Ankunft auf dem für mich doch riesigem Parkplatz für Busse und PKW am Fuße des Gipfels und dem doch größerem Informationsgebäude mit der Tafel, wer die Anlage doch alles gefördert hat.

Alles in allem war das Gesehene dort für mich mindest so grenzwertig wie irgendwelche 75 Jahre alten Hakenkreuze auf Thüringer Kirchenglocken... apropos, ist diese Kirchenglocken-Geschicht eigentlich nur eine begrenzte Thüringer “NS Symbol..”-Erscheinung und ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland?

08.03.2019 11:59 Diddy 94

@ Klaus 88:
Ja, nochwas. Keiner will die Sache verharmlosen. Der einzige, der das jeden, der nicht Ihrer Meinung ist, aufdrückt sind doch nur Sie. Bis heute hat das mit den Symbolen auf den Glocken niemanden interessiert. Da hat es auch keinen gestört wenn die Glocken geläutet haben. Übrigens, die Symbole hört man da nicht heraus. Mich stört nur eins, das immer gleich aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird. Wenn es nicht durch die Presse bekannt gemacht worden wäre, würden auch Sie sich nicht darüber aufregen und dem Klang der Glocken anhören, auch wenn auf diesen Nazisymbole wären.

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