Glocke mit Aufschrift "In Treue dem Christus der Deutschen"
Glocke mit Aufschrift "In Treue zum Christus der Deutschen" aus Tambach-Dietharz Bildrechte: MDR/ Lars Reinhardt

Schweres Erbe Thüringer Kirchen und die "Nazi-Glocken"

Sechs evangelische Kirchgemeinden in Thüringen ringen weiterhin mit ihrem Erbe aus der Zeit des Nationalsozialismus. In einem Großteil der Gemeinden ist die Entscheidung mittlerweile gefallen, was mit den Nazi-Symbolik tragenden Kirchenglocken geschehen soll: Sie müssen weg und sollen durch neue Glocken ersetzt werden. In anderen Gemeinden wird noch darüber debattiert. Aber wer bezahlt eine neue Glocke?

von Gerd Nettelroth

Glocke mit Aufschrift "In Treue dem Christus der Deutschen"
Glocke mit Aufschrift "In Treue zum Christus der Deutschen" aus Tambach-Dietharz Bildrechte: MDR/ Lars Reinhardt

Egbert Geißler findet deutliche Worte. Geißler ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats der Regionalgemeinde Kölleda, zu der auch die St. Marien Kirche in Rettgenstedt im Landkreis Sömmerda gehört. Im Gespräch mit MDR THÜRINGEN forderte er Landesregierung und EKM dazu auf, ihre Zusagen zu finanzieller Unterstützung einzuhalten und die Gemeinden nicht "im Regen stehen zu lassen". Geißler sieht sowohl die Politik als auch die Kirche in der Pflicht. Der Gemeinde dürften keinerlei Kosten entstehen.

Kirchenglockenklöppel mit Nazi-Symbolen
Kirchenglockenklöppel aus Neinstedt Bildrechte: MDR/Christoph Schulz

Geißler sagte weiter, der Gemeindekirchenrat habe schon "vor Wochen" darüber entschieden, was mit den drei Glocken in der St. Marien Kirche passieren soll: die schwerste Glocke, die ein Hakenkreuz trägt, soll abgehängt werden, aber im Glockenturm verbleiben. Für sie werde eine neue Glocke angeschafft. Die zweitschwerste Glocke mit einem Eisernen Kreuz solle zunächst hängen bleiben und weiter geläutet werden, ebenso wie die dritte Glocke, die keine Nazi-Symbolik trage. Der Gemeindekirchenrat hat laut Geißler schon einen Kostenvoranschlag für zwei neue Glocken eingeholt. Kostenpunkt: rund 50.000 Euro. Wann mit dem Umbau begonnen werden kann, ist noch völlig offen. 

"Nazi"-Glocke soll ins Museum 

Die Finanzierung einer neuen Glocke für die evangelische Kirchengemeinde in Tambach-Dietharz (Landkreis Gotha) ist geklärt. Wie Pfarrer Lars Reinhardt MDR THÜRINGEN sagte, übernimmt die Landeskirche (EKM) 50 Prozent, die andere Hälfte zahlt der Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf. Die neue Glocke soll eine andere Glocke mit einer Inschrift aus der Nazizeit ersetzen, die seit 1936 in der Bergkirche hängt. Sie solle nicht vernichtet, sondern in einer Ausstellung in Eisenach zum "Entjudungsinstitut" gezeigt werden, so Reinhardt. Bisher war offen, wer die Kosten von rund 12.000 Euro übernimmt.

Glockentausch für 2022/23 geplant 

Auch in Maua, einem Ortsteil von Jena, sind die Würfel gefallen - die "Nazi"-Glocke in der Kirche St. Laurentius kommt weg. Sie trägt die Inschrift "Gegossen im zweiten Jahre der nationalen Erhebung unter dem Fuehrer und Kanzler Adolf Hitler"; außerdem zeigt sie einen Kranz mit Hakenkreuz. Gemeindepfarrer Sieghard Knopsmeier sagte MDR THÜRINGEN, die Glocke solle im Rahmen der für die Jahre 2022/23 geplanten Dachstuhlsanierung entfernt und gegen eine neue ersetzt werden.

Es sei Konsens im Gemeindebeirat, dass es sich bei der Glocke um ein Zeitzeugnis handelt, das möglichst zu historischen Forschungen oder musealen Zwecken erhalten bleiben sollte, so Knopsmeier weiter. Die Sanierung des Glockenstuhls und des Geläuts solle durch eine Stifteraktion finanziert werden. Das eine solche Aktion erfolgversprechend sei und noch dazu mit Lottomitteln unterstützt werden könne, habe gerade die benachbarte Kirchgemeinde Leutra bei ihrer bevorstehenden Dachstuhlsanierung erprobt. 

Oberdorla macht sich auf den Weg 

Kirchenglocke mit Nazi-Symbolen
Kirchenglocke mit Hitler-Konterfei Bildrechte: MDR/Christoph Schulz

In Oberdorla im Unstrut-Hainich-Kreis ist man noch lange nicht so weit. Superintendent Andreas Piontek sagte MDR THÜRINGEN, der Gemeindekirchenrat habe am 23. Mai entschieden, "sich auf den Weg zu machen und dieses hochsensible und emotionale Thema aufzuarbeiten. Der Kirchenrat will sich der Geschichte stellen, die zu einer der schlimmsten Verbrechen überhaupt gehört. Die Hintergründe sollen erforscht werden. Wie war das und wie konnte es dazu kommen? Mit Fachleuten will man über die Frage ins Gespräch kommen, was kann man sinnvoll machen ohne vorschnell zu handeln." Die Glocke in der Kirche St. Peter und Paul trägt ein teilweise zerstörtes Brustbild von Adolf Hitler.  

Noch keine Entscheidung in Bielen 

Ähnlich sieht es in Bielen, einem Ortsteil von Nordhausen, aus. Superintendent Andreas Schwarze sagte MDR THÜRINGEN, seit dem Treffen der Gemeinden mit der EKM am 12.04. 2019 in Erfurt debattiere die Kirchgemeinde über die Zukunft der Glocke in der Kirche St. Martin und St. Johannis. Sie trägt die Inschrift "Im Jahre der Heimkehr des Saarlandes 1935 aufgehaengt im Turm zu Bielen 21.3.35".

Diese Inschrift war zunächst als unbedenklich eingestuft worden, da sie nach Ansicht der Kirchgemeinde keinen direkten Bezug zur Nazi-Zeit hat. Diese Position wird jetzt überdacht. Schwarze sagte weiter, die Kirchgemeinde habe den Prozess der Aufarbeitung ganz bewusst begonnen - unter Hinzunahme aller Fakten, Daten, Erinnerungen und sonstigen, zu berücksichtigenden "Artefakte". Darüber könne aber noch nichts Abschließendes gesagt werden. Bis auf weiteres werde die Glocke nicht geläutet. 

Schwierige Situation in Leutersdorf 

In Leutersdorf im Landkreis Schmalkalden-Meiningen wird auch innerhalb der Gemeinde über die Zukunft der "Nazi"-Glocke gestritten. Gemeindepfarrer Michael Wendel sagte MDR THÜRINGEN, zwar habe der Gemeindekirchenrat einmütig beschlossen, die Glocke in der Kirche St. Veit zu entfernen und eine neue anzuschaffen. Die Glocke mit der Inschrift "a.o.1938 p. Chr. n. und im 5. Regierungsjahre Adolf Hitlers des Dritten Reiches Fuehrer und Kanzler" solle einem Museum oder einer Ausstellung zur Verfügung gestellt werden.

Kirchenglocke mit Nazi-Symbolen
Kirchenglocke in Leutersdorf Bildrechte: MDR/Christoph Schulz

Der Beschluss zum Entfernen der Glocke wird laut Wendel aber derzeit nicht umgesetzt, weil es dagegen erheblichen Widerstand und Proteste innerhalb der Kommune gebe. Darum sei eine weitere Gemeindeversammlung geplant, um bei den Bürgern "Überzeugungsarbeit" zu leisten. Der Kirchenrat suche weiter einen Konsens mit der Gemeinde. 

Streit ums Geld 

Das zentrale Problem ist in allen betroffenen Gemeinden die Finanzierung eines möglichen Glockenaustauschs. Oberkirchenrat Christian Fuhrmann sagte MDR THÜRINGEN, die EKM werde sich mit bis zu 50 Prozent an den Kosten für einen neuen Glockenguss beteiligen. Voraussetzung sei, dass sich die Kirchenkreise und die Kirchgemeinden als Eigentümerinnen der "Nazi"-Glocken selbst engagieren. Die Thüringer Landesregierung hat Finanzhilfen aus dem Landeshaushalt kategorisch ausgeschlossen. In einer von MDR THÜRINGEN angefragten Stellungnahme der Staatskanzlei heißt es unter anderem: 

Die Landesregierung hat stets betont und bleibt auch dabei, dass der Staat nicht in Haftung genommen werden kann für Fehler und Probleme die im alleinigen Verantwortungsbereich der Kirchen liegen. Kirchenglocken unterliegen dem öffentlich-rechtlichen kirchlichen Widmungsrecht. Das Land ist weder Eigentümerin der Glocken, noch hat es Einfluss auf  Ausstattung, Finanzierung oder sonstige Beschlüsse von Kirchengemeinden.

Staatskanzlei

 "Lottomittel sind keine Haushaltsmittel" 

Für Verwirrung sorgten dann Äußerungen von Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke). Ramelow hatte Anfang Juni auf dem jährlichen Treffen mit Spitzenvertretern der evangelischen und katholischen Kirche in Erfurt den betroffenen Gemeinden Finanzhilfen des Landes zugesagt, z.B. aus Einnahmen durch das Lotto-Glücksspiel. Zahlen nannte er nicht.

Kirchenglockei mit Nazi-Symbolen
Kirchenglocke mit Hakenkreuz aus Gossa Bildrechte: MDR/Christoph Schulz

Daraufhin hatte die Staatskanzlei auf erneute Nachfrage von MDR THÜRINGEN erklärt, dass der Ministerpräsident von den Medien missverstanden worden sei. Lottomittel seien keine Haushaltsmittel, ergo stehe keine Finanzhilfe aus dem parlamentarisch abgesegneten Landeshaushalt zur Disposition. Mit anderen Worten: keine Steuereinnahmen. Die strikte Trennung von Staat und Kirche ist nach Auffassung der Staatskanzlei somit gewahrt. 

Hintergrund: Im Landeshaushalt vereinnahmte Überschüsse aus den Staatslotterien werden als sogenannte Lottomittel - zugewiesen durch Beschluss der Thüringer Landesregierung - durch die Ministerien zur Förderung sozialer, kultureller oder sportlicher Projekte eingesetzt (Quelle: Thüringer Sozialministerium). Mit Lottomitteln wurden nach Angaben der Staatskanzlei in der Vergangenheit unter anderem die bauliche Erhaltung von Kirchen als Kulturdenkmäler und die Sanierung von Orgeln in Thüringer Kirchen gefördert. 

Sonderausstellung thematisiert Thüringer “Nazi“-Glocken

Kirchenglocke mit Nazi-Symbolen
Kirchenglocke mit Hakenkreuz aus Rettgenstedt Bildrechte: MDR/Christoph Schulz

Das Thema "Nazi"-Glocken wird auch in die im Herbst geplante Sonderausstellung zum sogenannten "Entjudungsinstitut" der evangelischen Kirche im Lutherhaus Eisenach eingebunden. Dort soll voraussichtlich mindestens eine der Glocken gezeigt werden. Die Sonderausstellung wird vom Bund mit 250.000 Euro unterstützt. Das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" war 1939 gegründet worden. Damit sollte die antijüdische Ideologie der Nationalsozialisten auf die evangelische Kirche und ihre Schriften übertragen werden. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Juni 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 20:06 Uhr

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45 Kommentare

20.06.2019 18:58 Stealer 45

@RicSN: Irgendwelche Dorfkirchenglocken mit Hakenkreuzen und Parolen sind für Sie Denkmäler? Interessant. Und was "dumme" Völker angeht... da wüsste ich eines, dass flächendeckend Kulturgüter in ganz Europa zerstört hat, zuerst im eigenen Land und dann außerhalb im selbst entfachten Eroberungs- und Vernichtungskrieg.

@MICHA "LIEBER TOT etc.": [Unterstellungen entfernt, d. Red./ls] Kindergärten und Schulen haben mit den Glocken rein gar nichts zu tun und sind auch finanziell eine völlig andere Dimension.

19.06.2019 21:09 Deutscher Patriot 44

Es ist widerlich, dass rechte Hetzer immer unser Land in den Dreck ziehen und auf unsere Fahne spucken. Netzbeschmutzer, pfui! Es gibt Werte in unserem Land, wie schon Walter Lübcke sagte. Wem von den Nazis und rechten Scharfmachern das nicht passt, wer auf unsere deutschen demokratischen Werte spuckt, wer dauern nur unser Land bemeckert, der soll doch auswandern. - Das wird man als aufrechter Deutscher Patriot noch sagen dürfen!

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