Beamte testen neue Polizeisoftware ComVor
Bildrechte: MDR/Alexander Reißland

Millionen Datensätze und Millionen Kosten Thüringer Polizei führt landesweit neue Software ein

Die Thüringer Polizei steht vor dem größten Datenbankenwechsel in ihrer bisherigen Geschichte. Das Innenministerium bestätigte, das ab Januar eine neue Software für die Bearbeitung aller Fälle eingeführt wird. Doch dafür müssen Millionen von Daten überspielt werden. Ob das klappt, ist ungewiss.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Beamte testen neue Polizeisoftware ComVor
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Horst Müller* ist seit 20 Jahren in einer Thüringer Kleinstadt als Polizeibeamter unterwegs. Jeden Tag nimmt er Anzeigen auf. Einmal der Fahrraddiebstahl, ein anderes Mal der Einbruch in eine Kleingartenanlage oder der Verkehrsunfall. Wenn Müller seine Daten zusammen hat, geht er in seine Dienstelle und gibt das alles in seinen Computer ein. Bis zum Ende dieses Jahres kann der dafür das Computerprogramm IGVP nutzen. Die Abkürzung steht für "Integrierte Vorgangsbearbeitung Polizei" und ist das Herzstück der gesamten Polizeiarbeit in Thüringen. Denn in IGVP werden alle Vorgänge gespeichert, die bei der Polizei auflaufen. Von der nächtlichen Ruhestörung bis zur großen Mordermittlung.

Doch die gewohnte Arbeit mit IGVP ändert sich ab dem 4. Januar 2019. Ab dann wird ein neues System in Betrieb genommen, für das die Vorbereitungen seit 2014 laufen. Es nennt sich ComVor (Computergestützte Vorgangsbearbeitung) und wird bereits in den Ländern Hessen, Brandenburg, Hamburg und Baden-Württemberg angewendet. Nun soll es in Thüringen an den Start gehen. 6.000 Polizeibeamte und Tarifangestellte müssen ab Januar damit arbeiten. Das Projekt kostet den Freistaat in diesem Jahr 1,6 Millionen Euro. In den Folgejahren sind bis zu 900.000 Euro im gesamten IT-Etat veranschlagt. Nicht nur deshalb gibt es dagegen Vorbehalte.

Herausforderung für die Thüringer Polizei

Das weiß Michael Menzel. Der leitende Polizeidirektor im Thüringer Innenministerium ist so etwas wie der oberste Boss des ganzen Projekts. "Das ist eine der größten Herausforderungen für die Thüringer Polizei", sagt Menzel. Bei Kaffee und Adventsplätzchen in einem Besprechungsraum im Ministerium versucht er zu erklären, worin diese "Herausforderung" besteht. Ihm sei klar, dass Softwareumstellungen in großen Organisationen immer auf Skepsis und Vorbehalte stoßen. "Aber wir sind für den Roll-Out des Projektes gut vorbereitet", sagt Menzel. Der Zeitplan zur Einführung von ComVor läuft seit Anfang dieses Jahres in der heißen Phase. Denn inzwischen, so versichert es Menzel, seien alle Kolleginnen und Kollegen in dem neuen Programm geschult. Zwei Tage pro Frau und Mann standen dafür seit Anfang 2018 zur Verfügung. Bis zum 4. Januar 2019 laufe noch IGVP, dann starte die sogenannte Offline-Phase. In der seien beide Programme noch parallel verfügbar. Ab Montag, dem 7. Januar, komme der Sprung ins kalte Wasser, erklärt Gregor Zeh. Er ist einer von Menzels wichtigsten Beratern in dem Projekt. Dann laufe ComVor scharf.

Transfer von Millionen Daten

Doch davor muss noch eine große Hürde gemeistert werden: In dem noch laufenden Vorgangssystem IGVP stehen Millionen von Daten. Alle Vorgänge, die aufgrund gesetzlicher Fristen nicht gelöscht wurden, müssen weiter verwaltet werden. Eine der kompliziertesten Fragen der Projektgruppe war also: Welche und wie viele Daten übertragen wir in das neue Vorgangsbearbeitungssystem ComVor? Alle? Das sei unmöglich gewesen, sagt Zeh. Klar sei: alle laufenden Fälle, denn die müssten ja weiter bearbeitet werden. Dann habe man sich entscheiden, auch die Daten der abgeschlossenen Fälle aus den letzten 24 Monaten ebenfalls in ComVor zu überspielen. Das sind nach Zehs Schätzungen etwas mehr vier Millionen Datensätze. Diese werden vom alten in das neue System überspielt - von "migrieren" sprechen die Fachleute. Auf die Frage, ob das denn klappe und das auch mal simuliert worden sei, kommt von Menzel und Zeh ein selbstbewusstes "Ja".

Denn wenn man nicht weiß, was genau in der alten Datenbank drin ist, kann man schlecht prüfen, ob in der neuen alles noch da ist.

Kai Christ, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Thüringen

Da ist Kai Christ skeptischer. Der Chef der mitgliederstärksten Polizeigewerkschaft in Thüringen, der GdP, hat sich ebenfalls lange mit dem Thema ComVor beschäftigt. "Niemand weiß, ob der Datentransfer so klappt wie geplant", sagt Christ. Besonders heikel sei für ihn, dass schlecht geprüft werden könne, ob Daten verloren gingen.

Das alte System "konserviert" die Altfälle

Doch Polizeidirektor Menzel gibt sich entspannt. Das alte IGVP-Programm laufe noch zwei Jahre weiter. Zwar sei es nicht mehr verwendbar in der Polizeiarbeit, aber alle Vorgänge seien dort noch erhalten. Auch die, die älter als 24 Monate seien und nicht nach ComVor überspielt würden. Aber was passiert mit den gespeicherten Vorgängen, wenn IGVP dann nach zwei Jahren ausläuft? Auch daran habe man gedacht, so Menzel. Als absolute Rückfallebene gebe es eine Datenbank dahinter, die würde weiter in Betrieb sein.

Also können keine Daten verloren gehen? "Das ist nicht das ganze Problem", sagt Mike Hellwig. Er ist der kommissarische Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). "Das Problem ist die Recherche in ComVor", so Hellwig. Vor allem, wenn Daten aus alten Vorgängen gebraucht würden, die älter als zwei Jahre seien. Dabei gehe es vor allem darum, dass die Schnittstellen zu zwei wichtigen Rechercheprogrammen funktionierten. "Wir bei der Kripo müssen laufend Personen, Tatmittel oder Spuren in der Datenbank suchen", so Hellwig. Das sei in IGVP möglich gewesen, in ComVor gehe das nicht. Deshalb gebe es zwei Suchprogramme, doch die müssten mit ComVor verknüpft sein. "Das sind sie", sagt Ministeriumsbeamter Zeh auf Nachfrage. Auch BDK-Mann Hellwig ist optimistisch, dass das alles klappen wird. "Klar, es wird am Anfang holpern, aber das sei ja auch normal bei so einem Projekt", so Hellwig.

Kritik am Wechsel

Doch der Druck ist groß. Wohl noch bis an den 4. Januar heran werde an den letzten Details gefeilt, heißt es aus Polizeikreisen. Dabei schrauben die IT-Fachleute in der Thüringer Polizei seit 2014 an dem Projekt. Notwendig sei das geworden, weil klar war, dass IGVP irgendwann auslaufen werde, so Mirko Dalski. Dalski ist Referatsleiter "Polizeitechnik" im Thüringer Innenministerium und seit Jahren für die gesamte Neuordnung der IT-Landschaft der Thüringer Polizei mit zuständig. Dazu gehörte auch, vor knapp fünf Jahren zu entscheiden, aus dem IGVP-Programm, das man von Bayern bekommen hatte, auszusteigen. Bayern habe schon 2009 signalisiert, dass es Veränderungen geben werde, sagt Dalski. Das sei dann auch irgendwann wahr gemacht worden. Doch ein Umstieg auf das erneuerte IGVP sei auf lange Sicht zu teuer geworden, so das Ministerium. Thüringen musste sich entscheiden: Dem neuen bayerischen Modell folgen oder mit etwas Anderem, Neuem zu starten? Am Ende entscheidend für den Wechsel zu ComVor war die Mitgliedschaft im Kooperationsverbund der Polizeien von Hessen, Brandenburg, Hamburg und Baden-Württemberg.

Jürgen Hoffmann sieht diese Entscheidung kritisch. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) hätte sich einen Weiterbetrieb von IGVP gewünscht. "Wir hätten uns mit Bayern einigen und da mitmachen sollen", sagt er. Das wäre für die Kollegen einfacher gewesen und hätte nicht diesen Schulungsaufwand bedeutet, wie jetzt bei ComVor. Die Kräfte, die in das neue Projekt gesteckt worden seien, hätte man woanders besser gebrauchen können.

Das weiß auch Polizeidirektor Michael Menzel. Doch er sagt: "Wir ziehen das jetzt durch, aber es muss auch dann weitergehen". Die gesamte IT-Landschaft der Thüringer Polizei sei im Umbruch. Auf die Frage, wie sie den Stand bei ComVor aktuell beurteilen, antworten alle Beteiligten und Betroffenen einhellig: "Jetzt gibt es kein Zurück mehr." Auch für den Kleinstadtbeamten Horst Müller nicht.

(*Name geändert)

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Dezember 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 20:27 Uhr

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5 Kommentare

16.12.2018 10:44 Anette 5

@realist: Häh? Die Schutzpolizei muss also nichts recherchieren, ach ja, die halten nur das Absperrband hoch und reichen den Kaffee..., einfach einmal über den eigenen Tellerrand hinaus schauen.

14.12.2018 21:42 realist 4

So so es gibt zwei rechercheprogramme. Das ist nur die halbe Wahrheit. Im neuen System gibt es null Recherche. sicherheitspolitisch ein Super GAU. Für Kriminalbeamter ein Nuss ohne dem man kaum ermitteln kann. Aber das neue System ist von schutzPolizisten für Schutzpolizisten gemacht wurden. Da hat man die Belange der Kpi wohl vergessen. Das neue System ist eine total veraltetes System aus den 90 Jahren. Das neue IGVP dagegen hochmodern. Sicherheit darf in TH nix kosten.

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