Zeitgeschichte Bischofferode-Kapitel im Buch "Die Treuhand"

Der Historiker Marcus Böick beschreibt den Konflikt um das Kalibergwerk Bischofferode in seinem Buch "Die Treuhand. Idee - Praxis - Erfahrung". MDR.de veröffentlicht das Kapitel mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

von Marcus Böick

"Etwas mehr als 100 Kilometer westlich von Halle, im Eichsfeld, nahm die zweite große öffentliche Auseinandersetzung des Jahres 1993 im thüringischen Dorf Bischofferode ihren Anfang. Dort sollte die Kaligrube "Thomas Müntzer" auf Beschluss des Vorstands stillgelegt und die Belegschaft von siebenhundert Bergleuten entlassen werden. Der für den Bergbau zuständige Vorstand Klaus Schucht hatte bis Anfang 1993 eine deutsch-deutsche "Kali-Fusion" zwischen der treuhandeigenen Mitteldeutschen Kali AG und der westdeutschen BASF-Tochter Kali und Salz eingefädelt. Die Übereinkunft sah die Schließung von Produktionsstandorten in Thüringen und Niedersachsen vor, während an anderen Standorten in Sachsen-Anhalt und Hessen investiert werden sollte - in den alten Ländern sollten insgesamt 1.744 Stellen wegfallen, in den neuen Ländern 1.884. Die komplizierte Vertragskonstruktion, die Schucht mit dem harten Wettbewerb, großen Überkapazitäten auf dem Weltmarkt, dem Wegbrechen der östlichen Absatzgebiete sowie europäischen Kartellvorgaben begründete, erschien aus Sicht der Treuhand-Spitze als betriebs- wie volkswirtschaftliche Königslösung, die die deutsche Kali-Branche mit einem international schlagkräftigen Großkonzern bereichern würde.

Cover des Buches "Die Treuhand"
Cover des Buches "Die Treuhand". Bildrechte: Wallstein-Verlag

Nach Bekanntwerden der Fusions- und Schließungspläne reagierte die Bischofferoder Belegschaft unter Führung ihres Betriebsrates zunächst mit konventionellen Widerstands- und Protestformen. Im April 1993 besetzten die Bergleute die Schachtanlagen; im Mai folgte eine Demonstration vor der Zentrale, die nach einem vergeblichen Erstürmungsversuch mit Eiern und Flaschen beworfen wurde; im Juni organisierten die Bergleute Autokorsos zum Thüringer Landtag nach Erfurt sowie zum Kasseler Stammsitz von Kali und Salz. Als der Betriebsrat einen westfälischen Investor ins Spiel brachte, der die Grube übernehmen wollte, zeigte sich die Treuhand nicht zu Konzessionen bereit und beharrte auf der Fusion.

Nachdem alle konventionellen Optionen ausgeschöpft schienen, wagte ein Teil der Belegschaft den nächsten Schritt. Am 1. Juli traten 40 Bergleute in einen unbefristeten Hungerstreik, während zwei Dutzend Ehefrauen und Kolleginnen die Schachtanlagen besetzt hielten. In den folgenden Tagen und Wochen wurde der Hungerstreik von Bischofferode zu einem nationalen Medienereignis, das sogar internationale Reichweite entwickelte.

Eine rapide wachsende Zahl an Pressevertretern und Kamerateams begleitete den Arbeitskampf in der Provinz und fing drastische Bilder von sichtlich abgemagerten "Kumpeln" auf Campingpritschen, verzweifelt weinenden Frauen oder protestierenden Schulkindern ein; auch die anrückenden Rettungswagen, die die entkräfteten Bergleute ins Krankenhaus abtransportierten, lieferten spektakuläre Aufnahmen. Am 10. Juli versammelten sich über fünftausend Menschen in der Kreisstadt Worbis zu einer Protestkundgebung, auf der der Erhalt des Salzbergwerks gefordert wurde; neben PDS-Politikern wie Gregor Gysi solidarisierte sich auch eine Abordnung von Stahlwerkern aus Duisburg-Rheinhausen. Ostdeutsche Schriftsteller wie Ulrich Plenzdorf und Stefan Heym besuchten unter großem Aufsehen das Bergwerk; der stellvertretende Vorsitzende des Treuhand-Ausschusses im Bundestag, der Sozialdemokrat Wieland Sorge, schloss sich dem Protest zeitweise an.

Für die noch mit den unmittelbaren Auswirkungen der Enthüllungen in Halle ringende Treuhandanstalt wuchs sich "Bischofferode" im Laufe des Juli 1993 zu einem Fiasko aus, da niemand eine derartige Eskalation eines an sich randständigen Konflikts vorausgeahnt hatte. Zunächst schienen die Protestaktionen der Bergleute und ihrer Familien ein bekannter Routinevorgang zu sein, der seit Herbst 1990 zahlreiche Entlassungen und Stilllegungen in Ostdeutschland begleitet hatte. Am 19. Juli hatte Birgit Breuel im Interview erklärt, dass sie der Hungerstreik "keineswegs" unberührt lasse und sie diesen "mit großer Sorge und Betroffenheit" verfolge; es falle ihr aber "sehr schwer, mit Fakten gegen diese menschliche Verzweiflung" anzuargumentieren.

Als der Betriebsrat die Präsidentin zu einem "Aktionstag" zur Diskussion nach Thüringen einlud, antwortete diese am 30. Juli mit einem offenen Brief. Breuel lehnte einen Besuch der Streikenden ab, da "sich dieses Thema nicht zur Erörterung in Großveranstaltungen" eigne. Auch wenn sie sich "sehr wohl bewusst" sei, dass die Schließungsentscheidung "eine schwere Belastung" für die "Menschen in Bischofferode" sei, erschien ihr eine Abwicklung des Standorts aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen "unvermeidlich": "Solche Entscheidungen" müssten "im Westen wie im Osten unseres Landes in entsprechenden Situationen immer wieder getroffen und verantwortet werden."

In der nationalen Öffentlichkeit wurde unterdessen erbittert über die Legitimität des Hungerstreiks gestritten. Während sich linksorientierte und ostdeutsche Regionalmedien mit dem Anliegen der "Kumpel" solidarisierten, mehrten sich kritische Stimmen vor allem in konservativen Blättern und der liberalen Wirtschaftspresse, die den dramatischen Arbeitskampf als "politische Erpressung" oder bloßes "Medienspektakel" verurteilten. Polemische ost-westliche Zuschreibungen über "lernunwillige", undankbare Ostdeutsche oder rücksichtslose Westdeutsche verschärften den Tonfall zusätzlich, was in der internationalen Presseberichterstattung mit vernehmlicher Verwunderung aufgenommen wurde. Mitte August schaltete sich die Bundesregierung in den seit Wochen schwelenden Konflikt ein, als Helmut Kohl den Bergleuten mit einem "Kanzlerwort" den Weiterbetrieb ihrer Grube bis 1995 sowie umfassende Sozialplanregelungen in Aussicht stellte. Im September besetzten die Bergleute einen Sitzungssaal des Berliner Reichstages, um eine Einsichtnahme in den zwischen Treuhand und Kali und Salz geschlossenen Vertrag zu erreichen. Erst im Dezember sollten die Proteste ein endgültiges Ende finden, als 26 Bergleute ein letztes Mal die Schachtanlagen besetzten. Eine zum Erfurter Landtag gereiste Betriebsdelegation stimmte nach hitzigen Verhandlungen dem Vertrag zu, woraufhin das Bergwerk zum 1. Januar 1994 endgültig geschlossen wurde.

An dem Eichsfelder Salzbergwerk vollzog sich im Kleinen, was für die Sozial- und Wirtschaftspolitik der Transformationszeit der frühen 1990er-Jahre insgesamt bestimmend wurde: Die Grubenanlage wurde geschlossen, im Gegenzug erhielten die entlassenen Bergleute im Rahmen eines Sozialplans überdurchschnittlich hohe Abfindungen oder befristete Ersatzarbeitsplätze. Auch wenn sich "Bischofferode" nicht wie von linken Politikern erhofft oder von konservativen Kommentatoren befürchtet zu einem sozialen "Flächenbrand" in Ostdeutschland ausweitete, war der medial intensiv begleitete Protest aus Sicht der Treuhand eine Katastrophe. Das in den ereignisarmen Hochsommerwochen stattfindende Medienereignis erwies sich durch seine scharfen Kontraste als besonders langlebig und rückte die Organisation in denkbar schlechtes Licht. Eine kleine Gruppe einfacher Bergarbeiter in der Provinz gebrauchte ihre eigenen, bald von Schwächung gezeichneten Körper als Waffen gegen eine anonyme Allianz der Mächtigen, bestehend aus kompromissloser Treuhandanstalt, einem bundesdeutschen Monopolkonzern und einer distanzierten Bonner Politik."

Angaben zum Buch Marcus Böick
Die Treuhand
Idee - Praxis - Erfahrung
1990-1994
767 S., geb., Schutzumschlag
79,00 € (D); 81,30 € (A)
ISBN 978-3-8353-3283-6 (2018)

Quelle: MDR THÜRINGEN

AKTUELLES AUS THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Bischofferode - Das Treuhand-Trauma | 05. Juli 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2018, 10:54 Uhr

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