Gedenken Kriegergedächtnis-Kapelle in Dingelstädt erinnert an 580 Gefallene

In der Kriegergedächtniskapelle der "Kleinen Kirche" in Dingelstädt werden alle Männer aus Dingelstädt aufgeführt, die in den letzten beiden Jahrhunderten in Kriegen fielen. Der Ortschronist hat die Namen recherchiert.

Pfarrer Roland Genau in der Kriegergedächtniskapelle in Dingelstädt, in der 580 kleine Glaskreuze an die Kriegstoten seit dem 19. Jahrhundert erinnern.
Pfarrer Genau an einer Tafel mit einem Bibeltext Bildrechte: MDR/Claudia Götze

580 kleine Glaskreuze erinnern in Dingelstädt im Eichsfeld an die Kriegstoten seit dem 19. Jahrhundert. Sie hängen in einer Kapelle, die 1920 bis 1922 an die Marienkirche alias "Kleine Kirche" angebaut wurde. Damals waren auf drei Tafeln 149 Namen der Opfer aus dem dem I. Weltkrieg zu lesen: die Tafel wurden 1961 durch eine allgemeinen Gedenkspruch ersetzt.

Als der Innenraum der Marienkirche vor wenigen Jahren restauriert wurde, kehrte auch das namentliche Gedenken in die Kapelle zurück. Ortschronist Ewald Holbein hat die Namen aufwendig recherchiert und vielen bis dahin unbekannten Opfern des Zweiten Weltkrieges einen Namen gegeben. Die Glaskreuze erinnern an Grabkreuze deutscher Soldaten. "Sie sind so zerbrechlich wie der Frieden", sagt der Dingelstädter Pfarrer Roland Genau. Junge Leute, mit denen er hierher komme, merkten ganz schnell: Krieg ist sinnlos.

580 kleine Glaskreuze erinnern in Dingelstädt im Eichsfeld an die Kriegstoten seit dem 19. Jahrhundert. Rechts das Glaskreuz für den 1995 gefallenen Fremdenlegionär Ralf Günther.
Detailaufnahme der Glaskreuze: Rechts das Glaskreuz für den 1995 gefallenen Fremdenlegionär Ralf Günther. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Opfer aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts

Chronist Holbein erklärt: "Auf der großen dunkelgrauen Wand sind die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts zu sehen". Einige Kreuze stammen aus den 1950er-Jahren; das jüngste ist gerade 25 alt und erinnert an den Dingelstädter Ralf Günther: Er wurde während des Jugoslawien-Krieges 1995 in Sarajewo von einem Heckenschützen getötet - als Angehöriger der Französischen Fremdenlegion, die dort als Internationale Friedenstruppe im Einsatz war.

Eine Dingelstädterin hatte 1945 300 Namen Gefallener aufgeschrieben. Ab 2014 hat Holbein intensiv recherchiert und geforscht. Eine große Hilfe waren die Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel und in Einzelfällen auch die Vermisstensuche der ehemaligen Wehrmacht in Berlin. Holbein weiß nun, dass Dingelstädter auf 101 Soldatenfriedhöfen in 31 Ländern Afrikas und Europa begraben sind.

Gegen die Anonymität

Für den Chronisten ist es wichtig, dass ein Bezug zu heute hergestellt wird. "Der Zweite Weltkrieg ist 75 Jahre vorbei und kaum noch jemand hat einen persönlichen Bezug", sagt Holbein. "Viele junge Leute denken, dass es alte Menschen sind, die ihr Leben im Krieg lassen mussten", so Holbein. In der Kapelle würden sie aber sehen, dass viele 18 und 19 Jahre alte Dingelstädter starben.

Auf einem Info-Terminal gegenüber der Wand hat Holbein alle Jahrgänge aufgelistet und vielfach auch Fotos zu den Opfern veröffentlicht. Mit den Namen sind sie auch aus der Anonymität heraus, erklärt Holbein. Deshalb sei die Kapelle nicht nur Erinnerung und Denkmal für die Gefallenen - sondern auch ein Mahnmal für uns.

Auf den Kreuzen stehen auch überzeugte Täter und Verblendete, weiß Pfarrer Genau. "Wir haben die nicht aussortiert, wir sind nicht die Richter, müssen aber wachsam sein", sagt Genau. "Damit die freie Wand in 100 Jahren nicht auch noch voll ist mit Namen".

580 kleine Glaskreuze erinnern in der Kriegergedächtniskapelle in Dingelstädt im Eichsfeld an die Kriegstoten seit dem 19. Jahrhundert. Ortschronist Ewald Holbein (links) hat die Namen aufwendig recherchiert. Rechts Pfarrer Roland Genau.
Die Glaskreuze in der Kapelle in Dingelstädt. Ortschronist Ewald Holbein (links) hat die Namen aufwendig recherchiert. Rechts Pfarrer Roland Genau. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 22. November 2020 | 08:40 Uhr

3 Kommentare

part vor 7 Tagen

Ich halte die Erinnerung an diese beiden sinnlosen Kriege für wichtig, wichtiger wäre aber noch die Ursachen ständig zu benennen, die diese Kriege auslösten und bis heute kriegerische Konflikte in aller Welt hevorbringen. Unverständlich ist mir das in dieser Region dennoch eine Partei, die stets um Aufrüstung bemüht ist mit besten Wahlergebnissen abschneidet?

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 7 Tagen

Tragisch.


Ich wünschte mir, es gäbe heute noch immer auch in einer Seitenkapelle
meiner Taufkirche jene Namens-Gedächtnistafeln, die an die teuren Toten
von Weltkriegen die Gemeinde erinnern sollen . „ Leider fielen diese einer unglücklichen Sanierung zum Opfer. Heute wird in dieser Kirche nur noch
Musik gemacht. Gottesdienst findet hier seit Jahren nicht mehr statt. “ —
so wird wohl demnächst in einem neuen Kirchenführer auch über meine Taufkirche geschrieben stehen . . .

...und der Volkstrauertag, an dem bislang weltliche Trauer durch das auf-halbmast-setzen staatlicher Hoheitszeichen und das Niederlegen von Kränzen auf Friedhöfen an Kriegsgräberstätten nicht nur durch hohe Herrschaften sichtbar nach außen zur Schau gestellt wurde, wird dann wohl auch für immer und ewig der gemeinsamen Deutschen Geschichte geopfert worden sein ?!

✝️ Mögen sie in Frieden ruhen. ✝️ Alle. ✡️ ☪️ ☯️ 🕉 ☦️ Überall auf der Welt. 💟



...und die Opfer von CORONA ehren wir heute wie und wo ?

kleinerfrontkaempfer vor 7 Tagen

Gut das es solche Tage noch gibt.
Der 1.September wurde und wird da schon ganz ausgeblendet.
Was war da wohl los?

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