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Rot-Buchen bedeckten einst weite Flächen Thüringens und bildeten Urwälder, wie es sie heute kaum noch gibt. Bildrechte: colourbox.com

Forst Die Axt im Urwald: Streit um Stilllegung von Wäldern

In ganz Thüringen sollen 25.000 Hektar Wald sich selbst überlassen werden, damit wieder richtige Urwälder entstehen. Zählen auch Flächen dazu, auf denen "unerwünschte" Bäume gefällt werden? Um diese Frage gibt es Streit. Denn die Bundesstiftung Umwelt schlägt Holz in Thüringen ein - während der landeseigene Betrieb "ThüringenForst" Wälder in Ruhe lassen soll.

von Matthias Thüsing

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Rot-Buchen bedeckten einst weite Flächen Thüringens und bildeten Urwälder, wie es sie heute kaum noch gibt. Bildrechte: colourbox.com

Die kleine Wandergruppe folgt den Reifenspuren im Wald auf der Hainleite. Ordentlich gestapelt liegen Fichtenstämme auf der Lichtung. Die Stümpfe riechen noch frisch, das Sägemehl daneben leuchtet hell auf dem grün-braunen Waldboden. Die Delegation von rot-rot-grünen Landtagsabgeordneten, Forstleuten und Thüringer Ministerialverwaltung schauen sich kurz vor Ostern an, wie die Bundesstiftung Umwelt mit ihren Naturschutzflächen umgeht - in diesem Fall auf der westlichen Hainleite.

Bäume fällen für den Naturschutz

Geplant ist, den Laubwald komplett verwildern zu lassen. Hier soll jener Urwald entstehen, wie er im Mittelalter weite Teile Mitteleuropas bedeckte. Trotzdem lässt die Stiftung hier immer noch die Säge ansetzen. So wie auf 4.000 Hektar Fläche ihres gesamten Waldbestandes. Wie passt das zusammen?

Otto Denstorf ist Betriebsmanager der Naturerbe GmbH, einer Tochter der Bundesstiftung Umwelt. Er betont, es handele sich nicht mehr um eine forstwirtschaftliche Nutzung. "All diese Holzeinschläge dienen ausschließlich dem Naturschutz. Das Ziel ist, das Nadelholz aus den Beständen herauszunehmen", erklärt Denstorf. Damit werde die beabsichtigte Umgestaltung zum reinen Laubwald beschleunigt. Denn die Fichte kommt im Freistaat unter natürlichen Bedingungen nur in den Höhenlagen des Thüringer Waldes vor. Bis 2050 müsse man hier noch einschlagen, sagt Denstorf. Und ja, das Holz werde auch verkauft. Schließlich müssten die Forstarbeiten irgendwie bezahlt werden.

"ThüringenForst" will Buchenwälder auf dem Possen weiter nutzen

Der Holzeinschlag durch die Stiftung führt dazu, dass die Thüringer Landesregierung diese Wälder nicht als Stilllegungsflächen anerkennt. Und daher können sie auch nicht auf jene 25.000 Hektar an Urwaldflächen angerechnet werden, die sich die Koalition aus Linken, SPD und Grünen als Ziel für diese Legislaturperiode gesetzt hat. Stattdessen soll der landeseigene Betrieb "ThüringenForst" weitere Flächen aus seinem Bestand stilllegen - möglichst die wertvollen, weil erntereifen Buchenwälder auf dem Possen südlich von Sondershausen.

"ThüringenForst" sieht durch diese Forderung seine wirtschaftliche Grundlage gefährdert. Sprecher Horst Sprossmann rechnet vor: Die zusätzliche Aufgabe von 4.000 Hektar Waldfläche würde für "ThüringenForst" einen Wertverlust in Höhe von fast 30 Millionen Euro bedeuten. Dazu kämen jährliche Ertragsminderungen in Höhe von fast einer Million Euro.

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Naturschutz und Holzeinschlag sind keine Gegensätze, meint die Bundesstiftung Umwelt. Bildrechte: IMAGO

Auch die Opposition im Landtag protestiert. Der Nordhäuser CDU-Umweltpolitiker und Landtagsabgeordnete Egon Primas fordert ein "gleiches Recht für alle." Wenn die Bundesstiftung bis Mitte des Jahrhunderts den Wald noch nutzen dürfe, müsse es auch dem Landesforst erlaubt sein. Was spräche denn dagegen, wenn "ThüringenForst" im Possen noch einige Jahre ernte - und dann die Flächen anschließend dem Wildwuchs überlasse? Olaf Kiessling von der AfD erinnert daran, dass ausgerechnet der maßvoll bewirtschaftete Wald die größte Artenvielfalt in sich berge.

Es sind Kompromisse, die auch für linke und sozialdemokratische Umweltexperten denkbar erscheinen. Tilo Kummer (Linke) und Dagmar Becker (SPD) sind inzwischen tiefer in den Laubwald hineingeführt worden. Hier können sie und die übrigen Wanderer bestaunen, wie der Wald einmal aussehen könnte. Denn in diesem Teil der Hainleite wurde schon lange kein Baum mehr gefällt. Buchen wachsen heran, ihre mächtigen Kronen spenden im Sommer Schatten. Irgendwann sterben sie, kippen um. Leben zieht ins Totholz ein. Alles ganz natürlich.

Politischer Kompromiss: Stilllegung neu definieren

Tilo Kummer fordert: "Wir müssen über den Begriff Stilllegung reden." Weil auf den Stiftungsflächen keine Bäume mehr für die forstliche Nutzung entwickelt würden - auch die schiefen und krummen dürfen stehenbleiben -, könne nicht mehr von Forstwirtschaft im klassischen Sinne gesprochen werden. Jeder Einschlag diene dem Ziel, den Wald zum Urwald umzubauen, argumentiert Kummer. Also müssten sämtliche 7.000 Hektar Wald der Stiftung als Stilllegungsfläche betrachtet werden. Die politisch gesetzte 25.000-Hektar-Marke sei damit bereits erreicht. Und "ThüringenForst" müsse auf "seinen" Possen nicht verzichten.

Es wäre ein politischer Kompromiss, der fast nur Sieger kennt: Die Landesregierung könnte jetzt schon die Planerfüllung vermelden. "ThüringenForst" dürfte die Buchenwälder des Possen weiter nutzen - und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt könnte bis 2050 einen Teil ihrer Flächenbetreuung über den Holzverkauf finanzieren.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 18.04.2017 | ab 18:00 Uhr
MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18.04.2017 | ab 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2017, 19:37 Uhr

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