Verlegung nach Hardheim Bundeswehr-Standort Bad Frankenhausen verliert eine Panzerkompanie

Porträt Autor Dirk Reinhardt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

In der Kyffhäuser-Kaserne in Bad Frankenhausen packen Soldaten einer Panzerkompanie derzeit Kisten für einen Umzug. Die Einheit soll im Oktober dauerhaft nach Hardheim in Baden-Württemberg wechseln, wo sie den Kern eines neuen Panzerbataillons bilden wird. Kompaniechef Christian Kagelmann spricht von "Wehmut", das schöne Nordthüringen zu verlassen, und von "Vorfreude" auf neue Aufgaben im Odenwald.

Ein sonniger Vormittag in der Kyffhäuser-Kaserne in Bad Frankenhausen. Vor großen Garagen stehen Pkw, Lkw und mehrere Kampfpanzer des Typs Leopard 2 in Reih und Glied. An einigen der Kampfkolosse arbeiten Soldaten, lösen Teile aus den schweren Ketten. Andere fahren ihre 60 Tonnen schweren Panzer zum Auftanken. Ein, so wirkt es auf den Besucher, normaler Arbeitsalltag im Standort des Panzerbataillons 393.

In einer der Garagen packen mehrere Soldaten und eine Soldatin Kisten und beladen damit einen Lkw. Sie gehören zur 4. Kompanie des Gebirgspanzerbataillons 8. Einer Einheit, die dem Panzerbataillon 393 zugeordnet ist. Die Kisten sind für den künftigen Standort der Kompanie bestimmt: die Carl-Schurz-Kaserne im baden-württembergischen Hardheim. Dort hat seit einigen Monaten das Panzerbataillon 363 seine Heimat. Die Einheit ist derzeit im Aufbau befindlich, hat noch keine Panzer und Panzerbesatzungen.

"Die Chancen einer neuen Aufgabe gesehen"

Hauptfeldwebel Ricardo Heißner sitzt an einem Tisch und kontrolliert das Packen einer Kiste. Hakt auf einer Liste nach und nach Werkzeuge und andere Gegenstände ab, die in die Kiste gepackt werden. Heißner lebt mit seiner Familie hier in Nordthüringen. Die wird er ab Herbst für die nächste Zeit erstmal nur an den Wochenenden sehen. Der Hauptfeldwebel gehört zu den 35 Soldaten der Kompanie, die an den neuen Standort im Odenwald wechseln werden.

Hauptfeldwebel Ricardo Heißner
Hauptfeldwebel Ricardo Heißner Bildrechte: MDR/Johannes Hornemann

Die Entscheidung, mit seiner Einheit nach Baden-Württemberg zu wechseln, habe einige Zeit gebraucht, erzählt Heißner. Gedanken und Fragen haben ihn beschäftigt - Wie denkt die Familie darüber, fühlt man sich am neuen Dienstort wohl, wird der Dienst dort so sein wie hier in Bad Frankenhausen? "Aber ich habe die Möglichkeiten und Chancen gesehen, ein neues Bataillon von Grund auf mit aufzubauen."

Bundeswehr vergrößert ihre Panzertruppe

Die 4. Kompanie wird den Kern des neuen Panzerbataillons 363 bilden, dessen Aufstellung die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen Ende 2018 angekündigt hatte. Grund für die Aufstockung der Panzertruppe sei die veränderte Sicherheitslage in Europa, hatte die Ministerin am 6. Dezember 2018 bei einem Besuch auf dem Truppenübungsplatz Munster erklärt. Landes- und Bündnisverteidigung stünden künftig wieder stärker im Fokus. Dabei bildeten die gepanzerten Truppen "das Rückgrat des Heeres". Mit anderen Worten: Die Bundeswehr soll sich künftig stärker auf mögliche Konflikte mit möglichen Gegnern an den Grenzen des Nato-Bündnisgebietes vorbereiten.

Soldaten der 4. Kompanie des Panzerbataillons in Bad Frankenhausen
Soldaten der 4. Kompanie bei der Ausbildung im Panzerbataillon 393 in Bad Frankenhausen Bildrechte: MDR/Johannes Hornemann

Konkrete Erfahrungen mit dieser neuen Fokussierung haben die Soldaten und Soldatinnen der 4. Kompanie aus Bad Frankenhausen schon selbst gemacht: Im Jahr 2018 gehörte die Einheit sechs Monate lang einem von Deutschland geführten Nato-Bataillon in Litauen an - im Rahmen der Enhanced Forward Presence (EFP). Aufgabe der insgesamt vier von Nato-Staaten im Wechsel bestückten Bataillone in den drei baltischen Staaten und Polen ist es, das Sicherheitsgefühl in den osteuropäischen Nato-Ländern zu stärken - gegen eine Bedrohung aus Russland.

"Der Verlust jedes Soldaten schmerzt mich"

In Litauen hätten die Soldaten der Einheit unter seiner Führung "treu und tapfer guten Dienst verrichtet", sagt Oberstleutnant René Braun. Er ist der Kommandeur des Panzerbataillons 393. Deshalb schmerze ihn der Verlust der Soldaten durchaus, räumt er ein. "Aber ich weiß, dass sie in Hardheim unter guter Führung eine gute Panzerzeit haben werden", sagt er. Ersatz für die nach Hardheim wechselnde Kompanie wird seine Einheit in Nordthüringen nicht bekommen, die Zahl der aktiven - also mit Personal ausgestatteten - Panzerkompanien von vier auf drei reduziert. Jedoch werde eine neue, sogenannte nichtaktive Kompanie für Reservisten aufgestellt, erläutert Braun.

Battaillonskommandeur Oberstleutnant Rene Braun im Gespräch mit einem Offizier
"Der Verlust jedes Soldaten schmerzt mich": Oberstleutnant René Braun, Kommandeur des Panzerbataillons 393 (li.) Bildrechte: MDR/Johannes Hornemann

Nichtaktiv bedeutet - vereinfacht formuliert - dass eine Einheit praktisch nur auf dem Papier besteht. So wie auch das Gebirgspanzerbataillon 8, zu dem die 4. Kompanie bislang formal gehörte und das derzeit von einem Reserveoffizier kommandiert wird. Die Namensgebung dieses Bataillons war Ergebnis einer der Bundeswehr-Strukturreformen der vergangenen Jahre und hat eher wenig mit der Vorstellung zu tun, dass seine Panzer für den Einsatz im Gebirge gedacht wären.

"Werde den Kyffhäuserkreis vermissen"

Kompaniechef Christian Kagelmann spricht von einer neuen Herausforderung, vor der er und seine Leute in Hardheim stünden. Der Standort dort habe eine lange Panzertradition und der Aufbau einer neuen Einheit sei eben nichts Alltägliches, sagt der Hauptmann. Ein "bisschen Wehmut" sei bei ihm und vielen seiner Soldaten aber auch dabei, wenn sie an den Wechsel nach Baden-Württemberg dächten.

"Ich verlasse hier in Bad Frankenhausen ein starkes Bataillon, in dem ich gerne gedient habe." Den Kyffhäuserkreis werde er schon vermissen, sagt Kagelmann. "Die Landschaft hier ist sehr schön, die Leute sind sehr herzlich hier", sagt der gebürtige Südthüringer, der auch auf eine gute Zusammenarbeit seiner Kompanie mit ihrer Patengemeinde Wiehe-Roßleben verweist. Und er empfinde zugleich "Vorfreude" auf Hardheim. Man freue sich dort auf die Bundeswehr, sagt Kagelmann. Das habe er bei seinen bisherigen Besuchen dort gespürt.

Kompaniechef Hauptmann Christian Kagelmann
"Wehmut und Vorfreude": Kompaniechef Hauptmann Christian Kagelmann Bildrechte: MDR/Johannes Hornemann

Linke: Über mögliche wirtschaftliche Folgen reden

Im politischen Thüringen sieht man den Abzug der Kompanie aus Bad Frankenhausen mit gemischten Gefühlen. Es sei "schade, dass wir diese Kompanie verlieren", sagt der bundeswehrpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Christian Herrgott. "Aber wir freuen uns, dass aus Thüringen heraus mit fachlich qualifizierten Soldaten ein neuer Standort mit aufgebaut werden kann. In Thüringen habe die Bundeswehr "eine starke Heimat", der es "gut zu Gesicht stünde, bei künftigen Standortdebatten und neu aufzustellenden Verbänden sehr klar die Hand zu heben".

MdL Christian Herrgott
"Schade, dass Thüringen diese Kompanie verliert" - Christian Herrgott (CDU) Bildrechte: MDR/Johannes Hornemann

Der innenpolitische Sprecher der Linke-Landtagsfraktion, Steffen Dittes, verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung, die die Bundeswehr-Standorte für die Kommunen haben. Die Entscheidung über den Abzug einer Panzerkompanie aus Bad Frankenhausen sei nach seiner Kenntnis "vor Ort gar nicht groß öffentlich bekannt und öffentlich diskutiert worden". Hier müsse sich die Bundeswehr mit kommunalen Vertretern zusammensetzen und über mögliche wirtschaftliche Folgen einer solchen Standort-Entscheidung diskutieren. Da gebe es durchaus noch "Nachholbedarf".

MdL Steffen Dittes
"Mögliche wirtschaftliche Folgen des Abzugs mit betroffenen Kommunen diskutieren" - Steffen Dittes (Die Linke) Bildrechte: MDR/Johannes Hornemann

Beim Panzerbataillon in der Kyffhäuser-Kaserne bereitet man sich indes auf bevorstehende Übungen vor, an denen auch die 4. Kompanie teilnehmen soll. Bis sie dann am 2. Oktober offiziell aus Thüringen verabschiedet wird.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. August 2020 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

part vor 5 Wochen

Nachtrag: Bad F, wie früher schon im Militärjagon genannt, ist eine wunderschöne Stadt mit dem schiefesten Turm der Welt, mit einer wundervolle Salztherme, dem längsten Panorama- Gemälde der Welt, war Hauptaustragungsort des großen deutschen Bauerkrieges und beherbergt ein Salz- Sole- Bad neben einem Kurgelände das ihres Gleichen sucht. Touristisch ist dieser schöne Ort eigentlich noch untervermarktet, da zu unbekannt. Die Kasernen von Panzer- und Artellerie- Truppen in 5 km Entfernung haben dem Ort noch nie gut getan, auch in der DDR nicht. Mit dem Abzug einer Kompanie fällt ein wenig Kaufkraft weg von Personen die eh nur kaserniert sind und nicht in vollem Umfang Konsumenten sind... Bad Frankenhausen ist eine Kurstadt mit vollem Anspruch und keine Garnisitionstadt und weniger Militär bedeutet mehr Sicherheit für die Bewohner.

part vor 5 Wochen

Unnütz, diese Art der Landesverteidigung finde ich, denn der proklamierte Gegner möchte an uns Energierohstoffe liefern und der proklamierte Bündnispartner überschüttet uns und die zukünftige Energieversorgung mit Sanktionen, da passt doch etwas nicht zusammen. In ganz Europa sind wir von demokratischen Regierungen im Verbund der EU umgeben und trotzdem erhöht die BRD ihren Rüstungsetat? Beim Aufbau einer Brandschutz- Armee, die beim heutigen Klima nötiger denn je erscheint, da schläft der Staatenverbund in der EU, obwohl es für Rüstungsfirmen leicht wäre auf den Bau von Brandbekmpfungsgeräten umzuschwenken.

Dynamo vor 5 Wochen

Ein Punkt ist meiner Meinung nach in diesem Bericht überhaupt nicht erwähnt worden. Eine ungefähre Kostenaufstellung finde ich nirgends. Und wenn ja, würden die wahren Kosten sicherlich auf das Doppelte rauskommen. Wer angeblich nichts zu verbergen hat, nennt auch Details. So aber werden diejenigen im Dunkeln gelassen, die alles bezahlen dürfen, also wir. Wenn Russland Deutschland hilft, schwere Technik per Flugzeug zu transportieren, werden diese Deutschland kaum angreifen ? Warum wird uns aber als Begründung für Manöver nahe zur russischen Grenze immer wieder versucht zu erklären, dass ist eine Schutzmaßnahme gegen einen russischen Angriff. Ich sehe es als blinden Gehorsam zur US-Armee. 20.08.2020, 21:38

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