Thüringer Soldaten bei einer Übung in Litauen
Soldaten des Panzerbataillons 393 aus Bad Frankenhausen üben in Litauen. Bildrechte: MDR/Sebastian Jakob

Bad Frankenhausen | Litauen Nordthüringer Soldaten üben in Litauen

Seit Anfang August üben Nordthüringer Soldaten den Ernstfall in Litauen. Sie sind dort Teil einer NATO-Mission. Jetzt hat eine Delegation aus dem Kyffhäuserkreis die Truppen vor Ort in Rukla besucht.

von Sebastian Jakob

Thüringer Soldaten bei einer Übung in Litauen
Soldaten des Panzerbataillons 393 aus Bad Frankenhausen üben in Litauen. Bildrechte: MDR/Sebastian Jakob

Stille. Absolute Stille. Das Waldstück nahe der Stadt Rukla in Litauen wirkt idyllisch. Plötzlich huscht ein Schatten durch die Kiefern-Lücken. Dann noch einer. Man muss genau hinsehen, um die fünf Soldaten zu erkennen. Sie sind schwer bewaffnet und perfekt getarnt. Grüne Farbe im Gesicht, Laub auf dem Kopf. Langsam rücken die fünf Männer vor. Ihre Mission: aufklären. Denn hinter ihnen folgen Panzer. Die Soldaten sollen dafür sorgen, dass die Kampffahrzeuge unbeschadet ans Ziel kommen. Der Aufklärungstrupp bleibt stehen. Die Soldaten knien sich hin, sind kaum noch zu erkennen.

Plötzlich fallen Schüsse. Rechts schlägt eine Granate ein. Feuergefecht. In dem eben noch so stillen Wald knallt es im Sekundentakt. Die Gewehrsalven werden von Schreien übertönt. Ein Soldat wurde getroffen. Er liegt schwerverletzt auf dem Boden. Die Hilferufe wirken so echt, dass die kleine Delegation aus dem Kyffhäuserkreis kurz vergisst, dass sie nur bei einer Übung zuschaut.

Landrätin Antje Hochwind (SPD), dem Sondershäuser Bürgermeister Steffen Grimm (parteilos) und Verwaltungschef Heinz-Ulrich Thiele wurden exklusive Einblicke in den Arbeitstag der Thüringer Soldaten gewährt. „Wir wollten uns ein Bild von den Bedingungen vor Ort machen. Hier in Rukla sind fast 550 Soldaten aus Deutschland stationiert, die meisten davon kommen aus Thüringen und viele aus dem Kyffhäuserkreis“, sagt Landrätin Hochwind. Die Soldaten sind Teil einer NATO-Mission. Sieben Nationen üben gemeinsam in Litauen unter realitätsnahen Bedingungen. Insgesamt rund 1250 Männer und Frauen. Der Hintergrund: Litauen liegt zwischen der russischen Provinz Kaliningrad und Weißrussland.

Die Litauer sehen eine reale Bedrohung und haben Angst, dass russische Soldaten über die Grenze kommen könnten, um das Land einzunehmen. Deshalb sind wir hier.

Ein Bundeswehrmajor im Manöver in Litauen

Das sagt ein Major, dessen Namen MDR Thüringen aus Sicherheitsgründen nicht nennen darf. Aus Bündnissolidarität hat die NATO 2016 beschlossen, mehr Präsenz, unter anderem in Litauen, zu zeigen. Herausgekommen ist die sogenannte Mission „Enhanced Forward Presence“. Im Prinzip ist das nicht anders als Abschreckung. „Damit weiß Russland, dass es sich im Falle eines Angriffs nicht nur mit dem kleinen Litauen anlegt, sondern direkt mit der ganzen NATO“, betont der Major.

Thüringer Soldaten bei einer Übung in Litauen
Zum Glück nur eine Übung: Auch die "medizinische" Versorgung von Verletzten im Gefecht gehört dazu. Bildrechte: MDR/Sebastian Jakob

Deutschland bildet die „Rahmen-Nation“ des Einsatzes und stellt damit auch die meisten Soldaten. Sechs Monate lang ist das Panzerbataillon 393 aus Bad Frankenhausen in Litauen. Dann wird es von einer anderen Einheit abgelöst. Ihr Anführer, Oberstleutnant René Braun hat damit das Oberkommando über den multinationalen Gefechtsverband vor Ort. Kurz: Sollte die Situation eskalieren, wären die Thüringer Soldaten in der Verantwortung. 13 Kampf- und ein Bergepanzer sind mit den Soldaten aus dem Kyffhäuserkreis in das baltische Land gekommen. Dort üben sie unterschiedliche Einsätze in Kooperation mit verbündeten Einheiten.

So wie auf dem angrenzenden Truppenübungsplatz. Die Schreie werden immer lauter. Der junge Soldat hat einen Steckschuss im Bein sowie einen Lungendurchschuss. Vor ihm steigt Nebel auf. Ein anderer Soldat hatte eine Rauchgranate geworfen und feuert jetzt weiter. Der Verletzte wird weggezogen und in einem Erdloch medizinisch versorgt. Das Blut wirkt erschreckend echt. So wie die Erstversorgung. „Es ist schon beeindruckend, was die Männer und Frauen hier vor Ort leisten. Vor allem unter so realistischen Bedingungen“, sagt Sondershausens Bürgermeister Grimm. Der Verletzte wird in einen speziellen Geländewagen verfrachtet und aus der Gefahrenzone gefahren. Seine Kameraden müssen weiter machen. Im Wald ist es wieder ruhig geworden. Auch den Aufklärungstrupp sieht man kaum noch. Er ist weitergeschlichen.

Antje Hochwind (SPD), Landrätin Kyffhäuserkreis, Steffen Grimm, Bürgermeister Sondershausen und Heinz-Ulrich Thiele, Verwaltungschef Sondershausen
Auf Stippvisite, nicht nur bei der Bundeswehr: Antje Hochwind (SPD), Landrätin des Kyffhäuserkreises, Steffen Grimm, Bürgermeister von Sondershausen und Heinz-Ulrich Thiele, der Verwaltungschef von Sondershausen (von links). Bildrechte: MDR/Sebastian Jakob

Der Besuch bei der Bundeswehr war nicht die einzige Station während der mehrtägigen Delegations-Reise der Nordthüringer nach Litauen. Bei einem Besuch der Partnerstadt von Sondershausen, Kazlu Ruda, wurde die Bedeutung einer solchen Kooperation unterstrichen. Vor allem in Bezug auf junge Menschen, die von Austauschprogrammen profitierten. Ähnlich wie Sondershausen ist auch Kazlu Ruda von sinkenden Einwohnerzahlen und wirtschaftlichen Problemen betroffen. Die Verantwortlichen beider Städte betonten deshalb, die Wirtschaftsbeziehungen in Zukunft verstärken und noch enger zusammenarbeiten zu wollen.

Auch zum Deutschen Roten Kreuz vor Ort pflegt der Kyffhäuserkreis seit Jahrzehnten engen Kontakt und unterstützte punktuell verschiedene Projekte. Bei einem Treffen mit engagierten Frauen in der Partnerstadt wurde die Bedeutung dieser langjährigen Kooperation unterstrichen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

AKTUELLES AUS THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | THÜRINGEN JOURNAL | 19. September 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2018, 20:44 Uhr

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21 Kommentare

22.09.2018 20:25 W. Merseburger 21

An @ 18, Realist?,
da die Kommentarfunktion noch offen ist, darf ich wohl antworten.
Die Nibelungentreue (Hagen von Tronje) war ein stehender und gegen Ende des zweiten Weltkrieges immer stärker propagierter Kampfbegriff in der Zeit des Nationalsozialismus. Meine Ehre heißt Treue war der Wahlspruch der SS. (siehe wikipedia zum Thema) Ich empfehle ihnen weiterhin nach ihrem "brillianten" Kommentar: Beschäftigen sie sich mal mit der Geschichte und den Ereignissen, über die wir hier diskutieren. Dazu brauchen sie allerdings Zeit und Hintergrundverständnis. Jeder, der heute anders, konservativer denkt bezüglich aktueller politischer Daten wird sofort in die AfD Ecke und als Rechtsradikaler abgestempelt. Sie machen es auf die alte Tour; jeder , der vieles anders sieht bezüglich Russland, ist ein unverbesserlich von der SED Verblendeter. So einfach ist es eben heute nicht mehr. Und das Russland Bashing findet hier, d. h. in den NBL wenig Verständnis.

22.09.2018 14:50 martin 20

Und was war im 30jährigen Krieg und während des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation"? Und haben die Wikinger nicht auch in der Ostsee operiert?

Die historischen Vorgängen taugen m.E. nur begrenzt bei der Beantwortung der Frage, was heute sicherheitspolitisch sinnvoll ist.

Persönlich kann ich die Sorge der Balten und Osteuropäer vor der militärischen Wahrung russischer Interessen genauso gut nachvollziehen, wie die Sorgen / den Ärger auf russischer Seite, wie sehr sich die Nato gen Osten ausdehnt.

Und mit "bemerkenswerten Begründungen" haben sowohl Russland wie auch Nato-Staaten in jüngerer Vergangenheit in die nationale Souveränität von Drittstaaten eingegriffen. Daher halte ich die Sorgen beider Seiten für berechtigt.

Ich sehe bezogen auf Europa derzeit eine militärische Angriffsbedrohung eher von der russischen Seite als von der Nato-Seite. Vor allem wenn Russland zur Wahrung seiner Interessen auch die militärische Option in Betracht zieht.

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