Chefarzt im Interview Warum holt Thüringen Corona-Patienten aus dem Ausland?

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Thüringen hilft in der Corona-Krise seinen europäischen Nachbarn. Am Mittwochabend flogen dafür vier Helfer der Uniklinik Jena nach Italien. Etwa zur gleichen Zeit landete in Nordthüringen ein Hubschrauber mit zwei Corona-Patienten aus Frankreich. Sie werden in der Lungenspezialklinik in Neustadt im Südharz behandelt. Zwei weitere Patienten aus Frankreich werden erwartet. Der Chefarzt und ärztliche Direktor der Lungenklinik, Dr. Bernd Kurz, äußert sich dazu im Interview mit MDR THÜRINGEN.

Dr. Bernd Kurz, Chefarzt der Lungenspezialklinik in Neustadt im Südharz
Dr. Bernd Kurz, Chefarzt der Lungenspezialklinik in Neustadt im Südharz Bildrechte: Lungenklinik Neustadt GmbH

MDR THÜRINGEN: Dr. Bernd Kurz, woher stammen die Patienten?

Dr. Bernd Kurz: Die beiden Patienten kamen am Mittwoch um 18:15 Uhr mit einem Armeehubschrauber in der Nähe von Nordhausen an. Sie wurden dann mit dem Intensiv-Transport zu uns ins Krankenhaus verlegt. Den beiden Patienten geht es der Situation entsprechend gut. Die Patienten sind stabil, aber werden beatmet.

Das ging dann aber schnell. Am Mittwoch hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow angekündigt, dass dies zugesagt und geplant sei.

Dass das so schnell geht, damit hätten wir auch nicht gerechnet. Aber da sieht man vielleicht, wie angespannt die Lage in Frankreich ist. Und ich denke, wir reden immer viel über Europa. Hier sind wir dann wirklich mal gefragt, den Nachbarn in Europa wirklich zu helfen!

Wie lange werden die Patienten in Ihrer Klinik bleiben?

Da kann ich nur spekulieren. Grundsätzlich ist es so: Wenn sich keine bakterielle Infektion bei den Covid-19-Patienten draufsetzt und die akute Phase überstanden ist, bekommen wir die Patienten eigentlich auch recht zügig von der Beatmung weg.

Zunächst hieß es, die Klinik würde insgesamt fünf Franzosen aufnehmen. Nun heißt es, es seien insgesamt vier. Wann kommen die restlichen Patienten?

Wir haben uns jetzt erst mal mit den Kollegen in Frankreich auf eine Aufnahme von vier Patienten verständigt. Fünf Patienten wären auch für uns eine hohe Belastung, so dass es schon Sinn macht, nicht auf einmal aufzunehmen.

Das Nächste ist die Transportkapazität des Hubschraubers. Dort passen zwei Patienten hinein. Für fünf Patienten müsste der Hubschrauber sozusagen einmal halbvoll fliegen - was nur begrenzt Sinn macht, da die Flugstrecke lang ist. Sodass wir jetzt gesagt haben, wir nehmen erst mal vier Patienten auf. Das heißt, es werden entweder heute oder morgen nochmal zwei Patienten kommen.

In sozialen Medien ist der Vorwurf zu lesen, ausländische Patienten würden uns entweder Ärzte oder Beatmungsplätze "wegnehmen". Stimmt das?

Nein. Die Beatmungskapazitäten bei uns werden ja auch wieder frei. Natürlich gibt es in Thüringen auch beatmungspflichtige Patienten. Da sind wir in der Pflicht, für diese Patienten Beatmungskapazitäten vorzuhalten. Wir haben diese auch gut ausgebaut, soweit es eben das Personal zulässt. Geräte sind immer das eine - Personal das Entscheidende. Und wir haben momentan ausreichend Beatmungskapazitäten, um eben gegebenenfalls auch eine deutliche Zunahme in Thüringen oder im Landkreis Nordhausen abfangen zu können.

Die Bevölkerung braucht jetzt nicht besorgt zu sein, dass Beatmungskapazitäten für die eigene Bevölkerung knapp werden könnten, wenn wir aus Frankreich Patienten übernehmen. Da haben wir vorgesorgt.

Noch ist die Lage in Thüringen ja nicht so kritisch wie in Frankreich oder Italien.

Man kann klar sagen: Wir haben genug Beatmungskapazitäten im Landkreis und auch in Thüringen, die bisher nicht genutzt werden. Für die Bevölkerung stehen wirklich ausreichend Beatmungskapazitäten zur Verfügung, weil wir zum Beispiel Operationen verschoben haben. Sodass die Bevölkerung keine Sorge tragen muss, dass irgend jemand hier aufgrund der Patienten aus Frankreich nicht beatmet werden kann.

Hier sind die Betten also (noch) leer?

Ich muss sagen, es wäre nicht zu verantworten, wenn wir hier Behandlungskapazitäten freihalten würden, die wir momentan nicht benötigen, und deswegen im Elsass in Frankreich Patienten sterben würden, weil die Kollegen dort alle Behandlungskapazitäten ausgeschöpft haben.

Patient wird von Hand beatmet, Reanimation durch Elektroschock wird vorbereitet, mit einem Defibrillator.
Intensivstation (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Jochen Tack

Wir müssen auch daran denken, dass Europa nicht nur heißt, wir können ohne Grenzen nach Frankreich, Belgien oder Italien in den Urlaub fahren und die Annehmlichkeiten genießen. Europa heißt auch immer, dass wir verpflichtet sind, den Nachbarn in Notfällen zu helfen. Und dass man auch gegebenenfalls als Krankenhaus in Deutschland den Kollegen unterstützend zur Seite springen muss - wenn die bei sich alle Kapazitäten ausgeschöpft haben. Soweit wir es können - natürlich ohne den Versorgungsauftrag für die Patienten im eigenen Land zu gefährden.

Und genau das haben wir abgewogen und gesehen, das wir hier Kapazitäten aufgebaut haben, die wir Frankreich zur Verfügung stellen können. Und dazu sind wir sicherlich auch moralisch verpflichtet und sollten uns nicht hier hinsetzen und darauf warten, das hier die Patienten krank werden und beatmungspflichtig - während in der gleichen Zeit in Frankreich, Italien und Spanien die Patienten sterben, weil wir vielleicht nicht helfen, obwohl wir es können.

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Uwe Gerd Liebert 3 min
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MDR um 4 Di 31.03.2020 16:00Uhr 02:35 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. April 2020 | 15:20 Uhr

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