ein altes Foto vom Krematorium des KZ an einer Pinnwand
Alte Privatfotos zeigen unter anderem die Stelle, wo sich das Krematorium des Lagers befunden hatte. Bildrechte: MDR/Karin Bühner

Geschichte KZ-Außenlager Ellrich: Dem Grauen einen Namen geben

Im ehemaligen KZ-Außenlager Ellrich im Kreis Nordhausen sind Massengräber gefunden worden. Wie die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora mitteilte, handelt es sich um die Überreste von über 1.000 Häftlingen. Die Leichen wurden im März 1945 im Krematorium und auf Scheiterhaufen verbrannt. Im KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte waren zwischen Mai 1944 und April 1945 durchschnittlich 8.000 Menschen aus vielen Ländern Europas inhaftiert. Die Hälfte überlebte das Grauen nicht.

von Karin Bühner

ein altes Foto vom Krematorium des KZ an einer Pinnwand
Alte Privatfotos zeigen unter anderem die Stelle, wo sich das Krematorium des Lagers befunden hatte. Bildrechte: MDR/Karin Bühner

Der Wald kommt ganz nah an die Lager-Ruinen heran. Ein Gedenkstein erinnert an das Grauen. Doch längst ist die Geschichte um das Konzentrationslager Ellrich-Juliushütte nicht aufgearbeitet. Die deutsch-deutsche Teilung hatte das verhindert. Hier war Sperrgebiet. Neue Funde bringen nun die Erinnerung.

Alte Fotos zeigen Leichenbrand

Auf die verbrannten Überreste der Häftlinge des Konzentrationslager Ellrich-Juliushütte war man durch alte Privat-Fotos gestoßen. Rund 100 Fotos seien in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen abgegeben worden, sagte der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner. Darunter befanden sich auch Fotos, die ein amerikanischer Soldat gemacht hatte. Experten untersuchten danach die Stelle, wo sich das Krematorium des Lagers befand, und stießen auf die Massengräber.

Gras drüber gewachsen

Direkt unter der Grasnarbe befinden sich die menschlichen Überreste von über 1000 Häftlingen. Da die SS bis März 1945 penibel Buch geführte habe, seien auch die Namen von rund 800 Häftlingen bekannt. Es handelt sich zumeist um polnische und sowjetische Zwangsarbeiter.

An Entkräftung gestorben

Die Häftlinge starben an Entkräftung.Sie waren in halb verfallenen ehemaligen Gipsfabriken in der Nähe des Ellricher Bahnhofes ohne sanitäre Einrichtungen untergebracht. Mindestens zwölf Stunden mussten sie in unterirdischen Stollen im Südharz arbeiten, waren auch bei Produktion der sogenannten Vergeltungswaffen eingesetzt. Wie Jens-Christian Wagner weiter schilderte, hatten die Häftlingen nur drei Stunden Schlaf und hungerten. "Es war das Lager mit der höchsten Todesrate."

Geschichte aufarbeiten

Ellrich ist nach Buchenwald, Mittelbau Dora und Bergen-Belsen in Mittel- und Nordwestdeutschland mit Abstand das größte Konzentrationslager gewesen. Weil es auf der deutsch-deutschen Grenze lag, geriet es weitestgehend aus dem Bewusstsein. In den 1960-er Jahren wurde das KZ-Krematorium durch den Bundesgrenzschutz gesprengt. Nun sollen für die Opfer Sammelgräber angelegt werden. Die Überreste werden geborgen und bestattet. Außerdem sollen Wege zu dem Gräberfeld angelegt werden. Unter Federführung der Nachbar-Gemeinden Walkenried in Niedersachsen und Ellrich in Thüringen hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, um die Gräber zu kümmern und den Erinnerungsort zu gestalten.

Die Geschichte rückt neu ins Bewusstsein.

Christopher Wagner Bürgermeister Walkenried

Der Ellricher Bürgermeister Henry Paseno sagte, durch die Grenzsituation und das Sperrgebiet seien die Geschehnisse bei weitem nicht aufgearbeitet. "Das wollen wir jetzt nachholen". An das Konzentrationslager erinnert bisher ein Gedenkstein. Das Bemühen, den Ort besser zu erschließen, hat die Deutsche Bahn abgelehnt. Ziel war es, vom Bahnhof Ellrich ein Fußgängerüberweg zum ehemaligen Lager zu bauen. Bis jetzt führt zum Ort des Grauens nur ein schmaler Holperweg.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. Juni 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2019, 19:38 Uhr

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9 Kommentare

08.06.2019 15:26 Ute 9

Es fällt schon auf, das die Deutsche Bahn bei der Aufarbeitung der NS- Verbrechen nicht mitmachen will.
Hat da die Deutsche Bahn etwa was zu verbergen? Es war ja sie, die damals die Häftlinge und Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene von A nach B transportierte. Aber so ein Großunternehmen wie die DB hat es wahrscheinlich nicht nötig Zugeständnisse zu machen.

07.06.2019 08:29 kleinerfrontkaempfer 8

"In den 1960-er Jahren wurde das KZ-Krematorium durch den Bundesgrenzzschutz gesprengt."
Auch eine Art Vergangenheitsbewältigung.

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