Serie I Starke Frauen Sie können mich aussperren, aber nicht aufhalten - Jacqueline Althaus aus Bad Langensalza

In diesem November wird das Frauenwahlrecht in Deutschland 100 Jahre alt. MDR THÜRINGEN zeigt, wofür Frauen in Thüringen in unserer Zeit kämpfen. Heute: die Physiotherapeutin und Betriebsrätin Jacqueline Althaus aus Bad Langensalza. Seit sechs Monaten ist sie ausgesperrt, aber Aufgeben kommt für sie nicht in Frage.

von Grit Hasselmann

Jacqueline Althaus ist Physiotherapeutin mit Leib und Seele. Sie liebt ihre Arbeit. Es macht ihr Spaß, mit Menschen zu arbeiten. Der Job ist nie langweilig, jede Behandlung ist anders. Dazu kommt, dass sie ihren Patienten sehr nahe kommt und man dadurch sehr offen miteinander umgeht. Und es ist ein Beruf, in dem man immer dazu lernt. Nach der dreijährigen Ausbildung gibt es immer wieder Kurse und Weiterbildungen. "Und dann entwickelt sich ja auch das Fachwissen ständig weiter. Immer neue Erkenntnisse fließen in die Behandlungen ein“, schwärmt Jacqueline Althaus. "Physiotherapeuten sind sehr leidenschaftlich, was ihre Arbeit angeht.“

Aussperrung wegen des Streiks

Und doch treffen wir uns mitten in der Woche hier im Café. Der Grund: Ihr Arbeitgeber, die Celenus Klinik an der Salza, hat sie ausgesperrt. Dabei handelt es sich um eine so genannte "Arbeitskampf-Abwehr-Maßnahme“. Denn die Klinik wird seit langem bestreikt, um die Arbeitsbedingungen und die Löhne der Mitarbeiter zu verbessern. Anfangs waren fünf, mittlerweile schon zwölf Leute ausgesperrt.

Eine solche Aussperrung ist zwar zulässig, wirkt aber wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Zuletzt wurde dieses Mittel 1988 in Deutschland angewendet. Jacqueline Althaus darf also seit dem 8. Mai dieses Jahres nicht mehr in der Klinik arbeiten. Lohn bekommt sie keinen in dieser Zeit. Nur das Streikgeld von der Gewerkschaft. Kündigen kann man ihr nicht, weil sie Betriebsrätin ist. Die Vorsitzende des Betriebsrates, um genau zu sein.

Man merkt Jacqueline Althaus an, dass ihr das alles sehr nahe geht. Obwohl die Reaktionen der Kolleginnen ihr Mut machen. Die meisten sind positiv. Obwohl viele natürlich auch vorsichtig sind, irritiert, nicht so recht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Während manche Fragen stellen zum Betriebsrat, zum Streik oder zur Tarifkommission, werfen andere ihr Nestbeschmutzung vor und dass sie die ganze Klinik schädigt. Dazu kommt, dass ihre Stelle nicht neu besetzt wurde, die übrigen Kolleginnen müssen sie ersetzen. Derzeit wird die Ambulanz nicht mehr bedient.

Aufgeben ist keine Option

Und all dem stellt sich Jacqueline Althaus. Kommt immer wieder in die Klinik. Zumal sie viel zu tun hat, denn seit 2016 ist sie Vorsitzende des Betriebsrates. Zuletzt hatte sie die beiden Frauen unterstützt, die wegen des Verteilens von Flugblättern ihre Kündigung erhielten. Der Betriebsrat hatte seine Zustimmung verweigert, die beiden Frauen hatten geklagt und gewonnen.

Aber das war alles andere als einfach. Nach dem ersten Schock erwachte bei allen Beteiligten der Kampfgeist. Dann begann die Vorbereitung. Vergleichbare Fälle wurden angeschaut, mit der Gewerkschaft geredet. Ein halbes Jahr dauerte das alles. In dieser Zeit brauchten die Frauen aber nicht nur praktische Hilfe, sondern auch psychische Unterstützung.

Aber sich gegen solche Ungerechtigkeiten zu wehren ist ein Grundrecht, das man auch in Anspruch nehmen muss.

Jacqueline Althaus

Bei Jacqueline Althaus klingt das sehr ruhig, ganz unaufgeregt. "Sonst bleibt irgendwann von diesen Rechten nichts mehr übrig.“ Sie vermutet, die Geschäftsleitung der Klinik hatte erwartet, dass sie sich verkriecht, klein beigibt. Doch das Gegenteil war der Fall. Sie hat sich einfach ein dickeres Fell zugelegt. "Dinge, die man angefangen hat, soll man auch durchziehen.“

Dieses Lebensmotto versucht sie übrigens auch ihren Töchtern mitzugeben. 16 und 22 sind die beiden jetzt alt. Und sie lernen von ihrer Mutter nicht nur alles über gesunde Körperhaltung, sondern eben auch darüber, dass es sich zu kämpfen lohnt für etwas, was einem wichtig ist.

Den Horizont öffnen

Jacqueline Althaus wohnt mit ihrer Familie in Mühlhausen. Sie mag es gemütlich, liebt ihren Garten mitten in der Stadt. Aber sie ist auch gern draußen, beobachtet die Natur, fotografiert. Dass Frauen in Deutschland erst seit 100 Jahren wählen können, ist für Jacqueline Althaus eigentlich traurig. Und sie findet es auch dumm, anderen weniger Rechte einzuräumen, als sich selber. Egal, ob es das andere Geschlecht ist, die Natur oder Menschen anderer Nationalität.

Es lebt ja keiner für sich allein. Wir sind eine Gemeinschaft.

Jacqueline Althaus

Toleranz ist sehr wichtig für sie. Nicht nur im Arbeitskampf, sondern auch im Privaten. Sie öffnet den Horizont. Ob sie mit dem Wissen von heute, mit all den Behinderungen und psychischen Belastungen wieder Betriebsrätin geworden wäre? „Auf jeden Fall! Anderen zu helfen, ihre Rechte durchzusetzen, das ist etwas Wunderschönes. Und es lohnt sich doch zu kämpfen, wenn man Verbesserungen sieht.“

Aussperrung Nach Artikel 9 GG hat der Arbeitgeber das Recht, sich im Arbeitskampf gegenüber den Arbeitnehmern von den Arbeitsverhältnissen und der Lohnzahlungspflicht wenigstens zeitweilig zu lösen. I. d. R. ist die Aussperrung Abwehrmaßnahme gegen einen Streik. Nach den vom Bundesarbeitsgericht entwickelten Grundsätzen steht die Aussperrung , wie alle Arbeitskampfmittel, unter dem Gebot der Verhältnismäßigkeit. Danach darf die Aussperrung grundsätzlich nur mit suspendierender Wirkung erfolgen, d. h., es müssen nach Beendigung des Arbeitskampfes die Arbeitsverhältnisse wieder aufleben. Die Aussperrung ist keine Kündigung, sodass die Mechanismen des Kündigungsschutzes nicht greifen. Nach dem Ende der Aussperrung ist der Arbeitgeber zur Wiedereinstellung der Arbeitnehmer verpflichtet.
Quelle: Duden Recht A-Z. Fachlexikon für Studium, Ausbildung und Beruf.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR spezial | 09. November 2018 | 08:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2018, 20:52 Uhr

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8 Kommentare

20.11.2018 13:47 Ekkehard Kohfeld @Grünes Nakedei alias Akt. alias mare nustrum alias Voice usw. Erkennungszeichen "nö". 8

Mal langsam. Die Klinik sperrt die Betriebsrätib aus, weil die Klink bestreikt wird. (Sonst wäre die Aussperrung sicher nicht verhältnismäßig.) Da kann man schon davon ausgehen, dass die Mitglieder des Betriebsrats die ersten sind, die streiken. Haben Sie den Artikel eigentlich inklusive des Info-Kastens gelesen?##Im Gegensatz zu ihrem Kollegen ja,es geht nicht nur um den Streik sondern um aussperren,zudem stand in dem Kommentar etwas von der AFD was sie auch geflissentlich überlesen,was hat das mit diesem Thema zu tun.

20.11.2018 12:38 Denkschnecke 7

@ Ekkehard Kohfeld
Mal langsam. Die Klinik sperrt die Betriebsrätib aus, weil die Klink bestreikt wird. (Sonst wäre die Aussperrung sicher nicht verhältnismäßig.) Da kann man schon davon ausgehen, dass die Mitglieder des Betriebsrats die ersten sind, die streiken. Haben Sie den Artikel eigentlich inklusive des Info-Kastens gelesen?

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